• 13.07.2010
  • von Jörn Hasselmann

Neue Anleitung zum Bombenbau in linker Zeitschrift

von Jörn Hasselmann

Detaillierte Beschreibung für Brandsatzbau mit Zeitzünder. Staatsanwaltschaft Berlin plant Beschlagnahme.

Berlin - In der linken Untergrundzeitschrift „interim“ ist eine weitere, detaillierte Anleitung zum Bau von Sprengsätzen erschienen. „Brandsatz mit elektronischem Zeitzünder“ ist die dreiseitige Bauanleitung in Heft 714 betitelt, versehen mit dem höhnischen Zusatz „Für mehr Möglichkeiten in der Praxis“. Da das Heft in der linksextremistischen Szene in der Region Berlin eine recht große Verbreitung hat, reagierten die Berliner Ermittler am Montag alarmiert.  Denn nach den ersten veröffentlichten Bauanleitungen Ende des Jahres 2009 hat es in Berlin mehrere Anschläge mit derartigen Gaskartuschen-Bomben gegeben.

Der Justiz sei die neue Interim noch nicht bekannt, sagte der zuständige Oberstaatsanwalt Thomas Schwarz gestern auf Anfrage. Auch der Berliner Staatsschutz hatte noch kein Exemplar der jüngsten, am 8. Juli erschienenen Ausgabe zur Hand. Dem Vernehmen nach soll es nun zeitnah neue Durchsuchungen in einschlägigen linken Läden geben, um möglichst viele Hefte vom Markt zu bekommen. Bereits Ende April und im Dezember hatte es Razzien in linken Buchhandlungen auf der Suche nach der Interim gegeben. Auch in diesen Ausgaben waren Anleitungen zum Bombenbau abgedruckt. Schwarz sagte gestern, dass es einen Beschluss zur bundesweiten Beschlagnahme geben wird. Dem Vernehmen nach waren die Erfolge bei vorangegangenen Razzien bescheiden, teilweise wurden nur einzelne Hefte gefunden, einmal 70 Stück in drei Läden.

Die neueste Bauanleitung, um einen Brandsatz zeitgesteuert zu zünden, basiert auf handelsüblichen Materialien. Notwendig sind neben den üblichen Benzinflaschen ein Digitalwecker, ein elektronisches Bauteil („Triac“) , eine Batterie und ein Zünder. Mit einer Prinzipskizze wird erläutert, wie die Teile mit Kabeln zu verbinden sind. Unterschrieben ist die Anleitung von „Autonomen Tüftler / -innen“, verbunden mit dem Wunsch „Gutes Gelingen“. In dem Heft werden zudem detaillierte Hinweise gegeben, wie bei der Herstellung Spuren vermieden werden können, die die Polizei auf die Spur bringen könnten.

Die Interim ist laut Verfassungsschutz seit vielen Jahren eines der wichtigsten überregionalen Kommunikationsmittel der autonomen Szene. Häufig zitiert die Behörde in ihren Jahresberichten aus dem Blatt. Die erste Ausgabe erschien am 1. Mai 1988. Seither sind 714 Ausgaben mit Auflagen von etwa 1500 Exemplaren gedruckt und bundesweit – zu einem bedeutenden Teil jedoch in Berlin – in der Szene verteilt worden. Im Gegensatz zu verbotenen linken Zeitschriften wie der „Radikal“ darf die Interim legal in Kneipen und Buchläden ausgelegt werden. Dennoch wird das Heft im Untergrund gedruckt.

Mit Besorgnis wird in Sicherheitsbehörden auch gesehen, dass es den Machern der „Radikal“ nun gelungen ist, die Ausgaben vollständig ins Internet zu stellen – mit Bauanleitungen.

Seit Oktober 2009 bis Frühjahr diesen Jahres hat es in Berlin ein halbes Dutzend Anschläge mit Gaskartuschen (Szenejargon „Gasaki“) gegeben, unter anderem auf ein Luxuswohnhaus, eine politische Stiftung, eine Polizeigewerkschaft und das Amtsgericht Tiergarten. Festnahmen gab es bislang keine, zu mehreren Gaskartuschen-Anschlägen waren Bekennerschreiben bekannt geworden, wiederum in der Interim. Bei diesen Taten wurden – bislang – trotz des „Gefährdungsrisiko für Menschenleben“ niemand verletzt, heißt es im jüngsten Verfassungsschutzbericht. Auch in der jüngsten Bauanleitung wird gefordert: „Menschen sollten auf keinen Fall zu Schaden kommen.“ Dass dies in der militanten Szene nicht mehr selbstverständlich ist, zeigt der Sprengstoffanschlag auf Polizisten bei einer Demonstration im Juni. Wie berichtet, hatten die Unbekannten Schwarzpulver verwendet, der nur an professionelle Feuerwerker verkauft werden darf. Jörn Hasselmann

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