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  • 30.09.2015
  • von Jan Kixmüller

Zentrum für Militärgeschichte Potsdam: „Eine Kultur des Rettens und Helfens“

von Jan Kixmüller

Internationale Verantwortung. Bundeswehrsoldaten verteilen im Sommer 2011 nahe Kundus während einer Patrouille Bonbons an Kinder. Mittlerweile sind die Truppen nach Beschluss des Bundestages 2014 wieder abgezogen – seit Anfang dieser Woche ist die Stadt Kundus in den Händen der Taliban. Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Soldaten üben einen historischen Beruf aus: Im Interview spricht der Kommandeur der Bundeswehr-Forscher, Hans-Hubertus Mack, über Lehren aus den Angriffskriegen, die neue Einsatzwirklichkeit und die Hilfe bei der Flüchtlingskrise.

Herr Mack, Sie setzen auf Geschichtsbewusstsein als soldatische Kernkompetenz. Was ist darunter zu verstehen?

Zunächst einmal verbirgt sich hinter dem Begriff des Geschichtsbewusstseins der Prozess der historischen Bildung, also das lebenslange Lernen mit der Geschichte für den Einzelnen. Die Frage, die daraus resultiert, ist, wie viel Geschichte der Soldat braucht, um seinen Auftrag in einer schwierigen, komplexen Welt erfüllen zu können.

Und, wie viel ist das?

Sehr viel. Denn alle Soldaten müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie einen historisch geprägten Beruf ausüben. Zum anderen müssen wir uns klarmachen, dass Militär in Deutschland an gewisse Voraussetzungen gebunden ist: Aus unserer Geschichte kommend, heute in einer modernen, komplexen Zeit in Europa lebend, mit Bündnispartnern zusammen, in einer Armee, die nicht mehr als nationale Armee, sondern als Bündnispartner aufgestellt ist. Von hier aus müssen wir sehen, wo die Grundlagen, Ziele und die Zukunft einer solchen Armee liegen. Vor allem auch angesichts der unterschiedlichen Aufgaben, die im In- und Ausland auf uns zukommen.

Welche Daten der jüngeren Geschichte sind für die Bundeswehr primär?

In jedem Fall die 60 Jahre lang währende, Werte betonende Geschichte der Bundeswehr in einer Demokratie. Das ist eine große Leistung. Diese Entwicklung muss man deutlich machen, es gibt einen großen Schwenk von den Armeen der Weltkriege über die Anfangsjahre der Bundeswehr bis zu dem, was sie heute ist. Heute können sich die Soldaten auf die Werte und Normen des Grundgesetzes berufen. Die Innere Führung hat ihre Ursprünge in den 1950er-Jahren und hat als Verantwortungsprinzip und von ihrer Wirksamkeit nichts verloren.

Welche Lehren hat man aus den deutschen Angriffskriegen gezogen?

Hier möchte ich an die bahnbrechenden Worte Richard von Weizsäckers erinnern, der als Bundespräsident sinngemäß gesagt hat, dass man aus der Geschichte nicht lernen könne, wie man es das nächste Mal besser machen müsse – aber was man bedenken muss. Das würde ich auch auf die Betrachtung der Dinge und ihre Handhabung beziehen. Für unser Forschungszentrum kommt es darauf an, dass die Menschen die komplexen Verknüpfungen, unter denen heute Konflikte und andere Ereignisse stattfinden, verstehen. Sie müssen unter Umständen auch einen Konflikt verstehen, in den sie gehen. Und das ist gar nicht so einfach.

Zum Beispiel?

In Afghanistan etwa musste man erst einmal die Gesellschaft verstehen, die tribal organisiert ist und ein eher basisdemokratisches Verständnis hat. Hier wächst die Demokratie durch Räte von unten auf – bei uns ist es genau anders herum. Die Soldaten sind dort auf Menschen mit einer völlig anderen Kultur, einem völlig anderen Glauben gestoßen. Daher reicht es heute nicht mehr, sich mit Schlachten und Angriffskriegen zu beschäftigen, auch Kultur, Religion und natürlich Geschichte kommen hinzu. Und die Voraussetzung für die Beschäftigung mit der Geschichte anderer ist letztlich auch zu wissen, wo man selbst herkommt.

Die Bundeswehr hat also ein neues Selbstverständnis von Armee geschaffen?

Wichtig ist, dass sie eine Armee ist, die aufgrund von Parlamentsbeschlüssen agiert. Die verschiedenen daraus resultierenden Einsätze als Teil der internationalen Verantwortung, die wir wahrnehmen, haben die Bundeswehr nachhaltig geprägt. Es ist eine neue Generation von Soldaten herangewachsen, gerade auch nach der Aussetzung der Wehrpflicht. Die Berufs- und Zeitsoldaten sind anders gestrickt als die Rekruten zu Zeiten des Kalten Krieges. Sie sind sehr selbstbewusst und leistungsorientiert und stellen andere Fragen als vor 30 oder 40 Jahren. Es gibt eine neue Einsatzwirklichkeit. Nach Afghanistan und dem Irak ist nun Afrika im Fokus. Andere Herausforderungen werden auf uns zukommen. Das muss man auch in der historischen Bildung herleiten, damit die Soldaten verstehen, warum sie tun müssen, was sie tun.

Der Bundeswehreinsatz bei der Flüchtlingskrise ist sicher eine neue Herausforderung?

Nicht unbedingt. In der Bundeswehr hat es immer schon, auch vor dem Aussetzen der Wehrpflicht, eine Kultur des Rettens und Helfens gegeben. Es ist nichts Neues, dass wir jetzt Zelte aufbauen und den Menschen helfen. Als 1990 die Flüchtlingsströme aus Osteuropa kamen, haben wir auch Millionen Menschen aufnehmen müssen. Da hat die Bundeswehr genauso geholfen wie heute, sie hat für Nahrungsmittel gesorgt und dafür, dass die Menschen ein Dach über dem Kopf haben und medizinisch versorgt werden. Die Bundeswehr ist verlässlich da, wenn sie gebraucht wird.

Auf der Tagung zur historischen Bildung in der Bundeswehr klang nun an, dass es beim Unterricht noch Nachholbedarf gibt.

Den gibt es natürlich immer. Aber ein Ergebnis unserer Tagung ist, dass wir den Fokus in Zukunft stärker auch auf die Dozenten legen müssen. Ich möchte mich persönlich um Lehrerbildung sowie die Einstellung und Befindlichkeiten der Soldaten kümmern. Denn das sind die Adressaten von historischer Bildung. Ein modernes Verständnis von Erwachsenenbildung beinhaltet für mich auch eine stärker partnerschaftliche Bearbeitung des Unterrichtstoffs. Da gibt es noch Raum für Entwicklungen.

Wie steht es um das historische Interesse der Soldaten?

Wir haben festgestellt, dass vor allem diejenigen, die unmittelbar vor einem Einsatz stehen, ein starkes spezifisches Interesse an dem entwickeln, was auf sie zukommt. Wir sprechen heute vom sogenannten strategischen Gefreiten: Auch niedrige Dienstgrade müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie unter Umständen operativ oder strategisch agieren müssen. Wenn man sich falsch verhält, dann kann das drastische Folgen haben. Dafür muss man ein gutes Rüstzeug haben. Und das wollen wir durch die politisch-historische Bildung mitgeben. Darüber hinaus wäre es natürlich schön, wenn sich Soldaten auch dauerhaft mit Militärgeschichte beschäftigen – vor allem auch die höheren Dienstgrade

Das Militärgeschichtliche Forschungsamt Potsdam ist vor drei Jahren mit dem Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr zusammengelegt worden. Wohin bewegt sich das neu entstandene Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr nun?

Wir haben nach dem Zusammengehen mit dem Sozialwissenschaftlern eine sehr wohltuende Verknüpfung von militärhistorischer und sozialwissenschaftlicher Kompetenz erhalten. Wir haben etwas erlebt, was wir zunächst nicht vermutet haben – nämlich eine interdisziplinäre Bereicherung der verschiedenen Wissenschaftsrichtungen. Davon profitieren wir. Nun wird es unsere Aufgabe sein, die historische Bildung für die Bundeswehr neu zu vermessen. Wir haben die Zahl unsere Aktivitäten stark gesteigert. Jetzt kommt es darauf an, das Profil zu schärfen. Dabei kommt uns der Synergieeffekt mit den Sozialwissenschaften zugute, wenn es etwa um wissenschaftliche Erhebungen zur politisch-historischen Bildung unter den Rekruten geht. Wir haben sehr gute Grundlagen. Darauf werden wir nun aufbauen.

Das Gespräch führte Jan Kixmüller

 

ZUR PERSON: Hans-Hubertus Mack (60) ist Kommandeur des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam. Er ist Offizier und Erziehungswissenschaftler.

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