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  • 20.04.2016
  • von Richard Rabensaat

Das ZZF untersucht die Geschichte der Popkultur: Pop ist nicht planbar

von Richard Rabensaat

Am Beispiel der Popkultur könne eine übergreifende Kulturgeschichte geschrieben werden. Das schwebt dem Historiker Bodo Mrozek vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam (ZZF) vor. Auf einer Tagung lotete er unlängst mit Kolleginnen und Kollegen die historische Relevanz des Pop aus. Pop könne nicht nur in einem Land betrachtet werden, er sei ein epochen- und länderübergreifendes Phänomen. Zudem sei Pop nicht auf Konsum beschränkt, sondern ergreife ebenso Wirtschaft und Politik. Mrozek nennt Politiker wie John F. Kennedy und Willy Brandt, deren mediale Wirkung eigentlich ein Pop-Phänomen gewesen sei.

Die Historiker wollen heute herausfinden, was Pop überhaupt ist und was ihn so unwiderstehlich macht. „Pop ist das, was man zu einer bestimmten Zeit dafür gehalten hat“, so Mrozek. Es habe mit Konsum, mit dem übereinstimmenden Geschmack vieler Käufer von Tonträgern und Accessoires und einem bestimmten Selbstverständnis sowie Zeitgefühl zu tun. Zentral seien die Musik und das Zusammengehörigkeitsgefühl, das im 20. Jahrhundert vielfach dadurch geschaffen worden sei.

Die Musikindustrie wandelte sich. Die Beatles waren erschienen, das Radio spielte immer mehr englischsprachige Titel. Erst langsam formte sich auch in Deutschland eine lebendige Popkultur. Es entstanden viele kleine Plattenlabels, etliche Plattenläden und viele Garagenbands. Eine Musikkultur etablierte sich, die es zuvor so nicht gegeben hatte. Pop wurde auch Bekenntnis. Drei Tage lang feierten die Blumenkinder 1969 bei Woodstock friedlich mit Musikern, die sich demonstrativ gegen den Vietnamkrieg der USA positionierten.

Pop war nicht nur auf den kapitalistischen Westen beschränkt, erklärte Florian Lipp am Beispiel von Punk und Heavy Metal. Punker und Heavy Metal-Fans verstanden sich in der DDR meistens gut. Denn die Bands spielten an den gleichen Orten und wurden von der Staatssicherheit ähnlich argwöhnisch beobachtet. Es gab mehr oder weniger genaue Statistiken der Fans. Die staatliche Übersicht über die Musikszene sollte ein Einstufungssystem regeln, das festlegte, wo die Gruppen spielen durften und was dafür gezahlt wurde. Doch bei den Konzerten brachen sich Emotionen die Bahn, die es im ordentlich geregelten und verwalteten Sozialismus eigentlich nicht geben sollte: Euphorie, frenetische Hingabe, Wut und Hass, das ganze lautstark geäußert und nicht selten von exzessivem Alkoholkonsum begleitet. Um des Kontrollverlustes Herr zu werden, inhaftierten die Verwaltungsbehörden dann gelegentlich Punker unter fadenscheinigem Vorwand. Eine zentral staatliche Richtlinie zur Regelung der Musik gab es nicht. Aber der Aufwand, den die sozialistischen Behörden zur Regelung des Musikbetriebes trieben, lässt vermuten, dass kaum Zeit für anderes blieb.

Pop ist nicht planbar, das hat auch Historiker Felix Dietzsch herausgefunden. Zwar habe die Plattenindustrie immer wieder Anstrengungen unternommen, Hits und Charterfolge zu positionieren, wirklich gelungen sei das aber nicht. Unabhängige Moderatoren von Radiosendern seien nur begrenzt beeinflussbar. Welche Musik genau den Geschmack der Hörer treffe und deshalb die anvisierten Werbeeinnahmen sprudeln lasse, sei nicht genau vorherzusagen.

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