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  • 18.11.2015
  • von Richard Rabensaat

Am Ende der Gewalt

von Richard Rabensaat

Das ZZF untersuchte den Gewaltbegriff in der BRD

Vermutlich reicht die Geschichte der Gewalt schon so weit zurück wie die der Menschheit. Auch Ötzi starb eines gewaltsamen Todes. Gewalt ist eine moralische Kategorie, mit der eine menschliche Handlung gewertet wird. Tiere kennen keine Gewalt. Erst das Wissen und die gewollte Handlung verleihen einer Aktion eine moralische Qualität und machen die Gewalt als solche überhaupt benennbar, stellt die Soziologin Teres Koloma Beck fest. Die Entwicklung des Gewaltbegriffs in der westdeutschen Gesellschaft hat das Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in einem Symposium untersucht.

Wo beginnt die Gewalt? Bedeutet die Gewalt nur die „Ausübung unmittelbaren körperlich wirkenden Zwangs“, wie es im Strafgesetzbuch steht? Oder ist auch ein psychischer Druck, die Herstellung von Räumen und Sphären, in denen Gewalt virulent ist, ein gewaltsamer Akt? Das Militär, die Jugendheime der Bundesrepublik der 1970er-Jahre, die Jugendwerkhöfe der DDR, die Gewalt in der Familie: Gewaltausübung und Gewaltverhältnisse in vielen verschiedenen sozialen Sphären umkreisten die Historiker bei dem Treffen am ZZF – im Fokus stand die westdeutsche Gesellschaft.

Die bundesdeutsche Anschauung und Einschätzung von Gewalt habe sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr gewandelt, so Winfried Süß, Historiker am ZZF. Die Geschichtswissenschaftlerin Claudia Bade veranschaulicht dies am Beispiel des Deserteurs im Zweiten Weltkrieg. Noch in den letzten Monaten des Krieges fällten Militärrichter zahlreiche Todesurteile gegen Soldaten, die sich von der Truppe entfernten. Der aussichtslose und verlorene Krieg hielt die fahnentreuen Juristen nicht davon ab, den Dienst an der Truppe und die Aufrechterhaltung der soldatischen Moral für wichtiger als das individuelle Leben einzuschätzen. Auch nach dem Ende des Krieges rechtfertigten die ehemaligen Militärrichter, die weiterhin im Justizapparat tätig waren, ihre Urteile. Schließlich seien diese zur „Aufrechterhaltung der Manneszucht“ und um eine „Gefährdung der Truppe“ zu vermeiden, notwendig gewesen. Die „furchtbaren Juristen“ (Rolf Hochhuth) unterhielten lange Jahrzehnte lang ein ausgesprochen reges Netzwerk, um ihre Aktivitäten in das ihrer Ansicht nach richtige Licht zu rücken. Nicht zuletzt deshalb dauerte es einige Jahrzehnte, bis sich der Bundesgerichtshof dazu durchringen konnte, Urteile gegen Deserteure als Unrechtsurteile zu qualifizieren. Erst seit den späten 90er-Jahren erinnern Denkmale an getötete Deserteure.

Bei der Bundeswehr ist mit dem Konzept der „Inneren Führung“ ein Gewaltbegriff etabliert, der sich an der individuellen Verantwortung und Einsichtsfähigkeit des Soldaten orientiert. Der einzelne Soldat solle sich durchaus Gedanken über sein Handeln machen und sei auch keinem „politischen Zölibat“ unterworfen, konstatiert Angelika Dörfler-Dierken vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr (ZMSBw) in Potsdam. Allerdings habe die Möglichkeit des Soldaten, innerhalb der Bundeswehr seine Meinung zu äußern, doch funktionsbedingte Grenzen. „Eine Armee funktioniert nicht, wenn alle desertieren“, so Dörfler-Dierken.

Der Historiker Winfried Süß hält die Abkehr von der Gewalt mittlerweile für ein „gesamtgesellschaftliches Projekt“. Früher sei in Klassenräumen, Jugendheimen und auch in der Kleinfamilie mit großer Selbstverständlichkeit Gewalt ausgeübt und geprügelt worden. Das gewandelte Verständnis solcher Strukturen schlage sich dagegen nun im Gesetzbuch nieder, in dem die Prügelstrafe innerhalb von Familien seit 2000 unter Strafe gestellt ist. Kinder haben heute ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Richard Rabensaat

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