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  • 02.03.2016
  • von Jan Kixmüller

Klimawandel lässt Weltmeere ansteigen: Der Meeresspiegel steigt immer stärker

von Jan Kixmüller

Bis zu sieben Meter hohe Wellen brachen sich bei einem Sturm 2010 an der Hafenpromenade von San Sebastian in Spanien. Foto: dpa

Klimaforscher aus Potsdam konnten mit einer aktuellen Studie belegen, dass der Wasserstand der Weltmeere im vergangenen Jahrhundert drastischer angestiegen als in den vergangenen 3000 Jahren. Bis Ende des neuen Jahrhunderts werden 50 bis 130 Zentimeter Anstieg erwartet, heißt es in einer zweiten Studie.

Potsdam - Zwei Studien unter Beteiligung von Potsdamer Klimaforschern legen ein sehr schnelles Ansteigen des weltweiten Meeresspiegels nahe. Die eine Untersuchung besagt, dass der Meeresspiegel bei ungebremstem Ausstoß von Treibhausgasen um wahrscheinlich 50 bis 130 Zentimeter bis Ende des Jahrhunderts steigen wird. An der Studie, die in diesen Tagen in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences “ (PNAS) erschienen ist, war Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) beteiligt. Eine weitere Studie in PNAS bestätigt, dass der Meeresspiegel in den vergangenen 3000 Jahren nie schneller angestiegen ist als im letzten Jahrhundert. Beide Studien liefern fast identische Abschätzungen zum Meeresspiegel für das 21. Jahrhundert.

Im 20. Jahrhundert lag der Anstieg bei rund 15 Zentimetern

Die Untersuchung zur Historie des Meeresspiegelanstiegs unter Beteiligung von PIK-Wissenschaftler Stefan Rahmstorf hat es auf den Titel der „New York Times“ und in die „Washington Post“ geschafft. Die Forscher kommen darin zu dem Schluss, dass der Meeresspiegel im Verlauf des 20. Jahrhunderts wesentlich stärker gestiegen ist als in jedem Jahrhundert davor. Im 20. Jahrhundert lag der Anstieg demnach bei rund 15 Zentimetern. Die drei Jahrhunderte davor war er noch rückläufig gewesen (zwischen minus einem und minus vier Zentimetern). Den höchsten Anstieg seit Christi Geburt gab es den Daten nach im 15. Jahrhundert mit drei bis vier Zentimetern – immer noch wesentlich geringer als der Anstieg im vergangenen Jahrhundert. Der aktuelle Meeresspiegelanstieg beträgt demnach rund drei Millimeter pro Jahr. Was wenig klingt, bedeutet in einer Zeitspanne von 2500 Jahren bereits einen Anstieg von 7,5 Metern. Seit 2000 ist der Meeresspiegel laut Satellitendaten bereits um fünf bis sechs Zentimeter gestiegen.

Eine Folge der vom Menschen verursachten globalen Erwärmung

„Dass der Anstieg im 20. Jahrhundert derart stark ausfällt, ist eine logische physikalische Folge der vom Menschen verursachten globalen Erwärmung“, sagt Rahmstorf. Dadurch schmelze Kontinentaleis und füge dem Meer zusätzliches Wasser hinzu. „Außerdem heizt sich das Meerwasser auf und dehnt sich dabei aus.“ Allein durch natürliche Ursachen hätte der Meeresspiegel im 20. Jahrhundert sogar leicht fallen können, statt wie beobachtet um rund 15 Zentimeter zu steigen. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit sei mehr als die Hälfte des Meeresspiegelanstiegs im 20. Jahrhundert vom Menschen verursacht worden. „Und möglicherweise sogar der gesamte Anstieg“, so Rahmstorf.

Daten über Meeresspiegeländerungen aus der Zeit vor Beginn der Pegelmessungen erhalten die Wissenschaftler aus Bohrkernen von Sedimentgesteinen an den Küsten. Mittlerweile, so erklärt Rahmstorf, liegen ausreichend solcher lokaler Datenkurven von verschiedenen Küsten der Welt vor, um daraus eine globale Meeresspiegelkurve zu erstellen. Herausgerechnet wird dabei auch die Landhebung bzw. -senkung nach der letzte Eiszeit. „Das ist nicht dasselbe wie Meeresspiegelanstieg, man muss dies abziehen“, erklärt Rahmstorf. Weil die kilometerhohe Eislast in Skandinavien abgetaut ist, hebt sich dort das Land, während Norddeutschland auf der anderen Seite wie auf einer Wippe absinkt.

Im 21. Jahrhundert wird eine Anstieg von 24 bis 131 Zentimeter erwartet 

Die Daten aus der Vergangenheit lassen sich auch für Zukunftsprojektionen nutzen. Auf Grundlage eines sogenannten semi-empirischen Modells errechnen die Wissenschaftler in dieser Studie einen Anstieg im 21. Jahrhundert um 24 bis 131 Zentimeter. Wie viel es wird, hänge von den weiteren Treibhausgas-Emissionen und der damit verbundenen globalen Erwärmung ab. Rahmstorf, der seit Jahren vor einem Meeresspiegelanstieg durch den Klimawandel warnt, weist auch auf die Langfristigkeit des Prozesses hin. Vor allem wegen der langsamen Reaktion der großen Eismassen auf Grönland und der Antarktis auf die globale Erwärmung werde der Meeresspiegel noch mindestens 10 000 Jahre weiter steigen – auch wenn die Erwärmung gestoppt wäre. „Das ist länger als die Geschichte der menschlichen Zivilisation“, so der Professor für Physik der Ozeane. Hintergrund ist die Langlebigkeit von Kohlendioxid in der Atmosphäre. „Auch Jahrtausende nachdem wir das Verbrennen fossiler Brennstoffe längst eingestellt haben, werden deshalb der CO2-Gehalt der Atmosphäre und die globale Temperatur weiterhin erhöht bleiben – und Eis wird weiter schmelzen.“

Durch das Beenden der Nutzung fossiler Brennstoffe ließe sich der Anstieg deutlich begrenzen

Mit den heute bereits angesammelten Treibhausgasen in der Atmosphäre lasse sich der Meeresspiegelanstieg zwar nicht mehr verhindern, stellt auch Rahmstorfs PIK-Kollege Anders Levermann fest. „Aber durch das Beenden der Nutzung fossiler Brennstoffe lässt er sich noch deutlich begrenzen“, so Levermann, der Ko-Autor der Studie zum künftigen Meeresspiegelanstieg ist. Grundsätzlich bleibe Anpassung ein wichtige Option. „Wir wollen Küstenplanern die notwendigen Hintergrundinformationen geben für ihre Anpassungsplanung, die vom Deichbau über Versicherungskonzepte für Überflutungen bis hin zu langfristigen Siedlungsentwicklungen reichen können“, so der PIK-Forscher. Auch bei einer ambitionierten Klimapolitik, die dem Pariser Klimaabkommen folgen würde, wäre mit einem Meeresspiegelanstieg von 20 bis 60 Zentimetern bis 2100 zu rechnen. „Schon ein solcher verminderter Anstieg wäre eine ziemliche Herausforderung, aber weniger teuer als die Anpassung an ungebremsten Meeresspiegelanstieg, die in manchen Regionen der Welt sogar völlig unmöglich sein würde“, so Levermann.

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