• 28.09.2008
  • von Susanne Vieth-EntusD

Schauprozesse im Kriminalgericht

von Susanne Vieth-EntusD

Einmal auf der Anklagebank. Wie fühlt es sich an im Gericht? Das wollten gestern mehr als 2000 Berliner wissen. Foto: Rückeis

Der Angeklagte macht ein unschuldiges Gesicht, und das Opfer will nichts mehr sagen, weil es vom Täter 20 000 Euro bekommen hat: ein schwieriger Fall für die Richter am Kriminalgericht Moabit. Kann man den 48-jährigen Bäckermeister für die Faustschläge gegen seine Ehefrau verurteilen und dafür, dass er sie mit seiner Drohung „Ich bring’ Dich um, Du Schlampe“ in Angst versetzt hat?

Etwa 150 Zuschauer im Saal 217 des Kriminalgerichts Moabit wollten das gestern wissen und folgten interessiert und amüsiert den „Schauverhandlungen“ zum Tag der offenen Tür in Europas größtem Justizkomplex. Dorthin hatten sich rund 2300 Besucher aufgemacht, um sich über die Arbeit der Staatsanwaltschaft, des Landgerichts und des Amtsgerichts Tiergarten zu informieren, um die prunkvollen Treppenhäuser zu bewundern oder den Kriminaltechnikern bei der Arbeit zuzusehen. Sogar Spezialführungen für Kinder gab es. Sie durften – anders als die Erwachsenen – auch „echte“ Zellen ansehen, die zwar gerade nicht belegt waren, aber „vollgeschmiert mit ganz schlimmen Worten“, wie der elfjährige Adrian mit Schaudern berichtete.

Obwohl es erst der zweite Tag der offenen Tür im Kriminalgericht war, ist er schon zu einem Zuschauermagneten geworden: 2006 kamen knapp 1000 Besucher, gestern waren es bereits mehr als doppelt so viele – was Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD) überhaupt nicht verwunderte. Sie verwies darauf, dass der Gebäudekomplex immerhin die größte Staatsanwaltschaft Deutschlands beherbergt. Zudem war er immer wieder Schauplatz bedeutender Prozesse, mit Angeklagten wie dem Hauptmann von Köpenick, den Gebrüdern Sass oder „Dagobert“ bis hin zu Erich Honecker.

Nachdem von der Aue längst davongeeilt war, um ihrem Sohn ein Geburtstagsessen zu kochen, ging das Treiben im Gericht noch lange weiter. Da wurde im „Galgenhof“ Selbstgemachtes aus den Justizvollzugsanstalten verkauft, Jugendrichter Ulrich Auffermann plauderte aus seinem Alltag – und unter der Regie des Amtsgerichtsvizepräsidenten Hans-Michael Borgas gingen die Schauverhandlungen um den brutalen Bäcker weiter. Das Urteil lautete übrigens einmal auf „vier Monate ohne Bewährung“ und einmal nur auf eine Geldstrafe: Die als Schöffen eingesetzten Zuschauer waren eben unterschiedlich streng, und die Richterin ließ sie gewähren. Susanne Vieth-Entus

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