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  • 03.02.2016
  • von Sarah Stoffers

Stipendiatin im Einstein Haus Caputh: Mysteriöse Umstände

von Sarah Stoffers

Heimatforschung. Albert-Einstein-Stipendiatin Tanya Zaharchenko. Foto: Andreas Klaer

Tanya Zaharchenko hat ein halbes Jahr im Einstein-Haus in Caputh verbracht, um einen Mordfall in ihrer Familie zu untersuchen. Die Ukrainerin ist die Einstein-Stipendiatin des Jahres 2015.

Potsdam - Im Jahr 1953 ereignete sich eines Nachts in der ostukrainischen Stadt Kharkiv ein brutaler Mordanschlag. Alexander Maiboroda wurde in seinem Arbeitszimmer der Gemeinschaftswohnung mit einer Axt attackiert und brach, am Kopf schwer verletzt, zusammen. Der Angreifer konnte nie identifiziert oder gefasst werden. Maiboroda starb sechs Jahre später an den Folgen der Attacke.

 Sechs Monaten in Einsteins Gartenhaus 

Dieser mysteriöse Kriminalfall führte seine Urenkelin, die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Tanya Zaharchenko, jetzt nach Caputh – als Albert-Einstein-Stipendiatin 2015 durfte sie in den vergangenen sechs Monaten in Einsteins Gartenhaus wohnen und ihren Studien nachgehen. Tanya Zaharchenko wurde 1980 in der ostukrainischen Stadt Kharkiv geboren. 1989 erlangte ihre Mutter, damals eine junge Anwältin, einen Platz in einem Austauschprogramm in den USA. Zaharchenko folgte als Teenager. 1999 machte sie im Rahmen eines Förderungsprogramms, das es ihr erlaubte, im letzten Schuljahr Kurse an der Georgetown Universität in Washington D.C. zu belegen, ihren Highschool-Abschluss. 2003 folgte der Bachelorabschluss mit Auszeichnung in Literatur und Schreiben am renommierten Bard College. Nach dem Ende ihres Studiums arbeitete sie unter anderem für die UN in Bratislava und für NGOs in Wien, Brüssel und Washington D.C. 2007 erwarb sie erfolgreich ihren Master im Fach Russische und osteuropäische Studien an der Universität Oxford und 2014 den Doktor der Philosophie in Cambridge in Slawische Studien.

Der Mord an ihrem Urgroßvater ließ sie nicht los

Neben ihrer beeindruckenden akademischen Laufbahn und ihren internationalen Tätigkeiten zog es Zaharchenko immer wieder in ihre Heimat zurück. Diese tiefe Verbundenheit spiegelt sich auch in ihren wissenschaftlichen Arbeiten wider, in denen sie sich mit der Geschichte, der Literatur, und vor allem mit der Erinnerungskultur und der Identität der heutigen Ukraine auseinandersetzt. Doch der Mord an ihrem Urgroßvater ließ die junge Frau nie los. Alexander Maiboroda starb nach langer Leidenszeit 1959 an einem Abszess im Gehirn, während er Schuhe für seine Enkelin, Tanya Zaharchenkos Mutter, kaufte, die gerade angefangen hatte zu laufen. Bei solch tragischen Geschichten bleibt es nicht aus, dass sich Legenden und Mythen bilden.

Und so kursierten bald zahlreiche Gerüchte über den Angreifer, die Tanya Zaharchenko seit frühester Kindheit begleiteten. Besonders der Name Sergei Trofimenko fiel immer wieder. Der Anführer einer kriminellen Bande war in der Nachkriegszeit für mehrere Überfälle in der Ostukraine verantwortlich. Alexander Maiboroda war einer der für die Strafverfolgung zuständigen Oberstaatsanwälte. Den Gerüchten zufolge wurde er das Opfer eines Racheakts. Mit der Idee, die genauen Hintergründe zu recherchieren, bewarb sich Tanya Zaharchenko erfolgreich um das Albert-Einstein-Stipendium. Die Förderung, vergeben vom Einstein Forum und der Daimler und Benz Stiftung, ermutigt Wissenschaftler ausdrücklich, abseits ihrer bisherigen Profession zu arbeiten. Für Zaharchenko die perfekte Möglichkeit, historisch zu forschen.

Die Recherche gestaltete sich schwieriger als angenommen

Ende Januar stellte sie ihre Ergebnisse unter dem Titel „Memory in Flux: Murder and Legend in Post-War Kharkiv“ vor. Ihre Recherche gestaltete sich weitaus schwieriger, als angenommen. Die Anträge auf Akteneinsicht wurden zunächst von den verantwortlichen Stellen ignoriert. Nur dank ihrer Hartnäckigkeit schaffte sie es, Zugang zu bekommen. Mehrmals wurde ihr von verschiedenen Seiten angeraten, die Geschichte nicht weiter zu verfolgen. Eines Nachts erhielt sie sogar einen Anruf, indem sie ausdrücklich davor gewarnt wurde. In den letzten Monaten wälzte Zaharchenko stundenlang in zahlreichen Bibliotheken und Archiven der Ostukraine Akten und fotografierte Dokumente. Den Mordfall konnte sie jedoch nicht aufklären.

Sergei Trofimenko soll den Akten zufolge bereits 1951 zum Tode verurteilt worden sein – zwei Jahre vor dem Angriff auf Alexander Maiboroda. Die Umstände bleiben mysteriös. Einige Akten sind unvollständig und weisen Spuren von Bearbeitung auf. Die Zeugenaussagen führen in verschiedene Richtungen und sind nach so vielen Jahrzehnten ungenau und lückenhaft. Dafür erfuhr Tanya Zaharchenko die vermeintliche Wahrheit über ihren Urgroßvater. Er war einige Zeit vor dem brutalen Anschlag von seiner Stelle als Oberstaatsanwalt entlassen worden, da er als unzuverlässig galt und angeblich ein Alkoholproblem hatte. Wahrscheinlich sollten die Warnungen und Anrufe sie vor dieser Wahrheit beschützen, glaubt Zaharchenko. Nun, da das Stipendium ausläuft, will sie auch künftig den Mordfall untersuchen und wissenschaftlich arbeiten. In ihrem nächsten Forschungsprojekt beschäftigt sie sich mit den Auswirkungen des Ukraine-Konflikts auf die nationale Identität. Wo genau sie arbeiten wird, steht noch nicht fest. Sie würde gerne einmal nach Skandinavien, um dort, fernab der Ukraine, ihre Heimat zu erforschen. 

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