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  • 27.04.2016
  • von Sarah Stoffers

Potsdamer Historiker diskutieren über die Flüchtlingskrise: Periodisch auftretende Wellen

von Sarah Stoffers

Migration und Flüchtlingsbewegungen gehören zur Normalität der Menschheitsgeschichte. So zumindest sehen es Historiker, die das Phänomen in der Geschichte betrachten. Neue Denkanstöße zur aktuellen Debatte um Flucht und Migration aus historischer Perspektive wollte das Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) zusammen mit der Körber-Stiftung und die Gerda-Henkel-Stiftung geben. Eingeladen hatte man am Montag dazu die beiden Zeithistoriker Ulrich Herbert und Michael Wolffsohn, es moderierte ZZF-Direktor Martin Sabrow.

In der Veranstaltung, die von Zuschauern per Live-Stream verfolgt und via Twitter kommentiert werden konnte, sollte die aktuelle Flüchtlingssituation in ihrer historischen Tiefe analysiert und die Debatten geschichtlich eingeordnet werden. Die beiden Historiker Ulrich Herbert und Michael Wolffsohn zeigten sich darüber einig, dass Migration und Flüchtlingsbewegungen nichts Ungewöhnliches sind. Für Herbert sind sie vielmehr ein Massenphänomen des 20. Jahrhunderts, in dem unter anderem die beiden Weltkriege und wirtschaftliche Notwendigkeit zu großen Migrationswellen geführt haben. Diese periodisch auftretenden Bewegungen haben immer zu Problemen geführt. Und auch die Fremdwahrnehmung mit der die Bewohner des Aufnahmelands den Migranten begegnen, wiederhole sich in der Geschichte immer wieder. Ängste und Vorurteile bestimmten dabei die Vorstellung von der jeweils neuen Migrationsgruppe, die häufig zu einem Problem erklärt wurde, das sich schwer bewältigen ließe.

Vor allem in wirtschaftlich schwachen Zeiten sei dies zu beobachten, wie beispielsweise in der Zeit der Rezession 1981/82, in der plötzlich eine große Mehrheit der Deutschen in Umfragen die Gastarbeiter ablehnte. Trotz der derzeitigen wirtschaftlichen Stabilität Deutschlands gibt es dennoch auch aktuell viele Sorgen angesichts der Flüchtlingskrise. Dies habe mit der Größenordnung und der Kürze der Zeit zu tun, in der sich der Migrationsstrom nach Europa bewegt.

Können historische Analogien dabei helfen, Rezepte für die heutigen Probleme zu finden?, fragte Martin Sabrow. Historische Vergleiche, so sehen es Herbert und Wolffsohn, sind sehr schwierig. Zu mannigfaltig und einzigartig seien die jeweiligen Migrationsbewegungen gewesen, als dass sich aus der Geschichte eine Lösung für die Gegenwart ableiten ließe. Dennoch habe vor allem die Politik aus der Vergangenheit gelernt. So sieht Herbert in der aktuellen Debatte durchaus, dass die Regierung ihre Lehre aus den Unruhen der 1990er-Jahre, wie in Rostock-Lichtenhagen, gezogen habe und versuche, die Situation zu entschärfen.

In Bezug auf die aktuelle Politik wurden die unterschiedlichen Standpunkte der beiden Gäste deutlich. Während Herbert vor einem aufkeimenden Nationalpopulismus und damit einhergehend einer Gefährdung der Demokratien Europas warnte, betonte Wolffsohn vor allem die moralische Verpflichtung, Menschen in Not zu helfen und Flüchtlinge aufzunehmen. Die Haltung der Mehrheit der europäischen Staaten sei ethisch skandalös.

Abschließend wagten die Historiker noch eine Prognose für die Zukunft. Demnach wird der Flüchtlingsstrom weiter zunehmen. Gefährdete Regionen, so Michael Wolffsohn, werden noch krisenanfälliger werden, was die Voraussetzungen für weitere Abwanderung und Flucht erhöhen werde. Lösungen auf regionaler Ebene zeichneten sich derzeit nicht ab. Diese Entwicklung wird, so Ulrich Herbert, zu einer weiteren Abschottung Europas und zu riesigen Lagern, wie in Jordanien und dem Libanon, führen. Dennoch glaubt Herbert, dass die europäische Gemeinschaft die Krise überstehen wird. Das Europa, das sich aus der ethischen Verantwortung des Zweiten Weltkrieges heraus gebildet hatte, sei jedoch heute vorbei. In Zukunft würden pragmatische Kompromisse die Politik bestimmen, erwartet der Historiker.

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