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  • 16.03.2016
  • von Henri Kramer

Wissenschaftler für ein weltoffenes Potsdam: "Wissenschaft ist der Gegenpol von Abschottung"

von Henri Kramer

Potsdamer demonstrierten gegen den achten Pogida-Aufmarsch am 9. März durch die Innenstadt. Foto: B. Settnik/dpa

Vertreter von 27 Forschungs- und Bildungseinrichtungen beziehen Stellung für ein weltoffenes Potsdam - und sprechen sich in einem offenen Brief gegen Menschenfeindlichkeit aus.

Potsdam - Angesichts der rechten Pogida-Demonstrationen haben 27 Potsdamer Wissenschafts- und Bildungseinrichtungen einen offenen Brief verfasst, in dem sie eindeutig Stellung für eine weltoffene Landeshauptstadt beziehen. Am Dienstag wurde das Schreiben veröffentlicht. Zu den Erstunterzeichnern gehören die Leiter des Geoforschungszentrums (GFZ), des Klima-Institutes for Advanced Sustainability Studies (IASS) und die Universität Potsdam. Das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung und das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (Pik) unterstützen den offenen Brief ebenfalls. Insgesamt sind alle wichtigen Forschungseinrichtungen der Stadt vertreten.

Wissenschaft lebe von Weltoffenheit

Ohne die Pogida-Aufzüge wörtlich zu nennen, heißt es in dem Schreiben unter anderem, man lehne „Menschenfeindlichkeit, Gewalt und Intoleranz aufgrund von Herkunft, Aussehen, Religion oder anderen Gründen ab“. Wer in der Flüchtlingskrise – „wie wir es seit einigen Wochen auch in Potsdam erleben“ – die Würde des Menschen und ihren Schutz als verbrieftes Grundrecht durch Worte und Taten infrage stelle, greife zentral den Charakter und das Selbstverständnis der Stadt an. Eine Stimmung gegen Fremde und Schutzsuchende stünde „gegen unsere Werte als Europäer, als Deutsche und als Potsdamer – und nebenbei auch gegen unsere Interessen als Standort für Wissenschaft und Wirtschaft“, heißt es weiter. Mit über 10 000 Mitarbeitern gehöre die Wissenschaft zu den wichtigsten Arbeitgebern in der Region, die Forscher aus vielen Ländern beschäftigen würden. Gerade Wissenschaft lebe von Weltoffenheit – „von der Neugier auf das Unbekannte und vom unvoreingenommenen Austausch von Ideen und Menschen über Staaten und Kulturen, Religionen und Hautfarben hinweg“. Und: „Wissenschaft ist der Gegenpol von Abschottung.“

Weitere Unterzeichner sind etwa die Fachhochschule, das Zentrum für Zeithistorische Forschung, der Verein ProWissen, das Einstein Forum und das Deutsche Institut für Ernährungsforschung. Auch die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, das Gymnasium Hermannswerder, die Voltaire-Gesamtschule, das Leibniz-Gymnasium, der Verein Urania „Wilhelm Foerster“ sowie drei Max-Planck- Institute haben das Schreiben unterschrieben. Zusätzlicher Unterzeichner ist die Technische Hochschule Wildau.

Nächster Pogida-Marsch am 22. März

Seit Januar haben Potsdamer acht Mal gegen Pogida-Aufmärsche protestiert, zuletzt am vergangenen Mittwoch im Bereich der Langen Brücke. Bei dem Aufzug, den wieder der mehrfach vorbestrafte Gewalttäter Christian Müller angemeldet hatte, waren nur noch bis zu 60 Teilnehmer mitgelaufen. Hunderte demonstrierten dagegen, die Polizei begleitete die Kundgebungen stets mit einem Großaufgebot. Der nächste „Abendspaziergang“ nach Vorbild der fremdenfeindlichen Pegida-Bewegung in Dresden soll am kommenden Dienstag am Bassinplatz stattfinden. Der eigentlich für diese Woche geplante Pogida-Aufzug war entfallen, auch weil zeitgleich das rechtsgerichtete Bürgerbündnis in Rathenow (Havelland) demonstrieren sollte.

 

Hier gibt es den offenen Brief zum Nachlesen >>

 

Lesen Sie weiter:

Der offene Brief ist zwar zunächst nur Symbolpolitik, aber auch ein wichtiges Zeichen - mit Vorbildcharakter. Ein Kommentar >>

 

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