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Themenschwerpunkt:

Braunkohle

  • 25.07.2015
  • von Alexander Fröhlich und Matthias Matern

Sulfat-Belastung der Spree : Ein Großteil kommt aus Tagebauen und Kraftwerken von Vattenfall

von Alexander Fröhlich und Matthias Matern

Foto: Patrick Pleul/dpa

Einem Gutachten des bundeseigenen Bergbausanierers LMBV zufolge trägt der schwedische Staatskonzern Vattenfalls mit seinen aktiven Tagebauen die Hauptverantwortung für die hohe Sulfatbelastung in der Spree. Anders als das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, wird das Gutachten nicht mehr vom Bund zurückgehalten, sondern wurde bereits am vergangenen Dienstag von der Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) veröffentlicht. Demnach sollen die von Vattenfall betriebenen Tagebaue in der Lausitz für 54 Prozent der Sulfatbelastung der gesamten Spree verantwortlich sein. Die Sanierung ehemaliger DDR-Tagebaue durch die LMBV trüge lediglich 30 Prozent bei. Der Rest geht auf natürliche Prozesse zurück. Das Gutachten wurde im Auftrag der LMBV vom Institut für Wasser und Boden in Dresden erstellt.

Angesichts der neuen Zahlen fordert die energiepolitische Sprecherin der Grünen in Brandenburgs Landtag, Heide Schinowsky, einen Verzicht auf neue Tagebaue und eine stärkere finanzielle Beteiligung Vattenfalls an der Beseitigung der Folgeschäden der Braunkohleförderung. „Die Zahlen belegen einmal mehr, dass der aktuelle Tagebau enorme Umweltauswirkungen hat“, sagte Schinowsky auf PNN-Anfrage. Lange habe es immer geheißen, dass Umweltschäden wie die Belastung mit Eisenocker oder die steigende Sulfatbelastung lediglich aus ehemaligen DDR-Tagebauen herrühren würden und nichts mit den aktiven Tagebauen von Vattenfall zu tun hätten. „Diese alte Annahme ist nun erwiesenermaßen nicht mehr richtig“, sagte die Grünen-Politikerin. Vattenfall habe ebenfalls immer wieder behauptet, dass es durch seine aktuellen Tagebaue nicht zu einer Schädigung der Umwelt komme. Während sich Eisenocker mittlerweile zwar einigermaßen gut herausfiltern lasse, so Schinowsky, sei dies bei Sulfat nicht möglich. „Neue Tagebaue oder geplante Erweiterungen dürfen deshalb auf keinen Fall mehr genehmigt werden.“ Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Annalena Baerbock stellte angesichts des neuen Gutachtens konkret die Pläne für den neuen Tagebau Welzow-Süd infrage. Im Zuge des Genehmigungsverfahrens, in dessen Folge die Landesregierung 2014 grünes Licht gab, wurden von offizieller Seite mögliche Belastungen durch Sulfat und Eisenocker stets zurückgewiesen. Baerbock sagte: „Vor dem Hintergrund der jüngsten Ergebnisse muss die Genehmigung für einen neuen Tagebau Welzow-Süd II ad acta gelegt werden.“

Wie berichtet bedroht die steigende Sulfatbelastung mittlerweile auch die Trinkwasserversorgung im Raum Frankfurt (Oder). Auch das Gutachten im Auftrag der LMBV kommt zu dem Schluss: „Damit wird die Trinkwassergewinnung des Wasserwerkes Briesen aus Uferfiltrat gefährdet.“ Zuletzt war der Sulfatgehalt der Spree am Wasserwerk Briesen, in dem das Trinkwasser für rund 65 000 Menschen aufbereitet werde, laut der zuständigen Frankfurter Wasser- und Abwassergesellschaft (FWA) von 250 Milligramm pro Liter im Jahr 2012 auf 316 Milligramm gestiegen. Bei einer Messung am 14. Juli wurde mit 345 Milligramm sogar ein neuer Höchstwert gemessen. Der Grenzwert für den Sulfatgehalt im Trinkwasser liegt bei 250 Milligramm. Zwar mischt die FWA 40 Prozent unbelastetes Grundwasser aus Vorkommen bei Briesen bei, doch eine Erhöhung des Anteils ist nach Angaben des Versorgers nicht ohne Weiteres möglich.

Problematisch ist zu viel Sulfat im Trinkwasser, weil es zu Erbrechen und Durchfall führen kann und die Korrosion von Leitungen und Beton befördert. Allerdings stellt sich die abführende Wirkung von Sulfat bei gesunden Menschen erst ab einem Wert von 500 Milligramm pro Liter ein. Um die Versorgung dennoch zu gewährleisten, will die FWA in einer gut sechs Millionen Euro teuren Sofortmaßnahme Grundwasservorkommen im rund 20 Kilometer entfernten Müllrose anzapfen. Zahlen sollen aus Sicht des FWA-Geschäftsführers Gerd Weber die Verursacher – also Vattenfall und die LMBV. Während sich aber der Bergbausanierer wie berichtet bislang gesträubt hatte, war Vattenfall sofort bereit, einen Anteil in gleicher Höhe – und zwar 45 Prozent der Kosten – zu übernehmen. Mit Blick auf die Verantwortung für die Gesamtsulfatbelastung kein Wunder. Entsprechend findet die grüne Energieexpertin Schinowsky: „Mit Blick auf die neuen Zahlen ist klar, dass Vattenfall eine größere finanzielle Verantwortung tragen muss.“ Der Konzern müsse „für die Behebung der durch Sulfat entstehenden Probleme bezahlen und nicht etwa die Kunden der Wasserwerke, die mit erheblichem technischen Einsatz darauf hinarbeiten müssen, die Trinkwasserstandards einzuhalten“. Vattenfall selbst war am Freitagabend nicht mehr für eine Stellungnahme zu erreichen.

Dem Gutachten zufolge stammen die erhöhten Sulfatwerte aus den Grubenwasserreinigungsanlagen der Braunkohletagebaue und aus der Kühlturmabflut von Braunkohlenkraftwerken, aber auch aus stillgelegten Tagebauen und Bergbauseen. Als die Tagebaue noch aktiv waren, wurde das Grundwasser für die Förderung abgepumpt. Jetzt kommt es zurück und spült freigelegtes Sulfat in die Flüsse.

Im Raum Beeskow, der auch das Wasserwerk Briesen betrifft, stammt das Sulfat in der Spree – ohne die natürliche Herkunft – zu 64 Prozent vom aktiven Bergbau Vattenfalls und zu 36 Prozent aus den Sanierungsgebieten der LMBV.

Dennoch will das Bundesunternehmen keine Hilfen für einen Ersatzbau für das  Wasserwerk Briesen zahlen. Denn das Gutachten prognostiziert, dass der Höhepunkt der Sulfatbelastung überschritten ist. „Ein weiterer starker Anstieg der Sulfatfrachten wird nicht erwartet“, heißt es in dem 21-seitigen Papier. Allerdings stützt sich dieses Prognose des Gutachters allein darauf, „dass alle Anstrengungen“ gegen die hohe Sulfatwerte auch greifen, wie ein Unternehmenssprecher sagte. Gemeint sind Wassereinleitungen aus Talsperren in Sachsen, aus dem Cottbuser See und anderen Alttagebauen – die als Speichersystem dienen –, eine neue Grundwasserreinigungsanlage und die „Sulfat mindernden Maßnahmen“ Vattenfalls am Tagebau Nochten.

Bemerkenswert an der Weigerung der LMBV an Finanzhilfe für das Wasserwerk Briesen ist auch ein anderer Umstand. Dem Gutachten zufolge steigt in den kommenden zehn Jahren der Anteil der Sulfate in der Spree aus dem Sanierungsbergbau der LMBV von 30 auf 33 Prozent. Ohne das natürlich vorkommende Sulfat in der Spree verschieben sich die Anteile der Verursacher auf 60 Prozent für den aktiven Bergbau und 40 Prozent für den Sanierungsbergbau.

 

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