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  • 18.01.2012
  • von Simone Wendland Lausitzer Rundschau, Cottbus

IM „Schwalbes“ großes Vergessen

von Simone Wendland Lausitzer Rundschau, Cottbus

Foto: Nestor Bachmann/dpa

Leugnen, relativieren, herausreden. So reagierte Gerd-Rüdiger Hoffmann (Linke), als 2009 seine IM-Vergangenheit herauskam

Cottbus – Für die Neujahrsgrüße auf seiner Internetseite hat der Landtagsabgeordnete Gerd-Rüdiger Hoffmann aus Senftenberg ein Zitat von Christa Wolf gewählt. „Ich habe herausgefunden, dass meine Gefühlslage häufig nicht den historischen Ereignissen angemessen ist. … nicht immer sind die Tatsachen gegenüber den Gefühlen im Recht.“

Falls Hoffmann dabei an den inzwischen veröffentlichten Bericht der Kommission zur Stasiüberprüfung der Abgeordneten im Brandenburger Landtag gedacht hat, hätte er es treffender kaum formulieren können. Zwischen den Tatsachen, die der Bericht über Hoffmanns Vergangenheit als IM „Schwalbe“ auflistet, und seinem Selbstbild klafft eine deutliche Lücke. Hoffmann kann vor allem eins, sich noch immer nicht erinnern.

Die im Auftrag des Brandenburger Landtages tätige Kommission kommt nach Studium entsprechender Stasiakten und Befragung von Hoffmann zu einem klaren Ergebnis: Von 1970 bis 1975 hat der Lausitzer zunächst als IMS, dann als IME mit dem Decknamen „Schwalbe“ für die Stasi gearbeitet. Er war jung und glühender Kommunist.

Er berichtete, so die Kommission, über Schulkameraden, Arbeitskollegen und Kameraden bei den NVA-Grenztruppen mit „auffälliger Intensität“. Er lieferte Informationen, die von der Stasi aufgenommen und weiter verfolgt wurden. Ob Hoffmann von 1981 bis 1989 erneut unter den Decknamen „Jürgen“ aktiv war, konnte nicht abschließend geklärt werden.

In seiner Anhörung durch die Kommission konnte sich der Senftenberger weder an seinen Decknamen noch an seinen Führungsoffizier oder an das auftragsgemäße Bespitzeln von Gaststättenbesuchern erinnern. Dass er einen Jugendlichen in seinem Stasi-Bericht als „Gammler“ bezeichnet hatte, sei ihm „peinlich“.

Befragt nach den Folgen seiner negativen Berichte über Personen sagte Hoffmann dem Gremium, diese Leute seien ihm „unangenehm“ gewesen. Keine Erklärung gab er dazu, warum die Stasi im Sommer 1989 Anweisung gab, ihn bei einer Flugreise ab Berlin-Schönefeld nicht zu kontrollieren. Wohin er damals reiste, dazu wollte er in der Anhörung keine Angaben machen.

Die Landtagskommission bestätigte auch, dass Hoffmanns IM-Vergangenheit erst im Jahr 2009 durch Medienberichte einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde. Der hatte seine IM-Tätigkeit zunächst bestritten. Als immer mehr Details öffentlich wurden, kam er dem Ausschluss aus der Linke-Fraktion wegen fehlender Offenheit im Umgang mit seiner Biografie durch Austritt zuvor.

Im Oberspreewald-Lausitz-Kreis verlor er den Parteivorsitz, doch an seinem Landtagsmandat hält er bis heute fest. Gestützt auf einen Teil der Senftenberger Linken ging er zur Tagesordnung über. Er organisiert Veranstaltungen für die parteinahe Rosa-Luxemburg-Stiftung, ist Mitglied in Fördervereinen für die Neue Bühne Senftenberg und das Cottbuser Dieselkraftwerk. Hoffmann wird als Kulturfachmann zu Diskussionen eingeladen.

In einer aktuellen Erklärung auf seiner Internetseite räumt Gerd-Rüdiger Hoffmann ein, dass seine „Kontakte“ zur Stasi für ihn „kein Ruhmesblatt“ darstellten. Doch gleichzeitig ist von aufgestellten „Prangern“ die Rede. „Ich muss zur Kenntnis nehmen, dass die Fakten in einigen Punkten von der Kommission anders als durch mich bewertet werden“, wischt Hoffmann das Urteil des Fachgremiums beiseite.

Das Wort Schuld oder eine Bitte um Verzeihung kommt auch in den jüngsten Erklärungen Hoffmanns zu seiner Stasi-Vergangenheit nicht vor. In persönlichen Gesprächen, so kündigt er an, will er sich mit dem Thema weiter auseinandersetzen, jedoch „nicht auf dem Markte“.

Hoffmann war für eine Stellungnahme telefonisch nicht zu erreichen. Eine schriftliche Anfrage beantwortete er mit Hinweis auf seine Erklärung gegenüber der Landtags-Kommission.

Mario Dannenberg, Kreisvorsitzender der Linken im Oberspreewald-Lausitz-Kreis, will in Kürze mit Hoffmann reden. „Man muss auch vergeben und verzeihen können“, sagt Dannenberg, „aber dazu muss der Betroffene auch ehrlich bereuen.“

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