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  • 25.05.2016
  • von Richard Rabensaat

Das ZZF untersucht die Situation der Flüchtlinge: Das Schicksal Flüchtling

von Richard Rabensaat

Als Ali Ahmade darüber spricht, wie er in der Türkei auf das Boot gelangt, das ihn nach Griechenland bringen soll, fließen Tränen bei vielen im Publikum. Der 15-jährige Afghane ist heute in Sicherheit in der Bundesrepublik. Über die Flucht hat er ein Gedicht geschrieben. Bei einem mehrmonatigen Workshop haben er und sechs andere Jugendliche versucht, die erschütternden Erfahrungen, die sie bei ihrer Reise nach Deutschland gemacht haben, in Lyrik zu fassen.

Mit weißen, gebügelten Hemden, etwas nervös stehen sie vor dem Publikum in dem voll besetzten Veranstaltungssaal, als sie ihre Gedichte vortragen. Mit einem wissenschaftlichen Symposium wirft das Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) und das Hannah Arendt Center am Bard College ein Schlaglicht auf die verschiedenen Aspekte der aktuellen Situation der Flüchtlinge in Berlin.

„Der Begriff der Krise ist enorm unproduktiv“, sagt Marion Detjen vom ZZF. Es gelte den positiven Aspekt der gegenwärtigen Flüchtlingsströme zu erkennen. Schon immer habe es Flüchtlinge gegeben, so Detjen. Im Zweiten Weltkrieg floh die jüdische Philosophin Hannah Arendt nach Amerika. Dort angekommen schrieb sie einen Essay über ihre Erfahrungen und die Folgerungen daraus. „Wir Flüchtlinge“ plädiert für eine neue Sicht der Flüchtlinge auf die Welt, in die sie geworfen worden sind. Durch die immer weiter fortschreitende Auflösung der Nationalstaaten seien sie die eigentliche Avantgarde, die sich in einer Situation befände, die künftig noch viel mehr Menschen betreffen würde, schrieb Arendt 1943. Wie die gegenwärtige Entwicklung in Syrien zeigt, hatte die Philosophin Recht.

Einen probaten Lösungsvorschlag konnte allerdings auch Arendt nicht aus der Tasche zaubern. Einer Weltregierung stand sie skeptisch gegenüber. Eine übernationale Rechtsordnung und ein Internationaler Gerichtshof waren Rechtsinstrumente, die überhaupt erst nach dem Zweiten Weltkrieg diskutiert wurden, als es galt eine Rechtsgrundlage für die Nürnberger Prozesse zu finden. Die besondere Situation der jüdischen Flüchtlinge des Zweiten Weltkrieges zeichnete sich dadurch aus, dass sie faktisch staatenlos und aller Rechte beraubt waren. Ein Deutschland, das sie als Menschen anerkannt und ihnen ein Lebensrecht zuerkannt hätte, gab es nicht mehr. Daher waren für Arendt nicht die Menschenrechte, sondern „das Recht, Rechte zu haben“, der Ausgangspunkt von Würde und Rechten von Flüchtlingen, so Gerhard Casper von der American Academy Berlin.

Wie sehr diese Würde leidet, beschrieben die jungen Flüchtlinge im Berliner Veranstaltungszentrum „Box Freiraum“ eindringlich. „Als wir über einen Bergpass kamen, lagen da lauter Leichen, darunter noch ein Sterbender“, erzählt einer der Flüchtlinge. Räuber hatten geplündert und gemordet. Sie gingen weiter. Was hätten sie tun sollen? „Da kam es mir schon reichlich absurd vor, als ich in Deutschland sah, wie drei Minuten nach einem Unfall mit nur einer Schramme am Auto die Polizei vorfährt“, so der Flüchtling.

Organisiert von der Journalistin Susanne Koelbl und dem Rechtsanwalt Aarash D. Spanta konnten sich die Flüchtlinge mehrfach treffen. Aber das war nicht einfach. „Immer wieder wurde die Gruppe auseinandergerissen, wenn einer der Teilnehmer in eine andere Unterkunft oder eine andere Stadt verlegt wurde“, so Koelbl. Es gelte das kulturelle Kapital der Flüchtlinge zu erkennen, erklärt Marion Detjen. Menschen mit einer ganz anderen Kultur, Literatur und Musik seien eine Bereicherung für das Land, das sie aufnimmt. 

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