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  • 24.02.2016
  • von R. Rabensaat

Ein erhebliches Misstrauen

von R. Rabensaat

Der polnische und der ostdeutsche Geheimdienst beäugten sich in sozialistischen Zeiten argwöhnisch

Dass die Geschichte oft facettenreicher war, als es zunächst scheint, zeigen nicht zuletzt die aktuellen Veröffentlichungen zum polnischen Arbeiterführer Lech Walesa. Der Friedensnobelpreisträger gründete in den 1980er-Jahren die Gewerkschaft Solidarnosc, die wesentlich zur Konversion Polens zur Demokratie beitrug. Noch bevor der Werftarbeiter zu einem der Führer der Opposition Polens aufstieg, verhaftete und verhörte ihn der polnische Geheimdienst. Um wieder freizukommen unterzeichnete Walesa ein Papier des Geheimdienstes. Dieses und weitere Unterlagen aus dem Nachlass des polnischen Generals Czeslaw Kiszczak belegen nun, dass Walesa sich mehrmals mit Mitarbeitern des polnischen Geheimdienstes getroffen und über die Stimmung unter den Werftarbeitern berichtet hat.

Auch Tytus Jaskulowski erwähnt eine Liste von Agenten, die der heutige Verteidigungsminister Polens, Antoni Macierewicz 1992 veröffentlichte und auf der der Name Walesas auftaucht. „Die Liste ist aber nie genau ausgewertet worden,“ so der Dresdner Historiker bei einem Vortrag in der Potsdamer Gedenkstätte Lindenstraße. Allein, dass ein Name auf dieser Liste auftauche, besage wenig über die Funktion der dort aufgeführten Person.

Der polnische Geheimdienst und seine konfliktreiche Beziehung zum Geheimdienst der DDR und dem Ministerium für Staatssicherheit sind der Forschungsgegenstand des Historikers. „Da herrschte ein erhebliches Misstrauen. Aber die Beziehungen waren doch deutlich anders, als sie bisher beschrieben wurden“, so Jaskulowski. Es sei keineswegs so, dass das Ministerium für Staatssicherheit (MFS) bestens ausgestattet und informiert gewesen seien und der polnische Geheimdienst auf Hilfestellungen angewiesen gewesen sei. So wurde die bilaterale Beziehung bisher allerdings häufig beschrieben. Vertraglich geordnet wurden die Beziehungen im Jahre 1974. Da beschlossen die beiden Parteisekretäre Honecker und Gierek, die bilateralen Beziehungen der Staaten schriftlich zu fixieren. Ein entsprechendes Abkommen der beiden Sicherheitsressorts über die mögliche Zusammenarbeit war die Folge.

Dennoch wurden aus den Geheimdiensten keine Verbündeten, stellt Jaskulowski fest. Man beäugte sich argwöhnisch. Freigiebigkeit herrschte lediglich dort, wo es um den Austausch relativ belangloser Informationen ging. So wurde von ostdeutscher Seite eifrig vermerkt und gemeldet, wenn ein polnischer Bürger eine amerikanische Flagge beim Grenzübergang im Auto mit sich führte. So erkläre sich auch die statistisch hohe Zahl der Bitten des MFS an Polen um Informationen und deren bemerkenswerte Auskunftsfreudigkeit, so Jaskulowski.

Wichtige Informationen, wie beispielsweise über Rüstungstechnologien seien jedoch relativ selten ausgetauscht worden. Letztlich landeten ohnehin aufgrund entsprechender Verträge alle Informationen des MFS beim KGB, der diese allerdings meist schon vorher kannte. Zudem versuchte die DDR ihrerseits in Polen zu spionieren, was allerdings häufig misslang. Die Mitarbeiter mussten sich für ihre Anwerbeversuche beim polnischen Innenministerium entschuldigen. Auch als 1980 das Kriegsrecht in Polen verhängt wurde und die DDR dies mit Kleidung, Treibstoff und Munition unterstützte, führte dies laut Jaskulowski eher zu einer Ausweitung der Kampfzone der beiden Spionagedienste. Denn mit der Hilfe aus der DDR an die polnische Staatsführung landeten auch eine Reihe von MFS-Spitzeln in Polen. Auch Doppelagenten gab es zahlreiche. Die agierten auf polnischer Seite nach Einschätzung des Historikers zumeist aus rein kommerziellem und nicht aus ideologischem Interesse wie in der DDR. Die Enttarnung eines Doppelagenten sei allerdings gelegentlich recht banal gewesen: „War die DDR-Grenzkontrolle eines polnischen Bürgers nicht so demütigend wie üblich, stand der Kontrollierte unter Verdacht, für das MFS zu arbeiten“, konstatiert der Historiker. R. Rabensaat

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