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  • 10.04.2014
  • von Christoph Stollowsky

Petition gegen Wiedereröffnung der Haasenburg-Heime: „Ausgeliefert, entwürdigt“

von Christoph Stollowsky

Foto: dpa

Die 17-jährige Christina Witt aus Bremen war in den umstrittenen Haasenburg-Heimen untergebracht. Jetzt übergab sie Brandenburgs Bildungsministerin Münch eine Petition gegen die Wiederöffnung.

Potsdam - Sie sieht nicht wie eine Siegerin aus, obwohl ihr gerade die Ministerin anerkennend die Hand drückt. Sie spricht leise, senkt den Blick, der ganze Auftrieb scheint ihr ein wenig peinlich zu sein, obwohl sie in den vergangenen Tagen viele Menschen von ihrer Sache überzeugt hat: Fast 40 000 Bürger haben bundesweit Christina Witts Online-Appell an die Potsdamer Landesregierung unterstützt. Die junge Frau, 17 Jahre alt, steht am Mittwoch um die Mittagszeit im Foyer des Bildungsministeriums, streicht rasch die langen, rötlichen Haare zurück; dann überreicht sie Ministerin Martina Münch (SPD) ihre Petition gegen die Wiedereröffnung der Haasenburg-Heime für schwer erziehbare Kinder und Jugendliche.

Christina Witt war dort ein Jahr untergebracht, auch sie litt unter den Misshandlungen, deretwegen Münch drei Heimen Ende 2013 die Betriebserlaubnis entzogen hat. Die Petition stärkt Münch nun den Rücken. Erst am Dienstag hatte sie wie berichtet den Vergleichsvorschlag des Oberverwaltungsgerichtes Berlin-Brandenburg (OVG) abgelehnt, die Heime auf Basis eines neuen Konzeptes wiedereröffnen zu lassen (siehe Kasten).

Jetzt lächelt sie zu Christina hin, die zwei schauen sich respektvoll an. Kurzer gemeinsamer Blick in die Pressekameras, dann nimmt die Ministerin die Schülerin sanft am Arm und lädt sie zum persönlichen Gespräch in ihr Büro ein. Erst im Februar hatte sich Münch bei den Kindern und Jugendlichen dafür entschuldigt, dass sie die Regierung nicht besser vor dem zugefügten Leid schützen konnte.

„Das war richtig positiv“, freut sich die Schülerin, als sie aus Münchs Dienstzimmer tritt. Schaut nun selbstbewusst und erzählt, was sie dachte, als Mitte März die Nachricht vom Vergleichsvorschlag des OVG kam: „Das darf doch nicht wahr sein!“ Danach startete sie mithilfe der Petitionsplattform change org. den Appell „Nie wieder Haasenburg!“.

Christina Witt verbrachte ihre ersten Kinderjahre in Bremen. Beide Eltern waren Alkoholiker. Mit fünf Jahren wurde sie ihnen entzogen und beim Kindernotdienst untergebracht. Es folgte eine Odyssee durch zwölf Heime in mehreren Bundesländern. Christina riss immer wieder aus, man brachte sie zurück und irgendwann ins nächste Heim. Im Dezember 2009, sie war zwölf Jahre alt, schlossen sich dann die Türen des Haasenburg-Heimes in Jessern (Dahme-Spreewald) hinter ihr. Dort verbrachte sie ein Jahr. Danach kam die nächste Station, ein offenes Heim in Bernau (Barnim): für Christina eine Erleichterung, für das zuständige Jugendamt eine kostengünstigere Lösung. Und 2012 zog sie zurück nach Bremen – nun in eine eigene kleine Wohnung, in der ihr täglich zwei Stunden eine Betreuerin zur Seite steht. Seither besucht sie eine Realschule, will Tierarzthelferin werden. Im Mai macht Christina schon mal ein Praktikum – bei einem Veterinärmediziner.

Das Trauma ihrer Haasenburg-Zeit kehrt aber bis heute in Träumen zurück. Ein Therapeut hat ihr im vergangenen Jahr geholfen, es aufzuarbeiten. Wegen der Misshandlungen hat sie wie etliche andere einstige Heimkinder Anzeige erstattet. „Es war schrecklich, wir hatten keinen Freiraum, waren rechtlos“, sagt sie. Die Erinnerung macht ihre Gesichtszüge hart.

„Ausgeliefert, entwürdigt“ hat sie sich gefühlt. Zum Beispiel, als spätnachts Betreuer in ihr Zimmer gestürmt seien. „Sie weckten mich auf und befahlen mir, den Schrank aufzuräumen und binnen zehn Minuten das Bad zu putzen.“ Als sie gewagt habe, zu fragen, warum das denn mitten in der Nacht sein müsse, seien sie noch ekliger geworden. Es war im Heim untersagt, „die Betreuer kritisch infrage zu stellen“, sagt Christina.

Der Schulunterricht in der Haasenburg begann wie auf der Isolierstation. Anfangs habe sie nur allein im Zimmer lernen dürfen. „Man gab mir Aufgaben, damit wurde ich stundenlang mir selbst überlassen.“ Die sogenannte „Gruppenbeschulung“ habe sie sich durch angepasstes Benehmen verdienen müssen. Wer sich beklagte, sei über Tage oder Wochen eingesperrt worden. Wollte sie das Zimmer verlassen, musste sie an denTürrahmen klopfen. Christina missachtete das einige Male. „Da haben sie mich auf den Boden geworfen und mir die Arme umgedreht.“

Auch das ständige Eingeschlossensein sei unerträglich geworden. Es gab nur eine Chance, das Heimgelände mal verlassen zu dürfen: Man musste sich die sogenannte „grüne Phase“ verdienen. Das sei kaum zu schaffen gewesen, weil es voraussetzte, „dass du dauernd all die strikten Regeln unterwürfig befolgst“. Christina ist es einige Male gelungen. Dann ging es ins nächste Dorf, einen Betreuer zur Seite. Aber ohne ein Paar ihrer Lieblingsschuhe. Erlaubt waren beim Ausgang nur hässliche, unbequeme Spezialschuhe des Heimes aus Gummi oder Holz. Die sollten Fluchtversuche vermiesen.

Aussortiert – und weggesperrt. „Kinder, die vom Elternhaus schon schwer belastet waren, wurden hier zusätzlich traumatisiert“, sagt Ministeriumssprecher Stephan Breiding. Ex-Heimkind Christina Witt hat bis heute in der Realschule Konzentrationsschwierigkeiten. Anfangs konnte sie dem Unterricht nur zwei Stunden lang folgen. Was würde sie empfinden, wenn die Haasenburg wieder öffnen darf? „Das wäre“, sagt Christina, „ein Schlag in mein Gesicht.“

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