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  • 09.03.2016
  • von Merle Janssen

Bilder in der Geschichtswissenschaft: Bilder, die Geschichte erzählen

von Merle Janssen

Symbolkraft. Ein Foto des Brandenburger Tors wird stärker wahrgenommen. Foto: dpa

Die historische Bildforschung gewinnt in der Geschichtswissenschaft zunehmend an Bedeutung. Was es mit dem Fachgebiet der Visual History auf sich hat.

Bilder sind mysteriöser als Texte. Sie müssen erst noch entschlüsselt werden. Das macht an ihrer Arbeit besonderen Spaß, erklärt Annette Vowinckel zu ihrer Forschung „Agenten der Bilder“ auf dem Gebiet der Visual History. Eine Vorliebe habe sie für Bilder, die Fragen stellen, statt Antworten zu geben. Vowinckel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam. Während sich die Geschichtswissenschaft zuvor überwiegend historischer Texte bediente, rückten vor einigen Jahren auch Bilder als Quelle stärker in den Fokus. Entstanden ist so das Forschungsgebiet der Visual History.

Fotos von der Berliner Mauer oder von den Terroranschlägen auf das World Trade Center gehen um die Welt und sind vielen Menschen bekannt. Der Historiker Gerhard Paul erklärt das mit ihrer besonderen Wirkung. Er spricht von einer „generativen Kraft“, die von Bildern wie diesen ausgehe. Ihre hohe Aussagekraft und Ästhetik würden dafür sorgen, dass sie sich immer weiter verbreiten und sich dabei „der menschlichen Verfügungsmacht entziehen“. Solche Fotos hätten eine emotionale Qualität, findet Paul, der sich seit über 30 Jahren mit verschiedenen visuellen Medien beschäftigt.

Untersucht werden Nachrichtenfotos, aber auch Plakate, Landkarten oder Briefmarken

Neben Fotos werden in der Visual History auch Werbung, Plakate und das Schulbuch sowie Landkarten und Briefmarken untersucht. Dabei seien jedoch vor allem die nationalsozialistische Propaganda und die Ikonografie des Sowjetsozialismus bisher tendenziell überforscht worden. Dies scheine sich aber nun zu ändern, stellt Paul fest. Die lange Vernachlässigung von Film und Fernsehen sei ebenfalls vorbei.

Von Interesse ist dabei für die Forscher aber nicht immer nur der dargestellte Inhalt. Anette Vowinckel befasst sich in ihrer Forschung „Agenten der Bilder“ seit fünf Jahren mit den Akteuren „hinter dem Foto“. Sie geht dabei den Fragen nach, wo die Fotografen herkamen und unter welchen Bedingungen sie arbeiteten. Ebenfalls interessiert ist Vowinckel an der Auswahl und Zensur der Bilder. Längst nicht alle Fotos, die gemacht wurden, würden auch veröffentlicht.

Wissenschaftler untersuchen, wie so manche Bilder Symbolcharakter bekommen

Manche Bilder tauchen hingegen immer wieder auf. Gerade das Schulbuch sei dafür ein Paradebeispiel. In der Visual History werden mögliche Ursachen für das wiederholte Vorkommen diskutiert. Einige Motive hätten Symbolcharakter und eigneten sich für die Illustration bestimmter Ereignisse. Ein Foto mit dem Brandenburger Tor habe immer mehr Chancen als ein „unstrukturiertes“, das dafür die Wirklichkeit vielleicht besser abbilden würde, erzählt die Geschichtsdidaktikerin Susanne Popp auf einer Tagung, die das ZZF vergangene Woche mit seinen Projektpartnern veranstaltete. Daneben spielt auch die Ästhetik bei der Entscheidung für oder gegen ein Bild eine Rolle. Besonders im Falle der Schulbücher würden außerdem Routine und pragmatische Gründe zu der Auswahl beitragen. Bilder, deren Lizenz bereits erworben wurde, würden häufiger wiederverwendet.

In der historischen Forschung sind Bilder inzwischen aus der „Schmuddelecke“ heraus.  „Das Bild ist heute ein selbstverständlicher Forschungsgegenstand“, sagt Jürgen Danyel vom ZZF. Seit drei Jahren leiten Danyel und Vowinckel das ZZF-Projekt „Visual History: Institutionen und Medien des Bildgedächtnisses“, das zusammen mit dem Herder-Institut, dem Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung und dem Deutschen Museum in München realisiert wurde.

Internetblog als Anlaufstelle etabliert

Hervorgegangen ist daraus ein Internetblog, der mittlerweile eine Anlaufstelle für Wissenschaftler und an historischer Bildforschung Interessierte geworden ist. Die Beiträge thematisieren unter anderem methodische Aspekte der Bildanalyse, das Schulbuch als visuelles Medium, die Verbreitung und Vermarktung der Bilder sowie aktuelle Forschungsprojekte. Auch Kooperationsideen würde das ZZF über die Seite erhalten, so Vowinckel. Erfreut sei man dabei über die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Experten für Kunstgeschichte, Medien- und Kulturwissenschaft.

Als auf der Konferenz letzte Woche während eines Vortrages dann eine Präsentationsfolie weiß blieb, spricht Vowinckel von einem „symptomatischen Moment“. Konzentrierte man sich etwa zu sehr auf Bilder, sodass man gleich nervös wurde, wenn keines mehr zu sehen ist? Trotz zunehmender Relevanz in der Geschichtswissenschaft sollen visuelle Quellen die historischen Texte nicht ersetzen. Jedoch sei das Verständnis für Medialität gewachsen, meint Danyel. 

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