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  • 13.01.2016
  • von Jan Kixmüller

Die Geschichte von Skandalen: „Ein Kampf um die Regeln“

von Jan Kixmüller

"Ich bin schwul, und das ist auch gut so." Mit der Homosexualität des ehemaligen Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit ließ sich kein Skandal mehr entfachen. Foto: dpa

Der Potsdamer Zeithistoriker Frank Bösch spricht im Interview über Geschichte und Gegenwart der Skandale, ihre Funktion, wenig aufregende Sex-Skandale und die Rolle des Shitstorms. Skandale sind aus seiner Sicht Teil der Demokratie, mit ihnen wird ausgehandelt, welche Normen in der Gesellschaft gelten.

Herr Bösch, Sie haben sich mit der Historie der Skandale befasst. Leben wir in einer neuen Zeit der Skandale?

Die oft formulierte Annahme, dass immer mehr Skandale auftreten, lässt sich in einer historischen Perspektive nicht halten. Vielmehr haben wir in Westeuropa ein wellenförmiges Auftreten von gehäuften Skandalen, so um 1900, in den 1960er-Jahren und wieder zur Jahrtausendwende.

Was waren die Auslöser dieser Wellen?

Zunächst spielen die Medienwechsel eine Rolle. Um 1900 sorgte die Etablierung der Massenpresse für mehr Skandale, dann um 1960 das Fernsehen als neues Massenmedium und schließlich um 2000 die neue mediale Konkurrenz im Internetzeitalter. Zudem kommen Skandale auf, wenn sich Normen verändern und strittig werden. Ebenso hängt ihr Auftreten auch mit Demokratisierungsschüben zusammen, da sie für ein neues Bedürfnis nach Transparenz stehen. Es gibt den schönen Satz: Wo viele Skandale sind, ist etwas faul, wo keine Skandale auftreten, alles. So nahm um 1900 in vielen westlichen Ländern die Demokratisierung zu und Parteien rangen miteinander. Damit konkurrierten unterschiedliche Positionen in der Öffentlichkeit, was das Aufkommen von Enthüllungen und damit eben von Skandalen förderte. Auch um 1960 gab es eine neue demokratische Öffentlichkeit in der Bundesrepublik, die sich von der Kanzlerdemokratie Adenauers abhob. Im vereinigten Deutschland geriet die Demokratie erneut in Bewegung.

Was macht einen Skandal überhaupt aus?

Von einem Skandal lässt sich zunächst ganz simpel sprechen, wenn große Teile der Öffentlichkeit einen Vorgang so bezeichnet haben. Analytisch gesehen besteht ein Skandal aus der Veröffentlichung eines postulierten Norm-Bruches und einer breiten gesellschaftlichen Empörung darüber. Dies haben so unterschiedliche Fälle wie die „Hunnen-Rede“ von Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1900, die Spiegel-Affäre 1962 oder Kohls Spenden-Affäre 1999 gemeinsam. Der letzte große Skandal war dann mit Sicherheit die VW-Affäre im vergangenen Jahr.

Was unterscheidet Skandale von Kriminalität?

Skandale drehen sich um Enthüllungen über Personen oder Institutionen, die für die Wahrung von Normen stehen. Wenn sich ein Krimineller bereichert oder sexuellen Missbrauch betreibt, führt das zu einem Gerichtsurteil, aber nicht zu einem Skandal; bei einem Geistlichen, Politiker oder Lehrer eben schon.

Worüber empörte man sich um 1900?

Viele Skandale der Jahrhundertwende, die damals die Öffentlichkeit empörten, sind heute eher vergessen, etwa die Harden-Eulenburg-Affäre oder der Krupp-Skandal, bei der dem Industriellen Homosexualität unterstellt wurde und er im Anschluss Selbstmord beging. Auch im Kolonialkontext gab es damals viele Skandale, bei denen etwa dem Kolonialhelden Carl Peters vorgeworfen wurde, seine schwarze Geliebte aus Eifersucht erhängt zu haben. Korruptionsskandale waren damals seltener.

Was änderte sich in den 1960er-Jahren?

In dieser Zeit kamen viele Skandale durch einen neuen kritischen Journalismus auf, den besonders das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ verkörperte. Sie betrafen nun auch die NS-Vergangenheit oder den Machtmissbrauch, insbesondere vom damaligen CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß. Interessant für die Enthüllungen der 1960er-Jahre ist ebenso, was nicht zum Skandal wurde. So wurden Willy Brandt und Strauß Liebesaffären vorgeworfen, was aber keine nachhaltige Wirkung hatte.

Warum das?

Hier zeigt sich, dass in Deutschland Sexualität in den Skandalen nun eine geringere Bedeutung erhielt als in den USA oder Großbritannien. Der Vorwurf der Homosexualität führte bei Ole von Beust und Klaus Wowereit schließlich nach 2000 ebenfalls nicht mehr zum Skandal, sondern zeigte ihre Akzeptanz in der Politik. Ähnlich war es dann bei Horst Seehofer, als seine Geliebte und das gemeinsame Kind skandalisiert wurden. Skandale handeln insofern aus, welche Normen gelten.

Und am Ende entsteht aus solchen Skandalen ein gesellschaftlicher Konsens?

Genau. Was eng mit der Frage nach der Funktion der Skandale verknüpft ist.

Die wäre?

Skandale verhandeln immer auch, welches Verhalten zulässig ist. Sie sind ein Kampf um Regeln, die sie dann auch verändern können. Durch die Veröffentlichung eines Normbruchs wird getestet, inwieweit sich Menschen hierüber empören. Bei Brandt und Strauß, denen Affären vorgeworfen wurden, war die Gesellschaft offensichtlich mehrheitlich bereit, dies als tolerierbar hinzunehmen. Wie später dann auch beim Thema Homosexualität.

Sind die Medien die Auslöser der Skandale oder nur der Kanal, der sie transportiert?

Meistens agieren nicht die Medien alleine. Es gibt oft eine Kooperation mit Politikern oder anderen Informanten, die die heiklen Informationen durchstechen. Dies zeigt sich bereits um 1900. Meistens brachten parteinahe Blätter etwas auf, worauf sich dann Politiker beriefen, die dies selbst nicht anprangern wollten. Das ist etwas, was sich bis heute durchzieht. Medien selektieren jedoch, was sie wie veröffentlichen und prüfen vertiefend Vorwürfe, auch um juristische Konsequenzen zu vermeiden.

Heute gibt es den Vorwurf von allzu großer Medienmacht.

Die Vorbehalte, die etwa aus der Pegida-Ecke kommen, werfen den Medien vor, homogen zu sein und Nachrichten zu unterdrücken. Skandale hingegen zeigen die Vielfalt der Medien, die kontrovers unterschiedliche Vorwürfe aufbringen. Der Verdacht des Verschleierns führt ja ebenfalls immer wieder zum Skandal. Besonders wirkungsmächtig ist ein Skandal immer dann, wenn etwas übergreifend von weiten Teilen der Öffentlichkeit als Problem gesehen wird, nicht nur von einzelnen Zeitungen. Wenn der Unmut bis in die eigene Partei dringt – wie etwa bei der CDU-Spenden-Affäre –, entwickelt der Skandal seine große Kraft. Aber auch hier sind es nicht „die“ Medien, die etwas aufbringen, sondern es sind viele Akteure daran beteiligt.

Welche Rolle spielten Skandale in den beiden deutschen Diktaturen?

Es ist umstritten, ob man in den Diktaturen überhaupt von Skandalen sprechen kann. Denn Skandale brauchen ja immer eine freie Öffentlichkeit, in denen sie ausgehandelt werden. Es gab im Nationalsozialismus und später auch in der DDR Versuche, Skandale zu inszenieren, etwa durch Schauprozesse, die Menschen vor Gericht vorführten. Doch diese Versuche scheiterten. Skandale kann man nicht von oben verordnen, Empörung lässt sich nicht befehlen. Skandale entstanden in Diktaturen zum Teil auf anderen Wegen, etwa durch die Empörung über Missstände in Gesprächen in Kneipen oder Warteschlangen. Allerdings waren das Dinge auf kleinerer Ebene, die keine nationale Reichweite hatten. Hier waren die Grenzen zwischen Verärgerung, Klatsch und Skandalen eher fließend.

Was sagt der historische Rückblick in Bezug auf die Skandale der Gegenwart?

Einerseits, dass falsche Beschuldigungen furchtbare Konsequenzen für einzelne haben können, was zur genauen Recherche ermahnt. Andererseits, dass Skandale oft Missstände verbessern. Beispielsweise ist die illegale Bereicherung von Parteien oder die Korruption in der Bundesrepublik durch die Skandale stark zurückgegangen. Jeder, der in öffentlicher Position heute ein Geldgeschenk annimmt, muss mit einem Skandal rechnen. Auch der Verbraucherschutz wurde durch Skandale gestärkt. Ebenso hat sich gezeigt, dass Skandale zu neuer Toleranz führen können, wie im Bereich der Sexualität. Skandale sind nötig für eine freie demokratische Gesellschaft und zeigen, dass diese funktioniert.

Ist der Shitstorm von heute der Skandal von gestern?

Diese gehässigen Kommentare ähneln durchaus der Empörung über Politiker bei Skandalen früherer Zeiten, die sich etwa in Leserbriefen oder an Stammtischen äußerte. Zugleich besteht natürlich der Unterschied, dass diese im Internet weltweit ungefiltert zu sehr vielen Themen zirkulieren. Ein Shitstorm diskutiert und verändert keine Normen, sondern zeigt generelle Hassgefühle. Entsprechend bezieht sich der Shitstorm vor allem auf Bereiche, wo starke Vorurteile bestehen.

Inwiefern lässt sich der aktuelle Vertrauensverlust der Medien historisch herleiten?

In der Tat haben wir heute vor allem einen Ansehensverlust der Printmedien, weniger bei den öffentlich-rechtlichen Medien. Die Reputation der Journalisten war jedoch nie hoch, auch nicht im Kaiserreich oder der frühen Bundesrepublik. Meinungsartikel sind traditionell eine wenig geschätzte Textsorte. Was die Leser schätzen, sind Überparteilichkeit und Ausgewogenheit, weshalb die „Tagesschau“ besonders große Beliebtheit behalten hat. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das wir gegenwärtig in vielen Bereichen der Gesellschaft finden können – ein neues Bedürfnis nach Sachlichkeit. Wer Skandale starten möchte, sollte daher nicht polemisieren.

Heute kann jeder nahezu alles publizieren.

Dennoch spielen die traditionellen Medien beim Setzen von Themen und beim Aufbringen von Skandalen weiterhin eine Schlüsselrolle. Allein die Abendausgabe der „Tagesschau“ und des „heute -Journal“ sehen täglich über neun Millionen Zuschauer, was kein Blogger regelmäßig erreicht. Über 44 Millionen Deutsche nehmen täglich eine Zeitung zur Hand, und auch online sind traditionelle Blätter führend beim Aufbringen von Meldungen. Durch sie einigt sich die Gesellschaft weiterhin darauf, was ihr wichtig ist – und worüber sie sich empört.

Kann die aktuelle Entwicklung in den sozialen Medien auch zur Gefahr für die Demokratie werden?

Ein professioneller Journalismus ist weiterhin zentral und nötig – auch bei der demokratischen Kontrolle in der Gesellschaft. Die Abnahme von professionell recherchierten Nachrichten wird gerade beim Aufbringen von Skandalen zum Problem. Bislang werden die großen Skandale nach wie vor von gut ausgebildeten und hochbezahlten Journalisten angestoßen, die in Qualitätsmedien arbeiten. Auch bei Wikileaks hat sich gezeigt, dass die zentralen Enthüllungen zusammen mit Recherchenetzwerken großer Medienhäuser aufkamen. Hier hat erst die Kooperation Seriosität hergestellt. Problematisch ist natürlich, dass sich nur noch große Häuser Mitarbeiter leisten können, die auch mal ein, zwei Wochen recherchieren können.

Die Skandale gehen uns also nicht verloren?

Nein, aber es deuten sich aktuell Veränderungen an. Wir haben derzeit eine extrem nachrichtenstarke Zeit, sodass kleinere Skandale eher untergehen. Hinzu kommt, dass viele Politiker und Personen des öffentlichen Lebens heute wissen, was zu einem Skandal führen kann – und entsprechend zurückhaltend sind. Eine Figur wie Franz Josef Strauß wäre heute völlig chancenlos. Entsprechend wird ein besonnener Politikertypus wie Angela Merkel präferiert.

Das Gespräch führte Jan Kixmülller

 

ZUR PERSON: Frank Bösch (46) ist Co-Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam und Professor für Zeitgeschichte an der Universität Potsdam. Er spricht am 14. Januar um 17.30 Uhr im Bildungsforum Potsdam (Am Kanal 47, Veranstaltungssaal EG) zur Geschichte und Gegenwart von Skandalen. Bösch ist Autor des Buchs „Mediengeschichte. Vom asiatischen Buchdruck bis zum Fernsehen“ (Campus Verlag, Frankfurt am Main 2011).

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