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  • 10.04.2012
  • von Jörn Hasselmann, Annette Kögel

Nach der Bluttat von Buckow: In die Trauer mischt sich Angst

von Jörn Hasselmann, Annette Kögel

Wie dieser Passant, 90 Jahre alt, halten viele Passanten inne und legen Blumen und Botschaften an dem Ort in Neukölln nieder, an dem bei einer Schießerei ein 22-Jähriger getötet wurde. Foto: Annette Kögel

Noch immer hat die Polizei keine Spur des Todesschützen von Neukölln. Sie geht jetzt in Buckow von Haus zu Haus. Viele Türken sind in Sorge, ein Neonazi könnte blind auf Burak B. gefeuert haben. Laut Zeugen soll der Täter 40 bis 60 Jahre alt sein.

Berlin - „Mein Vater und der Vater von Burak sind Arbeitskollegen“, sagt die junge Frau und blickt auf das täglich wachsende Blumenmeer am Tatort an der Rudower Straße gegenüber dem Klinikum Berlin-Neukölln. „Buraks Vater ist total kaputt.“ Vergangenen Donnerstag wurde sein 22-jähriger Sohn aus nächster Nähe erschossen, zwei Freunde des Neuköllners wurden schwer verletzt. Der Täter lief in den Möwenweg nahe der Klinik. Noch immer gibt es keinerlei Spur. Aber neue Erkenntnisse zum Alter: Laut Zeugenaussagen soll der Täter 40 bis 60 Jahre alt sein.

Am Ostermontag klingelten mit Schutzwesten ausgerüstete Bereitschaftspolizisten in Absprache mit der Mordkommission an den Türen in der Buckower Einfamilienhausgegend, deren Straßen so idyllische Namen tragen wie Laubsängerweg und Trappenpfad. Dort sieht man auf einer Litfaßsäule martialische Werbung für den Kampfkinofilm „Battleship“. Doch inmitten dieser Südneuköllner Wohngegend ereignete sich in der Nacht zu Donnerstag die brutale Attacke. „Ich habe das Gefühl, die Abstände zwischen solchen furchtbaren Vorfällen werden immer kürzer“, sagt eine Deutschtürkin mit Kopftuch, die einen Kinderwagen an den Kerzen und Blutflecken auf dem Trottoir vorbeischiebt. „1 Mord + 4x versuchter Mord – Findet den Mörder“ steht auf einem Plakat. „Für eine gerechte Strafe!!“ hat ein Jugendlicher in Großbuchstaben geschrieben. Einer bietet auf einem Zettel mit seinen Kontaktdaten Mithilfe bei der Tätersuche an. „Hört auf, gegen die Türken zu hetzen“, steht auf einem großen Plakat an einem Laternenmast.

Viele Passanten äußern ihre Meinung zu der Tragödie. „Hinter dieser brutalen Tat steckt eine Ideologie“, vermutet die Frau mit dem Kopftuch. Ein Mann, in der Türkei geboren und deutscher Staatsbürger, sagt: „Ich fühle mich nicht mehr sicher, unsere Kinder fühlen sich nicht mehr sicher.“ Doch wissen die Ermittler noch nichts oder geben zumindest nichts dazu bekannt, ob es sich bei den Todesschüssen in den Oberkörper nachts um 1.15 Uhr, als die Gruppe der fünf jungen Leute herumalberte, um die Tat eines Neonazis oder eines Psychopathen gehandelt hat. Alle Opfer haben einen Migrationshintergrund. Einen Streit soll es zuvor nicht gegeben haben. Als Erstes sah die Besatzung eines Rettungswagens die Verletzten auf dem Boden liegen und alarmierte die Feuerwehr. Vier Tage nach der Tat gibt es laut Polizei 25 Hinweise aus der Bevölkerung, aber nicht eine erfolgversprechende Spur. Der Zustand der zwei 16 und 17 Jahre alten Jugendlichen, die lebensgefährlich verletzt wurden, ist inzwischen stabil. Zwei Männer im Alter von 20 und 21 Jahren blieben unverletzt. Bei dem Schützen soll es sich um einen etwa 1,80 Meter großen Mann handeln, der eine Kapuzenjacke mit Reißverschluss trug. Hinweise nimmt die 6. Mordkommission des Landeskriminalamtes unter der Telefonnummer 4664 911601 entgegen.

Einer jener Menschen, die am Montag an dem Gedenkort für Burak B. stehen, ist ein 90-jähriger Mann. „Ich komme da nicht mehr mit“, sagt er. „Es gibt Banditen bei den Türken und Banditen bei den Deutschen. Man sollte alle Waffen verbieten.“ Jörn Hasselmann, Annette Kögel

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