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  • 12.04.2016
  • von Peer Jürgens

Position nach Studenten-Rauswurf am Geiger-Kolleg: Ein Rabbiner ist kein Marktschreier

von Peer Jürgens

Foto: privat

Der Potsdamer Student der jüdischen Theologie Armin Langer wurde aus der Rabbinerausbildung verwiesen. Doch was macht einen Rabbiner aus - und was nicht? Ein Gastbeitrag von Peer Jürgens.

Das Abraham Geiger Kolleg ist als Institut im Umfeld der Universität Potsdam schon länger eine der wenigen Einrichtungen in Europa, die liberale und konservative Rabbinerinnen und Rabbiner ausbildet. Diese für Brandenburg herausragende Einrichtung ist eine wichtige Institution für die Wiederbelebung jüdischen Lebens in Deutschland. Dennoch steht das Kolleg seit einigen Wochen in heftiger Kritik. Es hat einen Rabbiner-Studenten von der Liste der Studierenden des Kollegs gestrichen.

Vorausgegangen war eine Auseinandersetzung um Äußerungen des Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, im Herbst 2015. Der Student Armin Langer hatte Schuster in einem Gastkommentar in der „taz“ für dessen Äußerungen kritisiert und vorgeschlagen, den Zentralrat in „Zentralrat rassistischer Juden“ umzubenennen. Diese Wortwahl war nicht nur dem Zentralrat und der Rabbinerkonferenz zu heftig, auch das Kolleg entschied sich daher zu dem entsprechenden Schritt. Seitdem wird dem Kolleg Zensur vorgeworfen und übertriebene Härte im Umgang mit einem hoch engagierten Studenten.

Rabbiner: Seelsorger und Berater, aber nicht polemisieren

Dieser hat von seinem Tätigkeitsprofil her bestimmte Aufgaben und sollte daher auch ein bestimmtes Verhalten an den Tag legen. Weder Esra noch Jochanan ben Sakkai als zwei der biblisch früh erwähnten Thora-Gelehrten waren „Lautsprecher“. Ein Rabbiner sollte als Richter in seiner Gemeinde, als Berater, Seelsorger und geistiger Beistand kein zuspitzender, kein polemisierender Charakter sein. Es geht darum, mit einer entsprechenden Würde, Zurückhaltung und maßvoll aufzutreten. Dabei geht es nicht um Zurückhaltung bei inhaltlichen Positionen – ein Rabbiner kann und soll auch eine Meinung haben und diese auch kundtun. Die Thora und noch mehr der Talmud sind voll von rabbinischem Streit und das ist gut so. Aber selten fallen die Rabbiner dort durch Beleidigungen oder zugespitzte Polemiken auf. Das Wort ist im Judentum wichtig und darum kommt es eben auf die Wortwahl an.

Man kann, ja, man muss Josef Schuster für seine Positionen, wie er sie in der Welt verkündet hat, kritisieren. Obergrenzen sind keine Form von humanistischer Flüchtlingspolitik und man male sich nur aus, was in den 1930er-Jahren gewesen wäre, hätten die Nachbarstaaten Hitler-Deutschlands Obergrenzen für emigrierende Juden gehabt. Auch ist Antisemitismus kein ethnisches Problem – Antisemitismus ist ein fest in der Gesellschaft verankertes Problem und das betrifft nicht nur Menschen aus arabischen Ländern. Josef Schuster hat Unrecht mit einigen seiner Positionen, das kann man klar und deutlich sagen. Aber kann, sollte man ihn deswegen als Rassisten beschimpfen? Mehr noch, kann man deshalb den gesamten Zentralrat verunglimpfen?

Die wiederholten öffentlichen Auftritte von Armin Langer haben nicht zu mehr Harmonie beigetragen

Kann man gar in den Raum stellen, der Zentralrat sollte künftig nur noch die rassistischen Juden in Deutschland vertreten (die es ja dann offenbar geben muss)? Nein, hier ist Armin Langer zu weit gegangen – und er wusste, vor welchem Kontext er seinen Kommentar schrieb. Unabhängig davon, ob er Rabbinerstudent ist oder nicht – solche Beleidigungen sind falsch. Erschwerend kommt hinzu, dass er sich damit so weit aus dem Fenster gelehnt hat, dass ein Vertrauensverhältnis zwischen der Rabbinerkonferenz, dem Zentralrat als Vertretung der Jüdischen Gemeinden in Deutschland und seiner Ausbildungsstätte massiv geschädigt wurde. Die wiederholten presse-öffentlichen Auftritte von Herrn Langer haben nicht zu mehr Harmonie beigetragen.

In dem Fall ist es berechtigt, sich zu dem Schritt zu entschließen, den das Kolleg gewählt hat. In der Ausbildung zum Pfarrer legt die Evangelische Kirche ähnliche Konsequenzen für „unwürdiges Verhalten“ der Vikarinnen und Vikare fest. Die Position eines Rabbiners ist eben nicht die eines Marktschreiers. Armin Langer kann und soll weiterhin ein engagierter Student sein. Er soll weiterhin jüdische Theologie studieren – die Universität Potsdam wird keinerlei Konsequenzen ziehen –, er kann sich auch gerne weiterhin in die Öffentlichkeit begeben. All diese Freiheiten hat er. Aber wenn er meint, er könne das auch alles als angehender Rabbiner, dann hat er die künftige Rolle dieser Funktion nicht verstanden – und dann zweifelt das Kolleg zu Recht an seiner Eignung.

Weder das Abraham Geiger Kolleg noch die Rabbinerkonferenz wollen „linientreue“ Rabbinerinnen und Rabbiner ausbilden. Aber ein Rabbiner – zumal in Deutschland – verkörpert mehr als nur einen Gelehrten, Richter, Ratgeber für eine Gemeinde. Er steht für das Judentum in der Öffentlichkeit. Und daher kann und muss sehr wohl darüber gewacht werden, ob die Studierenden die nötige Eignung für ein solches Amt mitbringen. Armin Langer mag ein guter Theologe, ein guter Mittler zwischen Judentum und Islam sein – ein guter Rabbiner scheint er nicht zu werden. Daher war die Entscheidung des Kollegs berechtigt.

Der Autor ist Absolvent der Jüdischen Studien an der Universität Potsdam und war zehn Jahre lang (2004–2014) für Die Linke Mitglied des Brandenburger Landtags.

 

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