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  • 13.08.2018
  • von Stefan Jacobs

Dürre in Deutschland: Warum Berlin nicht das Wasser ausgeht

von Stefan Jacobs

Alles im Lot aufm Boot - und auf der Spree. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Vor allem den Klärwerken ist zu verdanken, dass Berlin trotz des heißen Wetters nicht auf dem Trockenen sitzt.

Wenn der Verkehr auf der Mühlendammbrücke mal einen Moment lang nicht rauscht, hört man das Rauschen unter der Brücke: Über das kleine Wehr, das neben der Mühlendammschleuse in der Spree sitzt, fließt auch nach mehreren Monaten fast ohne Regen noch immer Wasser flussabwärts. Ein paar hundert Meter weiter, am parallelen Spreekanal zwischen Auswärtigem Amt und Staatsratsgebäude, dasselbe Bild: Es rauscht und schäumt und scheint wie immer. Dabei gehört es doch zum Urberliner Halbwissen, dass die Spree in trockenen Sommern rückwärts fließt. Und Fakt ist auch, dass wegen der aktuellen Rekorddürre in Brandenburg die ersten Flüsse austrocknen. Wie passt all das zusammen?

Auch durch die Spree fließt von Osten her zurzeit kaum mehr als ein Kubikmeter Frischwasser pro Sekunde in den Großen Müggelsee. Das entspricht etwa der Menge, die die Berliner Wasserbetriebe (BWB) ebenda als Trinkwasser fördern – in Brunnengalerien um den See, in die das Wasser als sogenanntes Uferfiltrat sickert. Hinzu kommt die Verdunstung, die nach Berechnungen des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie an heißen Tagen in jeder Sekunde einen weiteren halben Kubikmeter Wasser aus dem Müggelsee verschwinden lässt. Demnach müsste Berlin längst auf dem Trockenen sitzen.

Zwei Dinge bewahren die Hauptstadt vor diesem Schicksal. Zum einen sind die Wasserstände der hiesigen Flüsse allesamt über Staustufen reguliert, die im Fall der Spree bis nach Sachsen reichen: Der Fluss als Treppe, deren letzter großer Absatz die Talsperre Spremberg ist. Die ist noch zu gut einem Drittel gefüllt und gibt zurzeit etwa zehn Kubikmeter Wasser pro Sekunde ab. Die werden auch gebraucht, um den Spreewald als solchen zu bewahren, der in der Sonne dampft wie ein nasser Schwamm. Auch deshalb kommt in Berlin so wenig an.

Linderung verschafft die Dahme

Linderung verschafft aber die Dahme. In der sitzt gleich südlich von Berlin zwar ebenfalls eine Schleuse wie ein Korken. Aber das Wehr daneben lässt noch etwa drei Kubikmeter pro Sekunde durch. In der Köpenicker Altstadt mündet die Dahme in die Spree – und füllt mit ihrem Wasser die Spree auf, die aus den erwähnten Gründen im Müggelsee quasi verschwunden ist. Mangels natürlichem Gefälle strömen beide Flüsse im Berliner Stadtgebiet einfach dorthin, wo Wasser entnommen oder abgelassen wird. In diesem Fall also nimmt die Spree das Dahme-Wasser drei Kilometer ostwärts – also „rückwärts“ – mit zum Müggelsee.

Das Phänomen ist problematisch, weil die Dahme nicht ganz so sauber ist wie die Spree und deshalb den Müggelsee verschmutzt. Verstärkt wird der Effekt durch die auf dieser Rückwärts-Strecke in die Spree mündende Erpe, die zurzeit praktisch nur aus dem gereinigten Abwasser des Klärwerks Münchehofe besteht. Das kann nun ebenfalls in den Müggelsee gelangen. Der Trinkwasserqualität schadet das kurzfristig nicht, da der Boden das versickernde Wasser gründlich reinigt, bevor es die Brunnen der Wasserbetriebe wieder zutage fördern. Aber auf lange Sicht kann es Probleme bringen.

Während die Spree in Köpenick also den Rückwärtsgang einlegt, mündet sie westwärts in Spandau selbst jetzt mit stolzen acht Kubikmetern Wasser pro Sekunde in die Havel (die selbst nur noch dreieinhalb Kubikmeter liefert). Auch der Teltowkanal als Bypass liefert am westlichen Stadtrand viel mehr Wasser ab als er vom östlichen mitbringt. Berlin ist also „Netto-Einspeiser“ im darbenden Gewässersystem der Region.

Das Wasser wird schmutziger

Für dieses erstaunliche Phänomen sind die Wasserbetriebe verantwortlich. Deren Werke entnahmen im Mittel der vergangenen hochsommerlichen Wochen den Flüssen und Seen direkt oder indirekt in jeder Sekunde etwa 5,5 Kubikmeter Frischwasser. Zugleich leiteten die Klärwerke – verteilt auf ein Dutzend Stellen in und um Berlin – etwa sieben Kubikmeter gereinigtes Abwasser in die Gewässer ein. Dass mehr Abwasser ankommt als Frischwasser entnommen wird, liegt an der gleichzeitigen Förderung von „echtem“, also langfristig vorhandenem Grundwasser; rund drei Kubikmeter pro Sekunde.

So kommt es, dass das Wasser in und um Berlin selbst jetzt nicht weniger wird. Es wird nur ganz allmählich schmutziger, denn was aus den Klärwerken kommt, ist zwar zu mehr als 95 Prozent gereinigt, aber eben nicht komplett und bei manchen neuzeitlichen Schmutzanteilen wie etwa Medikamentenrückständen überhaupt nicht.

Die Frage ist, wie lange Berlin sich mit den aktuellen Verhältnissen arrangieren kann, ohne dass das Wasser knapp oder ungesund wird. „Wenn es noch weitere sechs bis acht Wochen so geht, dann wird es schon ein bisschen enger“, sagte BWB-Chef Jörg Simon vor wenigen Tagen. Das heiße aber nicht „zu eng“, wie Simon auf Nachfrage betonte und ein verantwortlicher Wasserwirtschaftler des Unternehmens bestätigt: Der Pegel der Oberhavel (an der beispielsweise der Tegeler See samt dem Wasserwerk an seinem Ufer hängt) liege nur 13 Zentimeter unter dem „Sommerstauziel“ von 31,31 Metern über Normalnull. Die Trinkwasserversorgung durch Uferfiltration wäre „erst bei Wasserständen von mehreren Metern unter dem Stauziel gefährdet“.

Das Schicksal Berlins liegt zurzeit also maßgeblich in der Hand der Behörden zwischen Oberlausitz und Meck-Pomm. Und solange es unter der Mühlendammbrücke noch leise rauscht, besteht kein Grund zur Panik.

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