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  • 18.07.2013
  • von Sören Kohlhuber

„Freiluftkonzert in Mitteldeutschland“

von Sören Kohlhuber

Brauner Trupp. Einige Mitglieder der Neonazi-Gruppe „MS88“. Foto: PNN

Eine Neonazi-Gruppe namens „Märkische Skinheads 88“ gerät ins Visier der Sicherheitsbehörden. Ihr Kopf ist NPD-Funktionär. Seit Jahren veranstaltete sie unerkannt rechte Konzerte, jetzt plant sie das auch in Finowfurt. Doch dort formiert sich Widerstand

Potsdam - Sie veranstalteten Fußballturniere und über lange Zeit von den Sicherheitsbehörden unentdeckte Konzerte. Jetzt gerät die bislang kaum beachtete Gruppe von Neonazis ins Visier der Sicherheitsbehörden in Brandenburg. Sie nennen sich „Märkische Skinheads 88“ und planen in Finowfurt (Barnim) ein „Freiluftkonzert in Mitteldeutschland“.

Konkret geht es um das Gelände des Ex-DVU-Landesvorsitzenden und aktuellen Landesvorsitzenden der Splitterpartei „Die Rechte“, Klaus Mann, der sein Grundstück in den vergangenen Jahren zu einem zentralen Veranstaltungsort und Treffpunkt für Neonazis entwickelt hat. Seit Jahren finden hier Rechtsrockkonzerte statt. Dieses Jahr veranstalteten die Manns bereits das Sommerfest der „Rechten“ sowie angebliche Benefizkonzerte. Auch für die zweite Jahreshälfte sind Konzerte geplant, wie mit der Bremer Band „Kategorie C“ am 17. August, dem Todestag des Nazi-Verbrechers Rudolf Heß., oder der „Preußentag“ der NPD im Oktober. Regional wie überregional ist das private Grundstück inzwischen ein Mekka für Rechtsrockanhänger.

Auch für den 27. Juli liegt eine Anmeldung vor, im Internet mobilisiert die kamaradschaftsähnliche Gruppe „Märkische Skinheads 88“, kurz „MS 88“. Die Zahl 88 ist ein Szene-Code und bedeutet „Heil Hitler“. Auf den Eintrittskarten für das „Freiluftkonzert in Mitteldeutschland“, steht: „Gemeinschaft ist unsere Waffe.“ In den vergangenen Jahren veranstaltete „MS 88“ mehrere Konzerte in Brandenburg. Trotz des jahrelangen Drucks der Sicherheitsbehörden auf die rechtsextremistische Szene konnte ein Großteil der Konzerte in Oranienburg (Oberhavel) stattfinden, ohne dass die Behörden eingriffen. Erst durch Recherchen von Neonazi-Gegnern vor Ort flogen die Rechtsextremisten auf, die in Oranienburg ungestört ein „Nationales Jugendzentrum“ betreiben konnten. Allein im Jahr 2011 fanden in einem ehemaligen Lagerhaus auf einer Gewerbebrache mitten im Stadtzentrum acht Rechtsrockkonzerte statt. Laut brandenburgischem Verfassungsschutz waren Räume von den „Jungen Nationaldemokraten“ (JN), der Jugendorganisation der NPD, angemietet worden.

Als Anmelder des Konzerts am 27. Juli tritt der Veltener Robert W. auf. Seit Längerem sind die Kontakte des 25-Jährigen in die Rechtsrockszene bekannt. Für die Mobilisierung der Anhänger im braunen Milieu sind Konzerte und Musik elementar. Hierbei spielt W. nach PNN-Informationen im nördlichen Brandenburg eine Schlüsselrolle. Im Rahmen einer Razzia gegen die Berliner Neonaziband „X.x.X.“ – auch bekannt unter Deutsch.Stolz.Treue oder DST – war Ende 2011 auch die Garage von Robert W. durchsucht worden. Er war damals beschuldigt worden, strafrechtlich relevante Tonträger mit volksverhetzenden Texten produziert und kommerziell verbreitet zu haben. Bei ihm wurden tatsächlich versandfertige CDs beschlagnahmt.

Kenner der rechten Szene sehen in W. ein Bindeglied zwischen der NPD und der starken subkulturellen Neonaziszene. Denn inzwischen macht W. bei der NPD mit. Im Februar wählte der NPD-Kreisverband Oberhavel ihn in den neuen Vorstand. Hintergrund ist das Abwandern älterer Parteikader in die Landes- und Bundespartei sowie der massive Eintritt von jungen Neonazis, welche bei der JN und der verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) aktiv waren.

In seiner neuen Position meldete W. am 21. April 2013 in Hennigsdorf eine Kundgebung für die NPD an. Auch im vergangenen Jahr, als er noch nicht offiziell Mitglied der NPD war, fiel er auf. Zum Geburtstag des NS-Kriegsverbrechers Erich Priebke schaltete er eine Geburtstagsanzeige in der Lokalzeitung. Einen Tag später hielten Neonazis aus Berlin und Brandenburg einen gruseligen Fackelmarsch durch Hennigsdorf (Oberhavel) ab, die Polizei zählte bis zu 50 vermummte Teilnehmer und konnte nur einige Beteiligte stellen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt seither wegen des Verdachts der Verwendung von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen, Volksverhetzung und Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz. Sogar eine Belohnung wurde für Hinweise zu den Drahtziehern des Aufmarsches ausgesetzt. Das Verfahren läuft noch.

Das Konzert am 27. Juli in Finowfurt wird mit einem Verweis auf zwei Konzerte der letzten Jahre beworben. Bei einem der Konzerte handelte es sich um ein „Sportfest“ mit musikalischem Rahmenprogramm. Im vergangenen Jahr fand das von den „Märkischen Skins“ veranstaltete Konzert ebenfalls in Finowfurt statt, das Motto lautete: „Stärke Körper und Geist.“ Es wurde allerdings von der Polizei aufgelöst.

Im September 2012 versuchte Robert W. ein Sportfest in Velten zu arrangieren. So wollte er beim örtlichen Rugbyverein ein Fußballturnier anmelden. Solche „Nationalen Fußballturniere“ dienen als Vernetzungstreffen über die Landesgrenzen hinaus. Doch der Verfassungsschutz schaltete sich ein, der Rugbyverein entschied, keinen Vertrag mit W. einzugehen. Bekannt ist, dass die Neonazis um W. seit Jahren versuchen, einen Fuß in die Sportvereine zu setzen und dort auch spielen.

Wie das Portal „gegenrede.info“ berichtet, soll Robert W. neben dem Konzert in Finowfurt auch eines in Viereck bei Pasewalk (Mecklenburg-Vorpommern) angemeldet haben. Es soll ebenfalls am 27. Juli stattfinden. Offenbar sucht W. nach zuletzt massiven Protesten in Finowfurt einen Ausweichort. Erst im Mai schaffte es ein Bürgerbündnis erstmalig, ein Konzert auf dem Gelände der Familie Mann in Finowfurt zu stören und blockierte zum Teil erfolgreich Wege zum Gelände. Auch die Polizei greift bei den Konzerten immer härter durch, schreitet bei jedem Hitlergruß, jeder Ordnungswidrigkeit und jedem verbotenen Lied auf dem Privatgelände ein – und bricht die Veranstaltungen regelmäßig ab.

Ob sich Viereck als Ausweichort besser eignet, ist fraglich. 2012 hatte das Bündnis „Vorpommern: weltoffen, demokratisch, bunt“ 2000 Menschen zum Protest gegen das Pressefest der NPD-Postille „Deutsche Stimme“ in Viereck mobilisiert. Ungestört dürfte es für das „Freiluftkonzert in Mitteldeutschland“ von „MS 88“ kaum werden, weder in Finowfurt noch in Viereck. Inzwischen haben die Initiativen in Finowfurt und Viereck ein gemeinsames Vorgehen an diesem Tag verabredet. So wollen die Neonazi-Gegner einen Busshuttle einrichten, um flexibel zu reagieren. (mit axf)

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