26.07.2017, 17°C
  • 20.07.2016
  • von R. Rabensaat

Geschichten aus der Geschichte

von R. Rabensaat

Historisches Quartett bespricht am Zentrum für Zeithistorische Forschung Neuerscheinungen

Warum Bücher von Historikern eigentlich immer so langweilig sind, fragte Annette Schuhmann vom Portal Zeitgeschichte Online des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) selbstkritisch. Historiker recherchieren Quellen, versuchen aus Bruchstücken ein transparentes Bild zu entwerfen, das sich möglichst genau am nachweisbaren Zeitgeschehen orientiert. So richtig spannend ist das häufig aber nicht. Dass Geschichte auch anders erzählt werden kann, zeigen die Bücher, die vom Historischen Quartett am ZZF nun vorgestellt wurden. Zeithistorie spielte dabei eine gewichtige Rolle, aber es ging um Prosa von Historikern, nicht um Wissenschaft.

Die Zusammenfassung von Friedrich Christian Delius Buch „Die Liebesgeschichtenerzählerin“, an der sich der Historiker Jan Bauer versuchte, schien nicht ganz so einfach. Eine verwickelte Familiengeschichte, die sich über mehrere Generationen hinzieht. Jeder ist anscheinend mit jedem irgendwie verknüpft. So recht durchgängig sei die Erzählung nicht. Einzelne Absätze und Handlungsstränge brächen abrupt ab, was die Lektüre nicht gerade erleichtere, so Bauer. Zudem werde nicht einfach nur eine Geschichte erzählt. Thema sei die Reflexion über die Möglichkeiten des Erzählens. Dennoch kommt Anke te Heesen zu dem Schluss: „Es ist ein großartiges Buch über deutsche und preußische Gesichte, von einem unglaublich eloquenten Autor mit großer erzählerischer Dichte geschrieben.“

Den Gegenpol zu dem sehr persönlichen Buch von Delius bildet der amerikanische Anthropologe David Graeber mit seinem Buch: „Bürokratie“. Eigentlich sei Graeber ein Anarchist, der seine kantige Meinung gerne lautstark vortrage, so die Historikerin Anke te Heesen. Die subjektive Wucht der Argumentation mache das Buch interessant. Graeber, der an der London School of Economics lehrt, habe im New Yorker Alltag genau beobachtet, in welchen bürokratischen Wirrungen sich der moderne Mensch verfange. Das sei anschaulich und gelegentlich detailverliebt. Als die Mutter des Autors stirbt, erkennt Graeber, dass es mit der Organisation des Begräbnisses nicht getan ist. Ein ganzer Rattenschwanz von Bürokratie folgt dem Ableben. Dieses Beispiel aus dem ganz kleinen privaten Bereich lasse sich auch auf den globalen Maßstab übertragen, folgert Graeber. „So ein Buch darf man nicht kaufen. Mit dem Autor würde ich nicht einmal einen Schluck Wasser trinken“, empört sich Martin Bauer. Unglaublich schlecht sei die Übersetzung aus dem Englischen. Über eine Zeichnung von holzschnittartigen Strukturen komme der Autor nicht hinaus. So könne die gegenwärtige Zeitgeschichte nicht erfasst werden.

Dem Autor Simon Hall gelingt das anscheinend besser. Das Jahr 1956 beleuchtet er aus verschiedenen Perspektiven und legt seinen Erzählstrang über den ganzen Globus. Es war das Jahr des Ungarnaufstandes, der Suezkrise. Viele Völker rebellierten: in Ungarn, in Kuba, in den USA, wo Schwarze ihre Rechte artikulierten. Da habe es eine Verbindung gegeben, die Protestierenden hätten solidarisch für mehr Freiheit und Gleichheit gekämpft, so Hall. Das Ganze sei zwar spannend erzählt, wie ein YouTube-Clip mit Cliffhanger. Aber die Beschränkung der Recherche des Autors fast ausschließlich auf Zeitungsquellen sei dann doch ein wenig problematisch, findet der Historiker Jan-Holger Kirsch.

Auch Durs Grünbein erzählt von der Geschichte. Er verwebt seine Kindheit mit dem Zeitgeschehen in Hellerau. Den untergegangenen Realsozialismus hat er als Gefängnis empfunden. Ob der Roman wirklich das passende Format für den Poeten Grünbein ist, da sind sich die Diskutanten nicht ganz einig. „Ein Buch voll von Belehrungen, man hört den abgespreizten Finger“, so Schuhmann. R. Rabensaat

Social Media

Umfrage

Soll die Biosphäre abgerissen werden, wie es die Grünen-Fraktion im Stadtparlament nun fordert? Stimmen Sie ab!