Fremdkörper im Zentrum. Der Kubus von Thyssen-Krupp vor dem Staatsratsgebäude in Berlin-Mitte in einer Simulation. Ob die Fassade, die aus einem Vorhang aus gewelltem Glas bestehen wird, tatsächlich so hell leuchtet, bleibt ungewiss. Simulation: Promo
Experten sehen „massive Schädigung“ der Umgebung des Staatsratsgebäudes durch den Neubau von Thyssen-Krupp: Politiker und Historiker fordern Verzicht auf das Vorhaben in Mitte.
Berlin – Der geplante Neubau für die Hauptstadt-Repräsentanz von Thyssen-Krupp am Berliner Schlossplatz wird immer weniger wahrscheinlich. Nun äußert auch der Landesdenkmalrat massive Bedenken und „appelliert an die Bauherrschaft und an die verantwortlichen Stellen in Berlin (...) auf den Bau zu verzichten“. Mit der wachsenden Zahl prominenter Gegner könnte der vom Architekturbüro Schweger & Partner entworfene Glaswürfel endgültig scheitern – denn Thyssen-Krupp hatte erklärt, das Vorhaben nicht gegen den Willen der Berliner durchsetzen zu wollen.
Der Denkmalrat ist mit Wächtern des Weltkulturerbes (Icomos) besetzt und muss laut Denkmalschutzgesetz „in allen Angelegenheiten von grundsätzlicher Bedeutung“ angehört werden. Das Votum gegen den gläsernen Thyssen-Krupp-Kubus, der so vor das Staatsratsgebäude abgeworfen werden soll, dass die Hälfte der Fassade zugestellt wäre, begründet das Gremium mit der „massiven Schädigung der Umgebung des Baudenkmals“. Das Staatsratsgebäude sei das „bedeutendste bauliche Zeugnis aus der Zeit der DDR im Zentrum Berlins“.
Thyssen-Krupp wollte sich zu der Stellungnahme des Denkmalrats nicht äußern. In Wirtschaftskreisen heißt es aber, der umstrittene Bau einer millionenteuren Repräsentanz im fernen Berlin komme zurzeit ungelegen. Der Konzern schrieb zuletzt Verluste, trennte sich von einer Sparte und wird umgebaut. Auch bestehe kein dringender Bedarf nach neuen Flächen: Eine Repräsentanz gibt es bereits in der Charlottenstraße und den Neubau wollte Thyssen-Krupp ohnehin nur zu geringen Teilen selbst nutzen.
Auch beim Senat gibt es keinen bedingungslosen Rückhalt für das Projekt, viel lieber würde man den prominenten Bauherren für die Rekonstruktion der Bauakademie gewinnen. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit soll Thyssen-Krupp ein Spitzengespräch angeboten haben zu dem Thema. Dem Vernehmen nach könnte dem Konzern dabei ein Austauschgrundstück angeboten werden, damit dieser auf das umstrittene Projekt verzichtet. Eine Stellungnahme des Senats war bis Redaktionsschluss nicht zu bekommen.
Der Chef der Stiftung Berliner Schloss Humboldtforum, Manfred Rettig, der für den Bund den Schlüter-Bau rekonstruiert, unterstützt die Kritik der Denkmalpfleger: „Wenn man den Staatsrat mit dem Kubus verstellt, dann wird die Geschichte verdrängt“. Im Staatsratsgebäude sei das Portal IV des Schlosses integriert. Auch stehe der DDR-Bau in Beziehung zu dem Freiheits- und Einheitsdenkmal, das vor dem Schloss geplant ist. Diese „Symbolik der Geschichte“ im Städtebau von Mitte dürfe nicht durch den Kubus verstellt werden.
Auch Stefan Evers, stadtentwicklungspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, sagt: „Der Landesdenkmalrat hat recht, es ist absurd, am Schlossplatz mit so einer Architektur hineinzubrechen.“ Die Zeit dränge, über den Bau oder den Verzicht des Kubus zu entscheiden, denn diese Frage sei für die Gestaltung des Schlossumfeldes entscheidend.
Wie berichtet sollen Ideen für die künftige Gestaltung des Schlossumfeldes durch einen Wettbewerb gesammelt werden, den der Senat auf den Weg gebracht hat. Dass der südliche Platz vor dem Schloss wieder nach historischem Vorbild gestaltet wird, hatte Senatsbaudirektorin Regula Lüscher im Abgeordnetenhaus bereits ausgeschlossen. Nun wird aber ausgerechnet der Neubau von Thyssen-Krupp am Schloss als „Reparatur“ des Stadtgrundrisses gerechtfertigt. Historiker wie Benedikt Goebel vom Netzwerk Nucleus schütteln da nur mit dem Kopf: „Die Häuser standen 60 Meter weiter östlich als der Kubus und waren baulich verbunden mit den Häuserzeilen der Brüderstraße, die bis zum Schlossplatz führte.“
Diese Straßenverbindung ist seit dem Bau des Staatsratsgebäudes unterbrochen. Ähnlich argumentiert der Landesdenkmalrat: Das „historische Stadtgefüge“ lasse sich durch den Kubus aufgrund der bestehenden Gebäude „nicht annähernd“ rekonstruieren. Hinzu kommt die vom Senat neu angelegte, abenteuerlich mäandernde Straßenführung, die dem historischen Stadtgrundriss Hohn spricht.
Potsdam bekommt doch noch eine Kunsthalle: Hasso Plattner will zusammen mit dem Investor Lelbach den Palast Barberini wieder aufbauen und dort anschließend seine Sammlung von DDR-Kunst ausstellen. Eine gute Idee?