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Abgeschrieben?: Plagiatsverdacht bei Vattenfall

von Alexander Fröhlich

Das Foto zeigt das Tagebauloch vor dem Haus der Familie Domain auf dem Gelände des ehemaligen Dorfes Horno in der Lausitz. Die Domains verließen Horno als letzte Bewohner Ende 2005. Foto: dapd

Der für Umsiedlungen von Dörfern in Südbrandenburg zuständige Manager soll bei seiner Doktorarbeit abgeschrieben haben – der aber bestreitet das.

Potsdam/Cottbus - Gegen den für die Umsiedlung von Lausitzer Dörfern für neue Braunkohletagebaue und das CCS-Projekt zur Kohlendioxid-Speicherung zuständigen Chef des Energiekonzerns Vattenfall, Detlev Dähnert, werden Plagiatsvorwürfe erhoben. Nach den auf den Internetplattformen Vroniplag und Vattenplag veröffentlichten Details soll Dähnert bei seiner 1999 vorgelegten Doktorarbeit mit dem Titel „Bewältigung technischer und sozialer Probleme bei der Konzeption von Umsiedlungen“ große Teile nicht selbst verfasst, sondern abgeschrieben haben. „Es stellt sich die Frage, ob überhaupt eine über die dienstliche Bearbeitung der Umsiedlung hinausgehende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Thematik stattgefunden hat“, stellen die Plagiatsjäger fest.
Die Leitung der BTU nimmt „diese Sache“ sehr ernst und will die Vorwürfe prüfen, wie eine Sprecherin den PNN sagte. Dähnert selbst war am Montag nicht zu erreichen, er ist derzeit im Urlaub. Ein Vattenfall-Sprecher sagte auf Anfrage, Dähnerts mit befriedigend bewertete Doktorarbeit sei im Rahmen seiner praktischen Tätigkeit entstanden. Der Bergbauplaner stehe wissenschaftlich weiter dazu. „Mittlerweile ist die Ausarbeitung gute Praxis in der Region“, sagte der Sprecher. „Die Vorwürfe erscheinen uns relativ bemüht.“
Dähnert ist in der Braunkohle-Branche und den Forschungseinrichtungen gut vernetzt. Er ist zudem Vorstand in der Vattenfall-nahen Stiftung Lausitzer Braunkohle. Seit 2005 unterrichtet er an der Fachhochschule Lausitz als Honorarprofessor. Deren Präsident, Günter H. Schulz, sagte den PNN, er sei überrascht von den Plagiatsvorwürfen. Die Fachhochschule habe mit Dähnert gerade bei Forschungsvorhaben zu Umsiedlungen gut zusammengearbeitet und „viele hochgradig erfolgreiche Projekte auf den Weg gebracht“. Der Vattenfall-Manager habe „anerkannte wissenschaftliche Arbeit geleistet“. Nun müsse die BTU die Plagiatsvorwürfe prüfen, erst dann stelle sich für die FH Lausitz die Frage, wie mit dem Fall umzugehen sei. Dähnert sei für die Hochschule auch der Ansprechpartner für ein neues Forschungsprojekt zu neuen regionalen Stromnetzen.
Für einige BTU-Wissenschaftler dagegen kamen die neuen Vorwürfe nicht überraschend. In Kreisen wissenschaftlicher Mitarbeiter ist Dähnerts Doktorarbeit bereits seit Jahren Gesprächsthema, auch weil sie mit 121 Seiten ungewöhnlich kurz ausfällt. „Wir wussten alle, dass ihm ein Doktortitel besorgt werden sollte, weil er in der Braunkohle noch etwas werden sollte“, sagte eine Forscherin den PNN.
Der bei Vattenfall für Bergplanung zuständige Ingenieur war 2005 auch für die umstrittene und hart umkämpfte Abbaggerung des Dorfes Horno verantwortlich. Bereits beim Vattenfall-Vorgänger Lausitzer Braunkohlen AG (Laubag) war er mit Umsiedlungen befasst, darunter auch mit der Gemeinde Haidemühl. Der Ort musste für den Tagebau Welzow-Süd weichen und wurde 2006 aufgelöst. Die Doktorarbeit entstand zwischen 1994 und 1999, als Dähnert Leiter der Hauptabteilung für Umsiedlungen bei der Laubag war. In seiner Arbeit soll er nach Angaben der Plagiatsjäger den Eindruck erwecken, Autor einer Befragung und Bestandserhebung im Fall Haidemühl zu sein, obwohl dies damals von einem Marktforschungsinstitut vorgenommen wurde. Die Doktorarbeit habe zahlreiche weitere Passagen des „Sozialen Anforderungsprofils“ wörtlich übernommen, aber nicht als Quelle benannt. Längere Passagen stammten zudem aus einem Entwurf zum Braunkohleplan Tagebau Welzow-Süd aus dem Jahr 1999. Bei einer Reihe nur mit Autor und Jahreszahl angegebener Quellen fehle die vollständige Angabe im Quellenverzeichnis.
Brisant ist zudem: Derzeit läuft für die Erweiterung von Welzow-Süd das Planverfahren. Es gibt massiven Protest von betroffenen Anwohnern, denn bis zum Jahr 2020 sollen rund 810 der 4000 Einwohner von Welzow umgesiedelt und ein Wohngebiet sowie der Ortsteil Proschim abgebaggert werden. Zuständig dafür ist Dähnert. 2025 sollen dann die Kohlebagger dieses Gebiet erreichen. Die Braunkohle soll im Kraftwerk Schwarze Pumpe verheizt werden.

9 Kommentare

  • von Martin Klicken06.09.2011 16:28
    Sehr geehrter Herr Fröhlich,
    den Fall hat jemand vorbereitet und kurz bei VroniPlag im Forum "vor die Tür" geworfen. Sie schreiben sofort darüber. Es scheint, Sie wurden zeitgleich informiert. Wäre es Ihnen zuzumuten, "VroniPlag" erstmal dabei rauszulassen, bis tatsächlich eine Plagiatsprüfung dort in Gang kommt? Wenn überhaupt? Andernfalls könnte der Eindruck entstehen, dass es sich bei Ihrem Wirken nicht nur um schlechte Recherche handelt, sondern dass Sie hier gezielt und willentlich eine Handlung mit inszenieren, den Namen von VroniPlag dafür benötigen und nicht ganz frei von eigenen Interessen sind.
    Mit freundlichen Grüßen
    Martin Klicken
  • von Reisender06.09.2011 15:26
    @Nachfrage. Ich brauch nicht Welzow fahren. Ich hab den Tagebau bald vor der Haustür.
  • von Klaus06.09.2011 13:44
    Man sollte schon immer auch die wissenschaftliche Fehlleistung eines führenden Mitarbeiters mit der Wirkung seines Unternehmens verbinden dürfen: Wertschöpfung durch Massenumsiedlung (die man durchaus auch als Massenertreibung sehen kann), thermische Vernichtung eines endlichen Rohstoffes, wo Energie- und Rohstoffeffizienz angesagt wäre und das Verschweigen der Nebenwirkungen des Flächenbergbaus. Zwischen Hoyerswerda und Spremberg musste kürzlich ein riesiges Bergbaugebiet gesperrt werden, das zuvor mit Milliardensummen saniert worden war. Seit Nachterstedt und Knappenrode wissen wir, dass der Braunkohlenbergbau nicht beherrschbar ist. Fazit: für kurzfristige Gewinne und immer weniger Arbeitsplätze werden riesige Landschaften ruiniert. Komme mir hier bitte keiner mit volkswirtschaftlichen Notwendigkeiten oder arbeitsmarktpolitischen Zwängen. Etwas mehr Hirn und dafür weniger Gier täte allen Beteiligten gut.
  • von r hofmann06.09.2011 10:24
    Der letzte Absatz zeigt, worum es eigentlich geht. Es soll eine kleine Schlammschlacht wegen der Umsiedlung von Welzow vom Zaun gebrochen werden. Das ist kein erträgliches Niveau.
  • von Nachfrage06.09.2011 09:57
    @ tiedemann, Reisender und Theaterfreund
    Nehmt Euch die Zeit für 150 km und fahrt nach Welzow. Unterhaltet Euch mit den Bürgern, laßt Euch die Risse in den Häusern durch den Bergbau zeigen. Wartet bis Ihr satt seit durch den Staub, der aus dem Tagebau kommt. Nehmt Lärmschutz mit, wenn Ihr übernachten wollt. Dort geht es dem Bürger um eine verträgliche Situation mit dem Tagebau. Wer aber wie Dähnert agiert, seine Mitarbeiter den Slogan propagieren: es muss ja hier keiner leben und wer sich unlauterer Sachen bedient, braucht sich nicht zu wundern selbst unter die Lupe genommen zu werden. Woher sollt ihr dies aber wissen, wollt ihr auch nicht. Euer ausgemachter Feind ist die PNN - solange die Artikel nicht rot glänzen.
  • von Roland M. Berg06.09.2011 08:53
    naja das ist wie zu DDR Zeiten mit den Dorktortiteln auf den "Kolchose"-Instituten und Akademien. Da bekamen Parteikader auch ihren Titel als Dipl. agrawissenschaftler, Diplom Historiker, Diplom Staatsrechtler oder Ingenieur-Ökonom von der SED oder NVA geschenkt. Selber erlebt und warum soll das anders sein als heute?
    Heute bekommen Universitäten von Unternehmen Geld und dafür gewisse Personen Dr. Titel oder Honorarprofessoren Titel. Du ganze außeruniversitäre Kooperation mit Anwaltskanzlein und Unternehmen stinkt bis zum Himmel gerade an der Brandenburger Universitäten.
    Was ichviel schlimmer finde, ist die Tatsache, dass der Präsident László Ungvári der TH Wildau mit ehemaligen Diktatoren seine Auslandsreisen der Hochschule verbringt. Darüber hat leider der RBB nur einmal berichtet obwohl es großen Protest der Studierendenvertretung gab aber leider keine Zeitung darüber berichtet hat.
  • von Theaterfreund06.09.2011 08:29
    Dümmer gehts nimmer. Wie kann man denn die wissenschaftliche Arbeit eines Einzelnen mit der für die Wertschöpfung in der Lausitz und deren Wirtschaft existentiellen Frage der Rohstoffgewinnung verknüpfen? Ist Journalismus wirklich die Hure des Skandals? Die Politik will mit konsequenter Unzuverlässigkeit und nach dem Maule reden Wählerstimmen fangen, die Presse potenziert das noch,um Auflage zu generieren. Schwachsinnsrepublik Deutschland!
  • von Reisender06.09.2011 07:21
    Erstaunlich, mit welchen Mittel einige heutzutage gegen neue Braunkohletagebau kämpfen. Das die PNN sich auf dieses schäbige Nivau runterlässt ist um so erstaunlicher.
  • von tiedemann05.09.2011 20:55
    das ich nicht lache, waren die bei der pnn so blöd, dass niemand denen eine arbeit schrieb, oder die nicht mal ihren titel erschwindelten? heute geht das sicher ganz schnell

Aktuellste Kommentare

  • von Martin Klicken06.09.2011 16:28
    Sehr geehrter Herr Fröhlich, den Fall hat jemand vorbereitet und kurz bei VroniPlag im Forum "vor die Tür" geworfen. Sie schreiben sofort darüber....
  • von Reisender06.09.2011 15:26
    @Nachfrage. Ich brauch nicht Welzow fahren. Ich hab den Tagebau bald vor der Haustür.
  • von Klaus06.09.2011 13:44
    Man sollte schon immer auch die wissenschaftliche Fehlleistung eines führenden Mitarbeiters mit der Wirkung seines Unternehmens verbinden dürfen: Wertschöpfung...

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