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  • 23.02.2016
  • von Erik Wenk

Potsdamer Studenten entwickeln Stadtplan für Blinde: Spazieren gehen mit den Fingern

von Erik Wenk

Denken inklusiv. Studenten der Fachhochschule Potsdam. Foto: Johanna Bergmann

Drei Potsdamer Studierende der Fachhochschule haben einen Stadtplan für Blinde entwickelt – und wurden dafür von Microsoft auf einer Design-Expo in Seattle ausgezeichnet.

Potsdam - „Brandenburger Tor“, tönt eine Stimme aus dem Laptop-Lautsprecher, als der Finger über eine rechteckige Einkerbung fährt. „Unter den Linden“, heißt es weiter, als der Finger den dahinterliegenden Linien folgt. So könnten in Zukunft vielleicht Blinde und Sehbehinderte Karten mit den Fingern „lesen“. Bislang ist der ertastbare Stadtplan „Tracktile“ nur ein Prototyp, entwickelt von drei Interface-Design-Studierenden der Fachhochschule Potsdam (FHP). Ein Prototyp, der 2015 auf der „Microsoft Research Design Expo“ mit dem Preis für „Best Execution“ (Beste Ausführung) ausgezeichnet wurde.

Wie machen Blinde und Sehbehinderte eigentlich Urlaub?

Entstanden war das Projekt im FHP-Kurs „Inclusive Design And Technologies“, in dem Ideen entwickelt werden sollten, wie Menschen mit Behinderungen der Alltag erleichtert werden könnte. „Wir hatten zuerst überlegt, vielleicht ein akustisches Leitsystem durch die Stadt zu erstellen“, sagt der 34-jährige Patrick Oswald. Das Team begann zu recherchieren, wie Blinde und Sehbehinderte eigentlich Urlaub machen. „Viele schießen zum Beispiel Fotos, weil sie zwar die reale Umgebung nicht mehr richtig wahrnehmen können, aber auf dem Foto schon, wenn sie ganz nah herangehen“, so Oswald.

Schnell entstand die Idee, eine taktile Karte in Form einer Relief-Struktur zu erstellen, die nicht nur als Orientierungshilfe, sondern auch als Souvenir zur Erinnerung an den Urlaub dienen sollte. Ein Video auf der Tracktile-Webseite verdeutlicht das: Umgebungsgeräusche, die man zum Beispiel im Tiergarten mit dem Smartphone aufgenommen hat, sollen sich mit der Karte verknüpfen lassen, sodass man beim Berühren der Tiergarten-Fläche die Audiodatei abspielen kann. „So kann man den Urlaub noch mal Revue passieren lassen, anstelle einer Diashow“, sagt die 29-jährige Cecile Zahorka, die ebenfalls zum Team gehört.

Wasser ist geriffelt

Drei Prototypen haben sie entwickelt: einen rein haptischen zum Ertasten, einen mit Audio-Funktion und einen flachen Faltplan – immer mit demselben Ausschnitt von Berlin-Mitte. Die Kartendaten stammen von der Online-Plattform „Open Street Maps“ und wurden in verschiedenen Tiefen und Strukturen in eine Holzplatte gefräst: Wasser ist geriffelt, Straßen sind je nach Größe tiefer und breiter, Bäume sind als Punkte dargestellt, vor großen öffentlichen Gebäuden zeigt ein eingekerbtes Dreieck den Eingang an.

Zuvor haben die Studierenden viele Gespräche mit Blinden und Sehbehinderten geführt und den Stadtplan testen lassen – mit Erfolg: „Wir hatten zu Anfang einen Berliner und haben ihn mit dem Finger auf den Potsdamer Platz gesetzt“, sagt der 29-jährige Johannes Herseni. „Er ist dann mit den Fingern weitergefahren und hat gleich gesagt: Ah ja, das hier ist die Leipziger Straße, das ist der Leipziger Platz, …“ Auch wenn die Karte bereits recht detailliert ist, wünschten sich einige Tester, dass auch kleinere Straßen mit eingezeichnet wären. „Die haben ganz genau gefühlt: Hier fehlt diese Straße, hier fehlt jener Weg“ , so Oswald.

Jury begeistert vom Projekt der Potsdamer Studenten

Als eine von acht weltweit ausgewählten Designhochschulen wurde die FHP mit Tracktile auf die „Microsoft Research Design Expo“ in Seattle eingeladen. Auch die Jury zeigte sich begeistert von dem Stadtplan: „Einige haben gesagt: So eine Karte würde ich gerne von meinem Heimatort haben“, sagt Herseni.

Damit hat Tracktile seine Aufgabe erfüllt, denn die Zielstellung des FHP-Kurses war explizit, etwas zu schaffen, was nicht nur ausschließlich für Menschen mit Behinderungen relevant ist: „Es sollte nichts sein, was Behinderte wieder nur isoliert, sondern was alle gleichermaßen nutzen können“, so Herseni. Deshalb entschied man sich auch dagegen, Blindenschrift auf den Stadtplan aufzudrucken. „Das hätte es gleich wieder als etwas gelabelt, was nur für Blinde ist“, sagt Herseni.

Mehr als ein Hilfsmittel für Menschen mit Sehbehinderungen

Tatsächlich ist es auch ohne Sehbehinderung faszinierend, über Tracktile die Stadt zu ertasten. Auch die Vorstellung, an ausgewählten Orten persönliche Audio-Aufnahmen zu speichern und durch Berührung abrufen zu können, hat definitiv Charme und geht weit über die Funktion eines reinen Hilfsmittels für Menschen mit Sehbehinderungen hinaus.

Individuell gefertigte Tracktile-Stadtpläne für jedermann? Das klingt nach einem Geschäftsmodell, doch so weit sind die FHP-Studierenden noch nicht: „Man müsste noch sehr viel Entwicklungszeit hineinstecken“, sagt Oswald. Natürlich müsste man die Herstellung automatisieren, sonst wären die Stadtpläne unbezahlbar – und damit nicht inklusiv. 

Mehr Infos zu dem Projekt gibt es hier >>

 

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