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  • 21.09.2016
  • von Jan Kixmüller

Debatte um NS-Zeit in ostdeutschen Museen: Leerstelle Nationalsozialismus

von Jan Kixmüller

Vor Ort. Zur Darstellung der NS-Geschichte empfehlen Experten, stärker auf Ortsgeschichte und Biografien abzuheben. Die Beschäftigung mit dem Alltag schaffe einen leichteren Zugang als bloße Faktengeschichte. Das Bild zeigt einen Umzug des Potsdamer Handwerks in der Brandenburger Straße am 15. Oktober 1933. Foto: Ernst Eichgrün/Potsdam Museum

Im Potsdam Museum haben sich Historiker und Ausstellungsmacher gefragt, warum die NS-Zeit in ostdeutschen Museen seit der Wende oftmals zu knapp dargestellt wird. Sie empfehlen, in Zukunft verstärkt auch die Alltagsgeschichte vor Ort mit einzubeziehen.

Potsdam - Mit dem Ende der DDR verschwanden auch die Ausstellungen zur Zeit des Nationalsozialismus aus den Stadt- und Regionalmuseen Ostdeutschlands. Quasi über Nacht wurden auch in Brandenburg die meisten abgeräumt, der staatlich verordnete Antifaschismus war kein Thema mehr, fortan beschäftigte man sich vornehmlich mit der eigenen DDR- und Wendegeschichte. Bis heute sind Dauerausstellungen zur NS-Zeit in den kleinen Museen jenseits der Gedenkstätten „relativ dünn“ gesät, wie Susanne Köstering vom Museumsverband des Landes Brandenburg am Montag zur Eröffnung der Tagung „NS im Museum – jenseits und diesseits der Wende“ im Alten Rathaus feststellte.

Belastende Epoche 

Die Tagung ist Abschluss des Forschungsprojekts des brandenburgischen Museumsverbandes: „Entnazifizierte Zone? Zur Darstellung des NS in ostdeutschen Museen“, das unterstützt wird von der Bundesstiftung Aufarbeitung und der Stiftung EVZ. Organisiert wird die Tagung in Kooperation mit dem Zentrum Zeithistorische Forschung (ZZF) Potsdam. Die Entwicklung der vergangenen 15 Jahre habe gezeigt, dass die NS-Zeit in den Regional- und Stadtmuseum nur in kleinen Abteilungen und oftmals gar nicht dargestellt wird, fasste Köstering zusammen. Für Brandenburg bedeute dies, dass es nur in rund zehn Prozent der Museen eigene Ausstellungsbeteiligungen zur NS-Geschichte gibt. In den mit viel Geld neu gestalteten Dauerausstellungen seien meist nur Ausschnitte, Hinweise und Fallbeispiele zum Dritten Reich zu finden. „Aber wäre es nicht notwendig, diese Zeit als eine uns nachhaltig belastende Epoche hervorzuheben, im Sinne eines Auftrags der Museen?“, fragte Köstering. Häufig sei die NS-Zeit nur etwas formelhaft gezeigt, es habe die Zeit und das Geld gefehlt, neue Forschung zu betreiben, die Ortsgeschichte über die Zeit 1933/34 neu zu betrachten. Zu oft verbleibe man hier im Allgemeinen.

Unliebsames Negativ-Image

Köstering hat im Austausch mit Kollegen festgestellt, dass es oft schwierig war, eine neue Haltung zum Hitler-Faschismus zu entwickeln. „Die alte Antifa-Haltung aus der DDR konnte nicht mehr übernommen werden, aber was trat jetzt an deren Stelle?“ Hinzu komme ein gewisses Negativ-Image, das gerade auch Träger von Museen dieser Zeit zumessen, die sie nicht so gerne als dunkelbraune Jahre der Diktatur in ihren Museen hervorgehoben sehen wollen. „Weil sie ihrer Stadt nun ein positives neues Image geben möchten“, so Köstering. Eine anderes Ursache für die mangelnde Vertiefung der NS-Geschichte in den Lokal-Museen sieht Köstering auch darin, dass seit den 1990er-Jahren in den Gedenkstätten ein intensiver Diskurs über neue Ausstellungen und Darstellungsweisen stattgefunden hat. „So intensiv, dass man glaubte, dem nicht standhalten zu können, beziehungsweise auch ganz froh war, dass die Kollegen in den Gedenkstätten hochprofessionell und in didaktisch erstklassiger Weise dieses schwierige Thema behandelten“, sagte Köstering. Das habe ein Stück weit entlastet. „Damit können wir uns als Museumsverband natürlich nicht zufrieden geben, wir sind der Meinung, dass es gerade auch die Aufgabe der kleinen Stadt- und Landesmuseen in Brandenburg ist, die ureigene Geschichte des Ortes auch im Nationalsozialismus zu erfassen.“ Einen weiteren Grund, sich der NS-Zeit unzureichend zuzuwenden, vermutet Köstering in der sehr breiten Diskussion in den Museen zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte. „Die fand berechtigterweise statt – aber das große Interesse an der Auseinandersetzung mit der Aufarbeitung der DDR-Geschichte kann nicht bedeuten, dass dahinter die NS-Diktatur ganz klein zusammengeschmolzen wird“, betonte Köstering. Darauf habe der Museumsverband immer wieder hingewiesen. „Jede Generation muss das aufs Neue machen.“ Das Thema habe gerade vor dem weiterhin erstarkenden Rechtsextremismus hohe Relevanz: „Es ist ganz wichtig, wie die neuen Generationen sich dieser Geschichte nähern und daraus lernen können.“

Ein Bündel von Ursachen

Das gut einjährige Forschungsprojekt war von der Hypothese ausgegangen, dass die für Antifa-Ausstellungen in der DDR im Wesentlichen vorgegebenen Paradigmen als Belastung für die spätere Auseinandersetzung mit dem Thema nachwirkten. Der Historiker Jürgen Danyel, der mit Irmgard Zündorf für das Potsdamer ZZF an dem Projekt beteiligt war, kommt zu dem Fazit, dass es nicht diesen einen Grund für die zurückhaltende Darstellung der NS-Zeit in kleinen und Regionalmuseen in den neuen Bundesländern gibt. Vielmehr komme ein ganzes Bündel von Ursachen zum Tragen: „Das reicht zurück in die DDR, betrifft die Veränderungen 1989/90 und umfasst die Probleme der deutschen Vereinigungsgesellschaft“, sagte Danyel den PNN. Die Untersuchung habe unter anderem auch sichtbar gemacht, welche Differenzierung es in der DDR zum Nationalsozialismus in den Museen gegeben hat. So hätten beispielsweise Ausstellungsmacher in den 1980er-Jahren aus persönlich-biografischer Prägung heraus mit Objekten und der Inszenierung zum Teil gegen die Thesen, die in den Texten vorgegeben waren, angearbeitet. Die schwierigste Frage allerdings könne auch das aktuelle Projekt nicht beantworten, die nach der Wirkung der Krise des verordneten DDR-Antifaschismus in den 80er-Jahren auf die Gesellschaft.

Aufholbedarf, auch im Westen

Der Befund, dass es eine Leerstelle Nationalsozialismus heute in regionalen und lokalen Museen im Osten gibt, sei nach wie vor aktuell, so Danyel. „Hier gibt es einen Aufholbedarf, auch im Westen, wo man allerdings bereits ein Stück weiter ist.“ Hier sei ein Prozess in Gang gekommen. Oft würden aber auch die neuen Ausstellungen in der allgemeinen Erzählung verbleiben, anstatt sich wirklich auf die Ambivalenzen der regionalen Kontexte einzulassen. „Daran muss sicherlich noch gearbeitet werden.“ Darin liege auch eine Chance, die methodischen Fragen, wie man die NS-Zeit im Museum überhaupt ausstellen kann, noch einmal neu zu stellen.

Potsdamer Debatte  

In Potsdam hatten im vergangenen Jahr mehrere namhafte Historiker die Einrichtung einer eigenständigen und dauerhaften Sonderausstellung zum Thema NS in der Stadt gefordert (siehe Kasten). Seitens der Stadt hieß es damals, das Thema sei erkannt und auf dem Weg – was nun weiterhin gelte. Die Direktorin des Potsdam Museums, Jutta Götzmann, kündigte auf der Konferenz immerhin an, dass derzeit ein temporäres Ausstellungsprojekt zur Zeit vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges in Potsdam und in Babelsberg geplant werde. „Die gesellschaftlichen und sozialen Verwerfungen und Kämpfe dieser Zeit lassen sich gerade anhand der Stadt Potsdam als ehemalige Residenz der Hohenzollern in besonderer Weise nachvollziehen“, sagte sie. Die Ausstellung soll von Herbst 2018 bis Frühjahr 2019 zu sehen sein. Dass es nicht unbedingt eine Einzelausstellung sein muss, sagte Susanne Hagemann, die sich für das Projekt mit der Darstellung des NS in der Gegenwart befasst hat. Schließlich habe alles parallel stattgefunden, das normale Alltagsleben, Diktatur und Krieg. Daher sollte man das auch zusammen darstellen. Den NS-Teil in der Dauerausstellung des Potsdam Museums hält sie zwar für komplett, was die NS-Zeit betrifft – vom „Tag von Potsdam“ über Verfolgung und Zwangsarbeit bis zum Widerstand –, allerdings sei die Darstellung zu steril. „Das ist Faktengeschichte, es fehlen die Zugänge, das wirkt eher wie eine Pflichtübung“, sagte Hagemann den PNN. Die Kulturwissenschaftlerin empfiehlt, über Lebensgeschichte und Biografien Zugänge zu schaffen.

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