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  • 21.08.2012
  • von Thomas Guthmann

Langsamer werden

von Thomas Guthmann

Nachhaltige Ferien: Brandenburger Schülerinnen lernten in Sansibar viel über sich selbst und ihre Lebensweise

Potsdam - Jetzt sitzt sie da und gluckst zufrieden in den Strohhalm. Gerade hat der Kellner den zweiten Becher Mangosaft vor Anne Melling hingestellt. Schön frisch und lecker fruchtig schmeckt der auf Sansibar. Sie kneift die Augen zusammen, lehnt sich zurück und meint nach einer Weile etwas vieldeutig: „In Deutschland müsste alles langsamer werden. Zu Hause sind immer alle total busy“. Drei Wochen ist die junge Brandenburgerin nun auf Sansibar und die Begegnung mit der ostafrikanischen Insel und ihren Menschen neigt sich dem Ende zu. Die Reise hat die Regionale Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie in Brandenburg (RAA) gemeinsam mit der Gesellschaft für solidarische Entwicklungszusammenarbeit (GSE) und Partnern vor Ort organisiert. Im Rahmen der UN-Dekade „Bildung für Nachhaltige Entwicklung“ haben sechs Mädchen im Alter von fünfzehn bis neunzehn ihre Sommerferien auf der Insel im Indischen Ozean verbracht, Gleichaltrige aus Sansibar und Bolivien getroffen und sich darüber Gedanken gemacht, wo ihr Essen herkommt und wie es mit der Verteilungsgerechtigkeit bestellt ist.

Mit „busy“ meint die 16-jährige Schülerin aus Frankfurt (Oder) das Leben in hoher Taktzahl in Deutschland, den Leistungsdruck in der Schule etwa. Das alles führe dazu, „dass einfach alles zu schnell geht, alles zu stressig ist“ und im Alltag oft keine Zeit zum Kochen bleibe. In den Sommerferien war das anders. Da hat Anne frisches Essen gegessen, selbstgebackenes Brot verspeist und Früchte und Fisch auf lokalen Märkten eingekauft. Luisa Kanisch (15) aus Lauchhammer, die ebenfalls mitgereist ist, bringt den kulinarischen Unterschied, den sie auf der Reise erleben, so auf den Punkt: „Zu Hause schieben wir die Fertigpizza in den Ofen rein und hier kochen halt alle. Alles gibt es frisch vom Markt und unverpackt“.

Die Entdeckung des „Sansibar-Feelings“, wie Anne es nennt, ist auch die Erfahrung von Entschleunigung durch Essen. Man nimmt sich hier Zeit für die Zubereitung der Mahlzeiten und baut selbst an. Als Luisa bei Azaluu Jaffar vorbeischaut, zeigt ihr die sansibarische Schülerin den Garten ihrer Eltern. Das Zuhause der 17-Jährigen ist von Mango-, Papaya- und Orangenbäumen umgeben, auf der Terasse wird Maniok getrocknet und hinter dem Haus brüten Hühner. Auch ein paar Ziegen hat die Familie. Azaluu lebt nicht auf einem Bauernhof, sondern in der Inselhauptstadt Stone Town. Für sie ist es normal, Brot selber zu backen und sich aus dem Garten zu ernähren.

Für Anne und Luisa ist es dagegen ein Erlebnis, Bananenstauden, Mango, Papaya, aber auch Nelken- und Zimtbäume zu sehen, „es wächst alles, was man aus dem Supermarkt kennt direkt auf der Straße. Man könnte da hingehen und das pflücken und essen. Und das ist wirklich unglaublich“, sagte Anne.

Für die Deutschen ist der Supermarkt oder der Discounter der Ort, aus dem sie ihr Essen beziehen. Einige der Mädchen kennen zwar den Anbau aus dem Garten der Großeltern, sie selbst haben aber kaum noch eine Beziehung zum Anbau und zur Verarbeitung von Lebensmitteln. Da der Alltag immer öfter weniger Zeit fürs Essen lässt, verzehren die Deutschen häufiger eine Fertigpizza. Ein System, das Fertigprodukte begünstigt und zu mehr Abfall führt, wie die Mädchen in der Vorbereitung auf die Reise recherchiert haben. 20 Millionen Tonnen Lebensmittel werden jährlich in Deutschland weggeworfen: „Schockierend“, sagte Anne, „damit könnte ja ein Dorf ewig überleben. Früher hab ich darauf nicht geachtet, aber seitdem ich das weiß, versuche ich, bewusster mit den Lebensmitteln umzugehen“.

Dieser verschwenderische Überfluss ist für die Sansibaris befremdlich. Immerhin 15 bis 25 Prozent der Bevölkerung haben auf der Insel nicht immer ausreichend zu essen. Azaluu sagt erstaunt: „Bei uns ist das unvorstellbar, dass so viel Lebensmittel weggeworfen werden, obwohl diese noch gut sind. Auf Sansibar gibt es viel Armut und wenn du arm bist, hast du nicht zu essen und das Leben ist sehr hart für dich.“ Das Einkommen vieler Menschen auf Sansibar bewegt sich am Existenzminimum, Spielraum für Verschwendung gibt es da nicht. Selbstversorgung ist auch eine Strategie, um über die Runden zu kommen. Wie heikel die Situation für viele auf dem Inselarchipel ist, wird auf einem Ausflug deutlich, bei dem die Schüler Landwirte treffen. Die Bauern erzählen beim Gespräch, dass ein Investor scharf auf das Land ist, von dem sie leben. Er will dort eine große Viehfarm aufbauen. Dort, wo die Bauern für ihren Bedarf anbauen, sollen Kühe in Zukunft Milch für Fabriken produzieren. Kommt der Investor durch, würde die kleinbäuerliche Struktur zerstört. Die Landwirte würden ihre Existenzgrundlage verlieren.

„Typisch Globalisierung“, sagt Isabelle Heinrich (19) später. In der Gruppe herrscht Unverständnis über diese Schattenseiten der industriellen Produktion. Anne, Isabelle und Luisa kommen ins Grübeln über ihren Lebensstil, ihre Essgewohnheiten, die Lebensmittel in deutschen Supermärkten und ihre Mitverantwortung. Als Anne den letzten Rest Mangosaft aus dem Becher schlürft, sagt sie entschlossen, dass es „an der Zeit ist, das eigene Leben zumindest ein Stück weit zu verändern“. Sie denkt darüber nach, kochen zu lernen, „damit ich nicht von Fertiggerichten abhängig bin“. Ihre Eltern will die 16-Jährige drängen, mehr regionale und fair gehandelte Produkte zu kaufen. Thomas Guthmann

Die Recherche wurde vom Evangelischen Entwicklungsdienst unterstützt.

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