18.08.2017, 25°C
  • 14.08.2012
  • von Nana Heymann

AUSSTELLUNG: Landlust, Landfrust

von Nana Heymann

Mutig. Der Zaun um das ehemalige Kraftwerksgelände lädt zum Überklettern ein.

Unter dem Wandel in Städten wie Lübbenau leiden besonders die Jugendlichen. Daniel Seiffert hat sie fotografiert.

Berlin/Lübbenau - Es müsste einer der schönsten Tage ihres Lebens sein. Sie müsste lachen vor Freude, vielleicht wild gestikulieren, irgendwie ausflippen. Doch ihr Blick ist gesenkt, das Gesicht regungslos. Das Mädchen an dem festlichen gedeckten Tisch wirkt in sich gekehrt und einsam inmitten der Menschen, die im Hintergrund zu sehen sind. Wie eine aus der Zeit gefallene Prinzessin, die nicht weiß, ob sie sich auf die Zukunft freuen oder sich vor ihr fürchten soll. Und das am Tag ihrer Jugendweihe, die doch den Beginn einer neuen Lebensphase markieren soll. Das Ende der Kindheit, den Anfang der Jugend. Den allmählichen Übergang zum Erwachsenwerden.

Im Bild festgehalten wurde das Mädchen von Daniel Seiffert. Knapp anderthalb Jahre, von Mai 2010 bis Ende 2011, begleitete der Berliner Fotograf Jugendliche aus dem südbrandenburgischen Lübbenau. Er hing mit ihnen an der Skateboard-Rampe ab, fuhr mit ihnen an den Baggersee, zog mit ihnen um die Plattenbauten. Und mit einigen feierte er sogar Jugendweihe. Immer dabei: seine Kamera. Die entstandenen Aufnahmen waren Seifferts Abschlussarbeit an der renommierten Ostkreuzschule für Fotografie und Gestaltung in Weißensee. 76 Bilder hat der Nachwuchskünstler vor kurzem als Buch veröffentlicht, es trägt den Titel „Kraftwerk Jugend“. Eine Auswahl von 25 Motiven ist derzeit in der „Talents“-Reihe der Fotogalerie C/O Berlin in Mitte zu sehen.

Warum es ihn ausgerechnet nach Lübbenau verschlagen hat? Daniel Seiffert, 32, kariertes Hemd, knielange Hose, verwegener Blick unter verwuschelten Haaren, sitzt in einem Restaurant an der Oranienburger Straße und erzählt die Geschichte. Seine WG-Mitbewohnerin, eine Italienerin, wollte ihre soziologische Abschlussarbeit über schrumpfende Städte schreiben und bat ihn wegen Sprachschwierigkeiten um Hilfe. Nach einiger Recherche kamen sie auf Lübbenau. Die Stadt im Landkreis Oberspreewald-Lausitz kämpft seit der Wende gegen den demografischen Wandel. Mit ihrem Braunkohlekraftwerk, das 1959 ans Netz ging, den programmatischen Namen „Jugend“ trug und die Hauptstadt mit Strom versorgte, war sie der Motor einer ganzen Region. 1994 wurde der Betrieb jedoch eingestellt. Mehrere tausend Arbeitsplätze fielen weg, für viele Menschen gab es plötzlich keinen Grund mehr zu bleiben – das Durchschnittsalter der Bewohner stieg von 28 Jahren auf Mitte 40.

Aufgrund dieser Fakten fragte sich Seiffert: Wie fühlt es sich an, jung zu sein in einer Stadt, in der alle nur über das Altern reden? Auf der Suche nach Antworten kam er mit einheimischen Jungs und Mädchen ins Gespräch. Um deren anfänglicher Skepsis zu begegnen, bot er ihnen einen Foto-Workshop an. Mit Einwegkameras sollten sie ihre Stadt fotografieren. Über die Bilder entwickelte sich ein Dialog, und Seiffert gewann das Vertrauen der Jugendlichen. Sie erzählten ihm von ihrem Leben, ihrem Alltag. Und ließen ihn mit seiner Kamera daran teilhaben.

Entstanden sind Momentaufnahmen einer Jugend, die sich ihrer vermeintlichen Verlorenheit stellt. Bonjour Tristesse? Keineswegs. Die porträtierten Jungs und Mädchen wirken mal verunsichert, dann wieder stark und zuversichtlich. „Ich hatte das Gefühl, dass sich die Jugendlichen aufgrund ihrer Situation viel mehr mit existenziellen Fragen beschäftigen als anderswo“, sagt Seiffert. Bleiben oder gehen – vor dieser Entscheidung steht in Lübbenau jeder irgendwann. „Zwar liegt in meinen Bildern eine Grundmelancholie, aber Melancholie ist ein Zustand, der auch progressiv sein und Kräfte freisetzen kann.“

Vor seiner Ausbildung an der Ostkreuzschule studierte Daniel Seiffert Politik und Medienwissenschaften. Erste Fotos machte er nach dem Abitur, als er durch Simbabwe und Mosambik trampte. Die Auseinandersetzung mit den Jugendlichen in Lübbenau habe ihn gelegentlich an seine eigene Jugend erinnert. „Ich habe viel Spaß dabei gehabt, mit denen Quatsch zu machen, sinnlos nachts auf dem Parkplatz rumzustehen, Bier zu trinken und darauf zu warten, dass irgendwas passiert.“

Seiffert, der heute in Kreuzberg lebt, wurde in Ost-Berlin geboren und wuchs in Treptow auf, unweit der Mauer. Er ist einer derjenigen, die seit kurzem als „Dritte Generation Ost“ bezeichnet werden: geboren in der DDR, erwachsen geworden in der Bundesrepublik.

Dieser biografische Umstand, glaubt er, habe ihm während seines Projekts geholfen. Er habe dadurch „feinere Antennen“ für seine Protagonisten und deren Lebenswirklichkeit entwickelt. Sie alle wurden nach dem Fall der Mauer geboren und wuchsen auf in einer Region, die immer noch stark von ihrer Vergangenheit geprägt ist. Allein schon optisch. So fiel Seiffert in Lübbenau zum Beispiel eine alte Plastik zweier Jungpioniere auf, die entschlossen der Zukunft entgegenlaufen. Die Schule, vor der die Skulptur heute noch steht, ist längst geschlossen.

Das Kraftwerk, das Seiffert als Namensgeber für seine Arbeit diente – weil ein Kraftwerk das produziert, was Jugend ausmacht, Energie, Wärme, eben Kraft –, steht heute nicht mehr. Im Mai 2010 wurde der letzte Block der „Jugend“ gesprengt. Auf Youtube findet man ein Video davon. Eine männliche Stimme zählt den Countdown: „Drei, zwei, eins – Sprengung!“ Ein Knall, und die Ruine fällt in sich zusammen, eine Staubwolke steigt zum Himmel auf. Im Off singen Queen „The show must go on“. Der Clip läuft in der C/O Berlin auf einem Bildschirm als Endlosschleife.

Die Ausstellung „Kraftwerk Jugend“ läuft in der C/O Berlin, Oranienburger Straße 35/36 in Mitte, noch bis zum 11. September. Der gleichnamige Fotoband ist in ausgewählten Buchhandlungen erhältlich, Infos dazu unter www.danielseiffert.com

Social Media

Umfrage

Soll die Biosphäre abgerissen werden, wie es die Grünen-Fraktion im Stadtparlament nun fordert? Stimmen Sie ab!