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  • 08.07.2016
  • von Steffi Pyanoe

Potsdamer Studenten entwickeln alternative Flüchtlingsunterkünfte: Holzhaus statt Turnhalle

von Steffi Pyanoe

Klein aber was Eigenes. Das Modell für das von Studenten entwickelte Wohnmodul „Make Space“ kann man sich auf dem FH-Campus anschauen. Die kleinen Einzelzimmer bieten etwas Privatsphäre. Die Module sind stapelbar. So könnte man Massenunterkünfte wie Zelte und Hallen ersetzen, sagen die Studenten. Fotos: Andreas Klaer

„Make Space“ heißt ein Projekt von Potsdamer Studenten zur alternativen Unterbringung von Flüchtlingen. Sie entwickelten und bauten ein Haus, das sich als Alternative für Massenunterkünfte eignen könnte. Doch es gibt einige Hürden.

Potsdam - Das Gefühl ist wie in einem schwedischen Ferienhaus. Der Holzboden federt ein wenig. Durch die Wände dringt, gedämpft, die Außenwelt. Aber man ist für sich, man könnte die Tür hinter sich schließen, das Licht in seinem Zimmer löschen, wenn man schlafen will. Oder sich in der gemeinsamen Wohnküche aufhalten. Und wenn man duschen oder zur Toilette will, dann müsste man dort nicht anstehen. Weil sich nur drei Personen diese Wohnung teilen.

Alles Selbstverständlichkeiten für ein menschenwürdiges Wohnen. In den meisten Flüchtlingsunterkünften sieht es anders aus. Wer in einer Turnhalle oder Leichtbauhalle untergebracht ist, teilt sich die Toilette mit mehr als 20 Personen. Privatsphäre gibt es nicht. Ruhe? Nie.

"Wie kann man bauen, um einer Ghettoisierung von Flüchtlingen vorzubeugen?"

Studenten der Fachhochschule Potsdam und der Universität, darunter künftige Architekten und Bauingenieure, haben jetzt in dem Kurs „Make Space“, zu Deutsch Raum schaffen, ein Holzhaus entworfen und gebaut, das sich als Alternative für Massenunterkünfte eignen könnte. „Wir wissen alle, dass eine dauerhafte, möglicherweise jahrelange Unterbringung in Massenunterkünften psychisch krank macht“, sagt Johanna Hoffmann, die an der FH Potsdam Kommunikationsdesign studiert und an dem Projekt unter Leitung von Professor Holger Jahn teilgenommen hat. „Wir haben uns also gefragt: Wie kann man bauen, um einer Ghettoisierung von Flüchtlingen vorzubeugen? Menschenwürdig, günstig und nachhaltig.“ Das Ergebnis des Seminars kann man jetzt besichtigen. In einer alten Werkhalle, der sogenannten Panzerhalle auf dem Gelände des Campus in der Pappelallee, wurde das Modell eines Prototyps aufgebaut. Hier kann man sich das Holzhaus im Maßstab eins zu eins erlaufen, die Größenverhältnisse erfahren. Die Möbel wurden auf dem Boden eingezeichnet, auch Bad- und Kücheneinrichtung. Drei Personen leben hier auf 60 Quadratmetern. Mit eigenen Zimmern und Tageslicht.

Die Idee zu dem Projekt kam von den Nutzern des Jugendkulturzentrums Freiland. Sie hatten im vergangenen Jahr kritisiert, dass eine Leichtbauhalle als Flüchtlingsunterkunft neben das Zentrum gesetzt werden sollte. Sie wünschten sich eine menschenwürdigere Unterbringung, kein Massenquartier. Nun haben die Studenten einen Vorschlag gemacht: Auf derselben Grundfläche und für dieselben Kosten, die man für eine Halle braucht, könnte man ebenso viele Menschen unterbringen. Beziehungsweise wohnen lassen. „Das geht, weil wir die Module bis zu vier Etagen hoch bauen könnten“, sagt Interface-Student Fabian Dietrich. Und weil sie den nachwachsenden Rohstoff Holz verwenden. Solche Häuser, ähnlich wie die Holzhäuser in Skandinavien, Kanada oder den USA, können Jahrzehnte halten. Sind schnell auf- und abgebaut. Und flexibel zu gestalten. Insofern, so die Studenten, ist diese Bauweise auch für studentisches Wohnen oder Menschen, die von Wohnungsnot bedroht sind, geeignet.

Umsetzung der Idee ist schwierig

Hauptzielgruppe sind allerdings Flüchtlinge. Mit denen sich die Studenten im Vorfeld unterhalten haben – über ihre Wünsche, Bedürfnisse, Verbesserungsvorschläge. Gern hätten sie auf dem Areal der vom Freiland verhinderten Leichtbauhalle den Prototyp aufgebaut. Aber das wiederum wollte die Stadt nicht. Die Stadt wollte ihnen ein anderes Grundstück zum Bauen überlassen. Doch dort wäre es nicht möglich gewesen, die vorgeschriebenen Abstände zu Nachbarhäusern und zur Grundstücksgrenze einzuhalten. Als Bauherren würden sie sich auch mit rechtlichen Dingen, Bauanträgen, Brandschutz und diversen anderen Vorschriften auseinander setzen müssen. Die Studenten ahnen mittlerweile, wie schwer eine Umsetzung ihrer Idee werden könnte. Aber nicht überall ist Deutschland, sagt Fabian Dietrich. „Die Anwendung ist überall denkbar, irgendwo in der Steppe oder im urbanen Bereich. Wir stellen das erst mal zur Diskussion. Aber wir würden gern beweisen, dass es funktioniert. Wir hätten das Haus dazu gern an prominenter Stelle, zum Beispiel auf dem Streifen zwischen Ebert-Straße und alter Fachhochschule, aufgebaut.“

Etwas mehr Unterstützung hätten sie sich dazu von der Stadt Potsdam gewünscht. „Solange es nur um die Idee ging, war man dort sehr begeistert. Als wir um konkrete Unterstützung bei der Umsetzung baten, kam nichts mehr“, sagt Dietrich. Weder Vertreter der Stadt noch von Trägern der Flüchtlingshilfe sind zur Eröffnung der Ausstellung des ersten Modellhauses gekommen. Interesse zeigten eher Architekten, die sich mit dem Thema Holz als Baustoff beschäftigen. Prominente Unterstützung kam indes von Buchautor, Liedermacher und Comedian Marc-Uwe Kling, der den Erlös zweier Auftritte für das Projekt spendete.

Im Herbst wird der Kurs fortgesetzt. Ziel ist eine Online-Bauanleitung, die den Nachbau eines solchen Holzhauses weltweit möglich macht. Bis zum 23. Juli kann man sich den realen Entwurf auf dem Campus in der Pappelallee anschauen.

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