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  • 01.11.2014
  • von Corinna Buschow

„Gott wollte keine Marionetten“

von Corinna Buschow

Kindheitsmuster. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach am Reformationstag in der Maria-Magdalenen-Kirche in Templin. Dort war sie 1970 konfirmiert worden. Foto: dpa

Kanzlerin Merkel predigte zum Reformationstag in Templin, dem Ort ihrer Kindheit

Templin - Menschentrauben stehen am Freitag vor der Kirche, Polizisten schleichen um den Barockbau. Zwar richtet der Templiner Pfarrer in jedem Jahr das zentrale Fest zum Reformationstag für die ganze Region aus, aber in diesem Jahr kommt ein ganz besonderer Gast: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Nach dem Gottesdienst will sie eine Rede über christlichen Glauben in der Politik halten. Schon im Gottesdienst ist es sehr voll. „Wenn es doch sonst auch so wäre“, sagt Pfarrer Schein, während er sich den Talar überwirft. Wie es dazu kam, dass die Bundeskanzlerin heute kommt? „Ich hab’ sie einfach eingeladen“, sagt er.

Dass die CDU-Chefin die Einladung annahm, liegt an der persönlichen Bindung Merkels an die rund 80 Kilometer nördlich von Berlin gelegene Stadt in der Uckermark. Angela Merkel, damals noch Kasner, ist hier aufgewachsen. In der Maria-Magdalenen-Kirche, in der die Regierungschefin am Freitag spricht, wurde sie konfirmiert. Ihre Mutter gehört bis heute zur rund 2 500 Mitglieder starken Gemeinde.

Die Kirche ist also ein Stück Heimat. Sie fühle sich „an der falschen Stelle“, bekennt die Kanzlerin denn auch hinter dem Rednerpult. „Ich habe immer da gesessen“, sagt sie und zeigt auf den Kirchenraum, in dem heute Hunderte sitzen – oder stehen, weil es keine freie Bank mehr gibt.

In ihrer Rede geht es darum, was Christ zu sein in der Politik für sie bedeutet. Merkel, die äußerst selten Einblicke in ihr Privatleben gewährt und Religion lange Zeit als Privatsache deklarierte, bekennt sich zu einem freiheitlichen Glaubensverständnis. Freiheit sei der Begriff, „der zentral ist, wenn es um die christliche Botschaft geht“, sagt sie. Sie fordert, im Rahmen dieser Freiheit Verantwortung zu übernehmen: „Gott wollte keine Marionetten, keine Roboter, keine Menschen, die einfach das tun, was sie gesagt bekommen.“ Die Kanzlerin erklärt in ihrer Rede, bei welchen politischen Herausforderungen der christliche Glauben sie besonders begleite.

Zuallererst nennt sie die „Fragen von Krieg und Frieden“ – den Ukraine-Konflikt. Ein weiteres Beispiel sind für sie steigende Flüchtlingszahlen. Die Probleme der Welt könnten nicht allein durch „individuelle Solidarität“ gelöst werden, sagt sie. Entwicklungspolitik, die helfen soll, die Situation in den Herkunftsländern zu verbessern, komme immer größere Bedeutung zu. Eine fertige Antwort auf das Flüchtlingsproblem, räumt die Kanzlerin ein, habe sie nicht.

Ringen ohne fertige Antwort offenbart die Kanzlerin auch überraschend beim Thema Sterbehilfe. Sie äußert sich zurückhaltend über die im Bundestag angestrebte Regelung des assistierten Suizids. „Allein der Anspruch ,ich will das regeln’ hat vielleicht in sich schon etwas, was der Vielfalt menschlicher Situationen nicht gerecht wird“, sagt sie.

Gleichzeitig erklärt sie, bei Gewissensfragen selbst eher strenge Regelungen zu befürworten: „Ich fürchte mich davor, dass die Grenzen immer weiter verschoben werden und wir zum Schluss keinen Halt mehr machen.“ Zum Schluss des Reformationsfestes dürfen die Templiner die Kanzlerin selbst ins Verhör nehmen. Waffenlieferungen an Kurden, die Freihandelsabkommen mit den USA und Kanada, Krankenhausprivatisierung – die Themen, die hier auf Interesse stoßen, sind breit gefächert. Manchmal ist es auch bloße Neugier über das politische Geschäft hinter den Kulissen. In welcher Sprache in Vier-Augen-Gesprächen mit anderen Staatenvertretern geredet wird, will ein Templiner wissen: „Wie ist das zum Beispiel bei ihnen und dem Herrn Putin?“ Da gehe einiges auf Russisch, antwortet die Regierungschefin. Wenn es „ganz ernst“ ist, rede aber jeder in seiner Sprache.

Nicht nur zu interessierten Fragen aus der Bevölkerung, sondern zu mehr politischem Engagement rief der evangelische Berliner Bischof Markus Dröge zum Reformationsfest auf. Es sei Ausdruck des reformatischen Glaubens, „trotz erschreckender Herausforderungen sich unerschrocken politisch einzubringen“, sagte Dröge am Freitagabend in seiner Predigt in der Berliner Zionskirche. Dabei müsse auch eine „neue, aktive, europäisch abgestimmte Flüchtlingspolitik“ von allen beteiligten Staaten aus der Bevölkerung eingefordert werden.

Notwendig sei derzeit auch trotz Bekenntnissen zu Frieden und Gewaltverzicht, in mörderischen Kriegen wie dem Kampf gegen den IS-Terror militärische Hilfe zu leisten, um noch Schlimmeres zu verhindern, betonte Dröge. Dabei müsse die Weltgemeinschaft mit mehr Nachdruck dazu gebracht werden, „endlich mehr Schutzkonzepte für verfolgte Minderheiten zu vereinbaren“. Auch müssten Waffenexporte eingedämmt werden und die UN-Blauhelmtruppen dauerhaft gestärkt werden, um dauerhaft einsatzfähig zu bleiben.

Auch der Dialog der Religionen stehe vor großen Herausforderungen, sagte Dröge. Spätestens seit ein „aggressiv brutaler Islamismus die Welt erschreckt“, dürfe die Erschütterung über diese „Auswüchse eines fehlgeleiteten Islam“ nicht mehr als Islamfeindlichkeit kleingeredet werden, betonte der Bischof.

Notwendig seien jetzt ernsthafte Auseinandersetzungen mit diesen Problemen. „Dieser Dialog muss gelingen und die Religionen insgesamt verändern, sie zu einer universalen Friedensmacht verwandeln“, sagte Dröge. Insgesamt müsse die Welt, in der wir leben, infrage gestellt und verändert werden, betonte der Bischof: „Das ist das Geschenk, das die Reformation uns gemacht hat.“

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