• 20.04.2009
  • von Von Matthias Matern

MUNITIONSWERK DER HASAG AG: KZ-Außenstelle Schlieben Das vergessene Lager

von Von Matthias Matern

Für ein angemessenes Gedenken an die Opfer des Außenlagers setzt sich auch Schliebens stellvertretender Bürgermeister Uwe Dannhauer (parteilos für die Linke) ein. Rund 40 Prozent der Anlage sind noch heute erhalten. Den Gästen zeigt Dannhauer die Bunker, in den die Häftlinge die Chemikalien und Teile für die Panzerfaust-Herstellung lagern mussten. Foto: Matthias Matern

Rund 5000 Häftlinge durchliefen im Zweiten Weltkrieg die Außenstelle des KZ Buchenwald in Schlieben. Engagierter Bürger und Nachfahren ehemaliger Häftlinge wollen verhindern, dass die Erinnerung verblasst

Bereits 1938 erwarb der drittgrößte deutsche Rüstungsbetrieb, die Hasag Hugo Schneider AG aus Leipzig, knapp 400 Hektar Wald und Ackerfläche bei Schlieben, um dort ein Munitionswerk zu errichten. Gleichzeitig entstand auf Anordnung des Oberkommandos des Heeres eine Schießbahn zur Erprobung der Munition. Um die Entwicklung der Panzerfaust zu beschleunigen, erhielt die Hasag 1944 die Sondervollmacht „Hochlauf Panzerfaust“. Mit Hilfe jüdischer Zwangsarbeiter und inhaftierter Roma und Sinti sollten monatlich etwa 1,5 Millionen Panzerfäuste produziert werden. Am 19. Juli 1944 trafen die ersten knapp 1000 Häftlinge ein. Dabei handelte es ich um weibliche Zwangsarbeiter aus dem KZ Ravensbrück. Danach wurde das Schliebener Werk dem KZ Buchenwald zugeordnet. Bereits im August kamen von dort etwa 1400 jüdische männliche Häftlinge. In der SS-Statistik wurde Schlieben als gemischtes Lager für „arische“ und jüdische Gefangene geführt. Bei einer schweren Explosion im Oktober 1944 kamen allein 96 Gefangene ums Leben. Insgesamt sind die Namen von 217 Häftlingen dokumentiert, die in Schlieben starben. 130 Gefangene wurden am 21. April 1945 von der Roten Armee befreit. mat

Schlieben - Viel zu entdecken gibt es in Schlieben auf den ersten Blick nicht. Die wohl bedeutendsten Sehenswürdigkeiten sind der kleine bewirtschaftete Weinberg, ein altes Rittergut, die rund 300 Jahre alten Familiengräber und die Backsteinkirche auf dem Marktplatz.

Dann aber gibt es da noch Spuren eines historischen Makels, an den man sich in der märkischen Kleinstadt im Elbe-Elster-Kreis lange Zeit nicht so gerne erinnert hat. Nur eine kleine Gedenktafel und ein Mahnmal für die Opfer des Faschismus weisen heute auf das Schicksal der rund 5000 Häftlinge des KZ Buchenwald hin, die im Außenlager Schlieben während des Zweiten Weltkriegs für den Leipziger Rüstungsbetriebs Hasag schuften mussten. Eine kleine Gruppe aus interessierten Bürgen und Nachfahren ehemaliger Häftlinge kämpft nun seit rund vier Jahren gegen das Vergessen an.

„Lange war man wohl froh, wenn möglichst wenig nachgefragt wurde“, meint Uwe Schwarz aus Cottbus. Rund acht Monate, von August 1944 bis zum April 1945, war sein Vater in Schlieben inhaftiert, bis er schließlich von der Roten Armee befreit wurde. Uwe Schwarz gehört dem kleinen Kreis derer an, die sich seit geraumer Zeit mit der Aufarbeitung der Geschichte des Lagers befassen. Zusammen mit seinen Gästen wandert er an diesem Tag über den unebenen Waldboden zu den Ruinen der alten Produktionsstätte, zeigt wo die Wohnbaracken waren, wo die Zwangsarbeiter die Panzerfäuste zusammenbauen und wo sie die gefährlichen Chemikalien und Einzelteile für die Waffen lagern mussten. Mehrere Angehörige ehemaliger Häftlinge sind der Einladung gefolgt. Sie kommen aus Frankreich, den USA und aus Israel.

Ohne ortskundige Führung wären die Überbleibsel des Außenlagers auch kaum zu finden. Eine Beschilderung oder Hinweistafeln gibt es in Schlieben nicht. Rund ein Viertel des ehemaligen Hasag-Werks liegt auf dem Gelände einer alten Militärbrache und ist eigentlich Sperrgebiet. Der Rest, die Wohnbaracken der Zwangsarbeiter und die Dienstgebäude der SS wurden quasi vom Ort absorbiert. Dort zogen nach Kriegsende obdachlose Flüchtlinge aus den ehemaligen ostdeutschen Gebieten ein. Heute überlagern adrette Vorgärten und verschönerte Fassaden die Geschichte der alten Lagerbauten.

„Noch rund 40 Prozent der Anlage sind erhalten“, schätzt Uwe Dannhauer, seit kurzem stellvertretender parteiloser Bürgermeister von Schlieben und ebenfalls Mitglied der engagierten Gruppe. Wie die Stadt bislang mit dem dunklen Erbe umgegangen ist, hält auch er nicht für ausreichend. „In der DDR wurde offiziell nur die Geschichte der großen Lager berücksichtigt. Zu den Außenstellen wurde nicht geforscht“, meint er. In Schlieben selbst habe darüber keiner gerne geredet, obwohl alle davon wussten. „Wieso das so war, kann ich nicht sagen.“ Nach der Wende habe es zuerst andere Prioritäten gegeben und danach wurde das Thema vielleicht auch aus Angst vor einem schlechten Ruf etwas verdrängt, liefert dagegen Uwe Schwarz eine mögliche Erklärung. Mittlerweile aber sei die Unterstützung durch die Stadt sehr gut, findet Dannhauer. „Unter der neuen Bürgermeisterin weht ein frischer Wind“, stimmt auch Schwarz zu.

Bisher haben Schwarz, Dannhauer und die anderen Mitstreiter vor allem Informationen gesammelt und Kontakte geknüpft. Als nächstes planen sie die Gründung eines Fördervereins. Ziel ist der Bau einer angemessenen Gedenkstätte und die Einrichtung eines kleinen Dokumentationszentrums. Ein Antrag auf Denkmalschutz für einige Gebäude wurde bereits gestellt. Die über Jahre verwahrloste Gedenktafel neben dem ehemaligen SS-Gästehaus renovierte Dannhauer vor zwei Jahren auf eigene Initiative.

Auch Ron Rosenblat aus New York wünscht sich einen würdigeren Ort des Erinnerns. Neben Schwarz und Dannhauer stapft er durch den Wald, fotografiert jede Ruine. Es ist sein erster Besuch in Schlieben. „Eine schmerzliche Zeitreise“, meint der 53-jährige Amerikaner jüdischer Abstammung sichtlich bewegt. Zusammen mit drei Brüdern war sein Vater etwa vier Monate in dem Lager eingesperrt, wurde im April 1945 nach Theresienstadt gebracht und dort befreit. Erst vor etwa zwei Jahren sei sein Vater 85-jährig nach einem Sturz gestorben, erzählt Rosenblat. „Es ist schon makaber. Da hat mein Vater die Konzentrationslager überlebt und stirbt, weil er hinfällt und sich die Hüfte bricht.“

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