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  • 18.05.2016
  • von Isabel Fannrich

Zwischen Luxus und Tristesse

von Isabel Fannrich

Repräsentieren im Volvo. Die DDR-Führung orderte Westwaren im großen Stil. Foto: dpa

Potsdamer Historiker haben die Geschichte der Waldsiedlung Wandlitz anhand bislang unbekannter Stasi-Dokumente aufgeschrieben

Es ist keine Enthüllungsgeschichte über die Politbüro-Siedlung Wandlitz – und es ist zugleich doch eine. „Zur DDR-Zeit wusste man wenig über Wandlitz, und doch wusste jeder etwas. Durch die hohe Zahl von Mitarbeitern sickerten Informationen, Halbwahrheiten und Gerüchte nach außen“, erzählt der Historiker Jürgen Danyel vom Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF). „Die Siedlung war ein Aufreger-Thema, und um sie kursieren bis heute Mythen.“ Nun haben ZZF-Historiker eine Ausstellung über den geheimnisvollen Ort zusammengestellt und ein Buch verfasst.

Nicht allein die Geschichte der Ende der 1950er-Jahre zwischen Bernau und Wandlitz nördlich von Berlin erbauten Anlage habe Danyels Interesse an einem „historisch-kritischen Überblick“ geweckt: „Die Waldsiedlung Wandlitz war mehr: Sie war eine Projektionsfläche für interne Widersprüche der DDR-Gesellschaft, für die Wahrnehmung auch der Unterschiede zwischen dem Lebensstil der Politik- und Machtelite und der Bevölkerung.“

Nicht zufällig bildet der 23. November 1989 den Dreh- und Angelpunkt des akribisch in Stasi- und anderen Akten recherchierten Buches „Waldsiedlung Wandlitz. Eine Landschaft der Macht“. Danyel beschreibt darin jenen Tag, als erstmals Journalisten die streng von der Öffentlichkeit abgeschirmte Wohnsiedlung der DDR-Spitzenpolitik besichtigen durften. Sie betraten damals eine im doppelten Sinne inszenierte Lebenswelt: Am Tag zuvor noch hatten Laster eilig die Westwaren aus dem „Ladenkombinat“, der Verkaufsstelle der ab 1960 bezogenen Anlage, beiseite geschafft. Und anstelle der teils mit Westwaren und Sonderanfertigungen ausgestatteten Wohnhäuser, in denen die Mitglieder und Kandidaten des Politbüros lebten, bekamen die Journalisten lediglich das bereits länger leer stehende Haus 17 zu sehen, in dem bis Frühjahr 1986 Herbert Häber und zuvor Albert Norden gewohnt hatten. „In den Zimmern standen noch einzelne Teile der alten Einrichtung, das ganze Haus wirkte bieder und trist“, heißt es in dem Buch.

Inszeniert und in höchstem Grade abgehoben war das Leben der DDR-Obersten auch deshalb, weil sie im sogenannten inneren Ring einer von der DDR-Staatssicherheit abgeschirmten und organisierten Anlage nicht mehr mit der Bevölkerung und ihren Alltagsproblemen in Berührung kamen. Im Gegenteil: Im Laufe der Zeit entwickelten SED-Funktionäre wie Erich Honecker oder Willi Stoph ein immer ausgeprägteres Konsumverhalten – und die Stasi ein ausgeklügeltes System, um die begehrten Westwaren auf geheimem Wege zu besorgen.

Was bislang nicht bekannt war: Sämtliche Sonderwünsche wie eigens angefertigte Polstermöbel oder für die Jagd umgerüstete West-Autos, die die Funktionäre bei der Verwaltung der Waldsiedlung anmeldeten, liefen über den Tisch von Stasi-Chef Erich Mielke. „Der Minister musste über die privaten Konsumbedürfnisse seiner Kollegen und deren Kinder und Enkel entscheiden“, bemerkt Elke Kimmel. Die Staatssicherheit habe hier weniger die Rolle der Überwachung als die eines Unternehmens übernommen: „Es sollte den höchsten Politikern an nichts fehlen.“ Mitte der 60er-Jahre zweigte der dem MfS unterstellte VEB „Staatliche Handelsobjekte Letex“ die Waren für das Ladenkombinat noch aus dem Centrum-Warenhaus am Berliner Alexanderplatz ab, die Westware dagegen stammte aus beschlagnahmter Zollware. Mit der Entspannungspolitik und dem Grundlagenvertrag von 1972 mussten Produkte aus der „BRD“ auf andere Weise beschafft werden. Alexander Schalck-Golodkowski, Leiter des Bereichs Kommerzielle Koordinierung, hatte dafür zunächst einen jährlichen Etat von einer Million Valutamark, die vom Mielke-„Sonderkonto 528“ stammten. Für besonders dringende oder schwer zu beschaffende Sonderwünsche war ab 1977 seine Ehefrau, Sigrid Schalck-Golodkowski, zuständig. Vier ihrer Mitarbeiter fuhren regelmäßig nach West-Berlin, um etwa Maßanzüge für Erich Honecker oder Umstandsmode für seine Tochter Sonja zu besorgen.

Die Ausgaben für den Unterhalt der Siedlung, aber auch der besonders luxuriös ausgestatteten Wochenendhäuser in der Umgebung von Wandlitz stiegen unter Staats- und Parteichef Erich Honecker bis 1990 auf 30 Millionen Ost-Mark jährlich an. Hinzu kamen hohe private Ausgaben: So konsumierten die Familien Schabowski, Honecker, Sindermann und Hager 1988 für jeweils deutlich über 100 000 Ost-Mark – mussten aber für die zu hohen Preisen beschaffte Westware deutlich weniger bezahlen als die normale Bevölkerung.

Unter dem Strich bestätigen die Forschungen zwar frühere Gerüchte über Wandlitz. Zugleich aber sei es dort viel profaner zugegangen als häufig vermutet, betont Jürgen Danyel: „Wer die Siedlung betritt, hat dort keine Reichtümer gefunden. Dort wurden auch keine Kleider aus Paris bestellt. Der Geschmack der politischen Führungsschicht der DDR war nicht weit entfernt vom Alltagsgeschmack vieler Menschen.“ Die Stärke des Buches liegt darin, Wandlitz in die Geschichte und den Niedergang der DDR einzuordnen: Das System der Sonderversorgung war ein nicht unbedeutender Wirtschaftsfaktor, der Devisen und DDR-Betriebe band – und damit die Krise der 80er-Jahre verstärkte. In den letzten Jahren, bis zu ihrem Rausschmiss Anfang 1990, zog sich die politische Spitze trotz aller Privilegien aus der abgeschirmten Wandlitz-Siedlung zurück und suchte, wann immer es ging, ihre Luxus-Datschen in der Umgebung auf. Isabel Fannrich

Die Ausstellung ist bis 9. November 2016 täglich außer freitags von 10 bis 18 Uhr zu sehen (weitere Infos im Internet: www.barnim-panorama.de).

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