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  • 18.02.2016
  • von Jan Kixmüller

Deutsch-israelisches Verhältnis: "Europa sollte Palästina anerkennen“

von Jan Kixmüller

Susan Neiman. Foto: Bettina Volke

Die Direktorin des Einstein Forums, Susan Neiman, spricht im PNN-Interview über das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel, Antisemitismus, die Netanjahu-Regierung und die Siedlungsgebiete.

Frau Neiman, zum 50. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel sprach die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel 2015 von einem Wunder. War es das denn wirklich? 

Ein Wunder wäre übertrieben. Ich würde von einem Glücksfall sprechen. Ein Wunder war vielmehr die Aufarbeitung später dann der deutschen Vergangenheit durch die 68er-Bewegung. Die ersten Versuche von Adenauer, Wiedergutmachungsgelder zu zahlen und diplomatische Beziehungen zu Israel anzustreben, waren 1965 vielmehr Realpolitik. Einerseits um das Vertrauen der Alliierten zu gewinnen, andererseits auch eine Art und Weise, der Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit zu entgehen. 
 

Inwiefern?

Als Ablenkung davon, dass man sich bereits 20 Jahre nicht mit dem Nationalsozialismus und der Schoah auseinander gesetzt hat. 
 

Waren politische Beziehungen gerade mal 20 Jahre nach Kriegsende auch aus israelischer Sicht nicht sehr überraschend?

 Auch hier ging es eher um Realpolitik. Israel war in einer Aufbauphase und brauchte dringend Geld. Man muss auch sehen, dass es starke Proteste gegen diplomatische Beziehungen mit dem Land der Täter und die Wiedergutmachungsgelder in Israel gab. Von deutscher Seite gab es zu der Zeit noch kein ernstzunehmendes Zeichen, dass dort eine wirkliche Wende stattgefunden hatte. Das kam alles erst später. Wo keine Reue ist, kann es auch keine Verzeihung geben. 
 

Die deutsch-israelischen Beziehungen blieben nicht frei von Spannungen und Vertrauenskrisen. Dennoch konnten Siedlungsprojekte Israels, die Nahostkriege und der Palästinenserkonflikt das Verhältnis nicht erschüttern. Warum? 

 Weil dann in der Folge der Zeit eine ernsthafte Reue in Deutschland eintrat. Es fand ein sehr tiefgreifender Wandel statt. Heute ist die Sicherheit Israels ein Teil der deutschen Staatsräson. Das ist eine historische Errungenschaft, auf die man in Deutschland stolz sein kann. 
 

Aber?

 Der Prozess war in Deutschland umstritten und fand je nach Ort in verschiedenen Geschwindigkeiten statt. Dennoch trat bei einer knappen Mehrheit der Deutschen eine wirklich genuine, tief empfundene Reue ein. Die Deutschen empfinden dies als eine Verpflichtung Israels gegenüber. Das führt natürlich auch zu Ressentiments, man denke nur an Martin Walsers „Moralkeule Auschwitz“. Auch muss man unter den Deutschen eine gewisse Hilflosigkeit angesichts der zunehmenden Radikalisierung der israelischen Rechten feststellen. 
 

Israel hat vergangenes Jahr sehr rechts gewählt, eine Belastungsprobe für das gegenseitige Vertrauen?

 Ja! Auf jeden Fall. Wir haben es mit einer Regierung zu tun, die heute jede Kritik an Israel zum Antisemitismus stilisiert. Im Grunde genommen vertraut diese Regierung niemandem. Benjamin Netanjahu hat den engsten Freund Israels, die USA, brüskiert und erniedrigt – bis selbst die Obama-Administration aufgegeben hat. Ein wesentlicher Teil seiner Außenpolitik ist die Warnung davor, dass alle gegen Israel sind. Darauf kann man kein Vertrauen aufbauen. Mein Kollege Avraham Burg, der das Buch „Hitler besiegen: warum Israel sich vom Holocaust lösen muss“ verfasst hat, meint, dass die Beziehung zum Holocaust für Israel sehr schädlich geworden ist. Die Abschottung von diplomatischen Beziehungen schadet Israel.
 

Muss man angesichts fortdauernder Menschenrechtsverletzungen die deutsch-israelische Diplomatie überdenken?

 Davon gehe ich aus. Ich bin dafür, dass Europa Palästina anerkennt. Produkte aus den israelischen Siedlungen sollten hier nicht mehr verkauft werden. Das Berliner Kaufhaus des Westens hatte einen solchen Vorstoß im vergangenen Jahr allerdings schnell abgebrochen, als man dem Unternehmen Antisemitismus unterstellte. Aus Israel hieß es sofort: aus „Kauft nicht bei Juden“ sei nun „Kauft nicht aus den Siedlungen“ geworden. Ich fand die Rücknahme falsch. Man kann schon klar machen, dass die Weltöffentlichkeit die illegale Siedlungspolitik nicht mehr unterstützen möchte – ohne dabei antisemitisch zu werden. Aber das ist ein sehr heikles Thema. 
 

Kann Europa Israel sowohl vor antisemitischen Angriffen schützen als auch von eigenen Fehlentwicklungen abhalten?

 Das muss es sogar. Das eine bedingt das andere. Der Antisemitismus wächst durch die falsche Politik. Natürlich gäbe es auch Antisemitismus, wenn Israel sich wie ein Musterkind verhalten würde. Aber das wäre in einem geringen Umfang. Je mehr deutlich wird, dass Israel für Verletzungen der Menschenrechte nicht kritisiert wird, desto mehr steigt eine antisemitische Position. 
 

Können Sie das genauer erklären? 

Es gibt immer noch die Annahme, dass die Juden extrem mächtig sind. Diese Annahme gab es seit den Protokollen der Weisen von Zion. Und sie lebt fort, indem man sich auf die sogenannte jüdische Lobby bezieht. Nun gibt es aber nicht eine wirkliche jüdische Lobby, sondern vielmehr eine israelische Lobby, die in Washington sehr mächtig ist. Paradoxerweise besteht diese Lobby hauptsächlich aus antisemitischen Christen. Natürlich gibt es reiche Juden in den USA, die die rechte Politik Israels unterstützen. Aber noch viel stärker sind die Evangelikalen, sie unterstützen Israel in ihrem apokalyptischen Glauben. Denn in der Bibel steht, dass die Endzeit erreicht ist, wenn Jesus nach Israel kommt. Dann sollten alle Juden dort sein und entweder zum Christentum konvertieren oder in der Apokalypse sterben. Auch wenn das wie ein Märchen klingt, die Weltpolitik wird teilweise von solchen Anachronismen gelenkt. 
 

Israelis und deutsche Juden fühlen sich heute in Deutschland nicht mehr so sicher, wie vor 20 Jahren noch. Es gibt einen unterschwelligen Antisemitismus der deutschen Rechten – und neuerdings auch die Sorge vor einem möglichen Antisemitismus arabischer Flüchtlinge. Sind diese Sorgen berechtigt?

 Ich halte diese Angst für teilweise berechtigt. Aber ich plädiere dafür, damit ganz anders umzugehen als bisher. Man sollte eine jüdische Willkommenskultur für Flüchtlinge pflegen. Das wird von einigen kleinen Organisationen bereits gemacht. Dadurch besteht für Juden in Deutschland die Chance, die eine eigene Fluchtgeschichte in ihrer Herkunft haben, zu einer universalistischen Tradition des Judentums zurückzukehren.

Was schlagen Sie vor?

Man sollte auch anderen Flüchtlingen helfen, geraden denen, die vor dem Islamismus flüchten. Das ist gleichzeitig eine Möglichkeit, gegen antisemitische Klischees anzugehen. Menschen aus Syrien oder dem Irak bringen teilweise antisemitische Stereotype mit sich, ohne jemals einen Juden gesehen zu haben. Hier kann eine Begegnung verdeutlichen, dass die Juden nicht nur Israelis sind, die Gaza bombardieren. Das mag utopisch klingen. Aber Vorurteile lassen sich durch die Begegnung am besten abbauen – und zwar auf beiden Seiten. 

Sie haben unlängst betont, dass Europäer Flüchtlingen einen guten moralischen Leitfaden an die Hand geben könnten. Sie meinen damit Werte der Aufklärung. Aber wünscht man sich in den arabischen Ländern heute überhaupt mehrheitlich eine aufgeklärte Gesellschaft?

Das Recht auf Glück, Gleichheit vor dem Gesetz und soziale Solidarität sind Werte der Aufklärung, die von allen Menschen gewünscht werden. Nicht universell sind allerdings Fragen von Sexismus. Bei den Frauenrechten gibt es in den arabischen Kulturen demokratische Defizite. Das muss man offen angehen. Wir sollten uns hier nicht vor dem Vorwurf des Eurozentrismus scheuen. Immerhin gab es bereits eine arabische Aufklärung, als Europa noch im vorfeudalen Zeitalter steckte.

Das Gespräch führte Jan Kixmüller

 

Zur Person: Susan Neiman (60) ist seit dem Jahr 2000 Direktorin des Potsdamer Einstein Forums. Die Philosophin wuchs in einer jüdischen Familie in Atlanta auf, war Professorin an der Yale University (1989 - 1996) und der Universität von Tel Aviv (1996 - 2000). Ihre Hauptarbeitsgebiete sind Moralphilosophie, politische Philosophie und Philosophiegeschichte.

Zuletzt sind von ihr erschienen: „Moralische Klarheit. Leitfaden für erwachsene Idealisten“ (2010) und „Warum erwachsen werden? Eine philosophische Ermutigung“ (2015). Am Dienstag, 16. Februar 2016, fand am Einstein Forum ein internationaler Workshop zur Frage statt, ob die diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel nach 50 Jahren überdacht werden sollten. Unter anderem nahmen Omri Boehm (New York), Avraham Burg (Jerusalem), Eva Illouz (Jerusalem) und Susan Neiman teil.

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