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  • 12.08.2018
  • von Andreas Conrad

57. Jahrestag des Mauerbaus: Sprung in den Tod

von Andreas Conrad

Hier starb Bernd Lünser. Kommilitonen von der Staatlichen Ingenieurschule für Bauwesen in Neukölln errichteten das Holzkreuz vor dem Haus in der Bernauer Straße 44. Foto: bpk / Klaus Lehnartz

Beim Gedenkgottesdienst in der Kapelle der Versöhnung wird heute an Bernd Lünser erinnert. Er war am 4. Oktober 1961 bei dem Versuch, in den Westen zu fliehen, ums Leben gekommen.

Schüsse peitschten über die Bernauer Straße, abgefeuert von Ost-Berliner Volkspolizisten und West-Berliner Beamten. Auf dem Dach des fünfstöckigen Wohnhauses Nr. 44 rang der 22-jährige Student Bernd Lünser mit einem seiner Verfolger. Als dieser von einer West-Kugel getroffen wurde, so hat er es danach geschildert, habe sich der Flüchtling losgerissen und sei in die Tiefe gesprungen. Dort wartete die West-Berliner Feuerwehr mit einem Sprungtuch, das Lünser aber verfehlte. Er war sofort tot.

Auch an diesem Montag, dem 57. Jahrestag des Mauerbaus, wird es in Berlin Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Mauerregimes geben. Um 10.30 Uhr findet in der Kapelle der Versöhnung, Teil der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße, ein Gedenkgottesdienst statt, bei dem, wie bei allen Gedenkandachten dort, der Namen eines Opfers genannt und an seine Geschichte erinnert wird. Heute ist es Bernd Lünser, der am 4. Oktober 1961 zu Tode kam.

Nur wenige Meter entfernt, vor dem Gebäude mit der Hausnummer 48, war am 22. August 1961 die Krankenschwester Ida Siekmann gestorben, die als erstes Maueropfer gilt. Sie war aus dem dritten Stock gesprungen, hatte zuvor Federbetten aus dem Fenster ihrer Wohnung geworfen, um den Aufschlag zu dämpfen – vergeblich. Die Bernauer Straße gehörte dort in voller Breite, einschließlich des Bürgersteigs, zum West-Berliner Bezirk Wedding, die Gebäude auf der Südseite aber zu Mitte.

Die besondere Lage zwischen West und Ost machte die Straße wiederholt zum Schauplatz geglückter wie gescheiterter Fluchten, so eben auch am 4. Oktober 1961.

Bernd Lünsers Eltern lebten getrennt, der Vater im Westen, die Mutter in Friedrichshain, bei ihr wohnte auch der Sohn. In Ost-Berlin hatte er sein Abitur gemacht, eine Lehre als Maurer abgeschlossen, bevor er an der Staatlichen Ingenieurschule für Bauwesen in Neukölln im Wintersemester 1959/60 ein Studium begann, um Bauingenieur zu werden. Dort stellte man ihm „fachlich und charakterlich das beste Zeugnis“ aus, wie Günter Matthes, Lokalchef des Tagesspiegels, nach dem Tode des Studenten in seiner Kolumne „Am Rande bemerkt“ schrieb.

Der Mauerbau hatte Bernd Lünser während der Semesterferien in Ost-Berlin überrascht, noch am Vortag war er bei seinem Vater im Westen gewesen. Seine Hoffnung auf einen Passierschein oder eine Fluchthilfe zerschlug sich, und so fasste er den Entschluss, es selbst zu versuchen. In der Bernauer Straße hatten die Ost-Behörden längst begonnen, die zur Westseite gelegenen Fenster und Türen zu vermauern, es blieb nur die Chance, sich unbemerkt abzuseilen. Am Abend des 4. Oktober kletterte Bernd Lünser aufs Dach eines Hauses in der Swinemünder Straße, arbeitete sich bis zum Haus in der Bernauer Straße vor, um dort mit Hilfe einer Wäscheleine in die Freiheit zu gelangen.

Allerdings entdeckten ihn zwei Grenzposten, die die Verfolgung aufnahmen und Verstärkung herbeiriefen. Verzweifelt machte Lünser West-Berliner Passanten auf sich aufmerksam, rief ihnen zu, dass er springen wolle. Schnell waren West-Polizisten und Feuerwehr zur Stelle, während auf dem Dach die ersten Schüsse fielen und, da Projektile auch auf West-Berliner Gebiet einschlugen, von den West-Beamten erwidert wurden.

Lünser war mittlerweile von einem Volkspolizisten gestellt worden, bei dem Handgemenge rutschten sie bis zur Dachkante ab. Der Grenzer wurde in den linken Oberschenkel getroffen, Lünser konnte sich losreißen und sprang kopfüber in die Tiefe. Genutzt hätte ihm da das Sprungtuch nichts. „Wer mit dem Kopf voran aus dem vierten Stock ins Sprungtuch fällt, bricht sich das Genick“, zitierte „Der Spiegel“ eine Senatsrätin.

Der tragische Grenzzwischenfall war das erste Mal, dass West-Berliner Polizisten das Feuer der Vopos erwidert hatten. Über ein halbes Dutzend Einschüsse wurden hinterher auf der West-Seite gezählt, die West-Beamten hatten laut „Spiegel“ 28 Mal gefeuert. DDR-Innenminister Karl Maron protestierte bei den West-Alliierten und dem Senat, sprach von einer „ungeheuerlichen Provokation“ und einem Mordversuch an den Grenzpolizisten, nannte den Flüchtling einen Verbrecher. Die West-Behörden blieben aber bei ihrer Darstellung, dass das Feuer erst erwidert worden sei, als Kugeln West-Berliner Boden trafen. Auch das US-Außenministerium billigte das Verhalten der West-Beamten, sie seien gezwungen gewesen, sich zu verteidigen.

Lünser wurde unter großer öffentlicher Teilnahme auf dem Friedhof in der Steglitzer Bergstraße beerdigt, der Mutter hatten die Ost-Behörden den Besuch der Trauerfeier verweigert. Am Ort seines Todes stellten Kommilitonen ein Holzkreuz auf, bekränzt mit Stacheldraht.

Nach der Wende wurde 1997 einer der Schützen vor Gericht gestellt. Gegenüber seinen Vorgesetzten hatte er 1961 von drei gezielten Schüssen gesprochen – angeblich, um seine Karriere nicht zu gefährden. Vor Gericht gab er nun fünf Schüsse zu, allerdings habe er bewusst danebengehalten: „Ich war ein guter Schütze, aus acht Metern hätte ich getroffen, wenn ich gewollt hätte.“ Richter und Staatsanwältin sprachen von einer „genialen“ Erklärung des Angeklagten: Man konnte sie nicht widerlegen. Der Mann wurde freigesprochen.

Am heutigen 57. Jahrestag des Mauerbaus finden zwei offizielle Gedenkveranstaltungen statt, an denen jeweils auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller teilnimmt. Um 10.30 Uhr wird ein Gedenkgottesdienst in der Kapelle der Versöhnung gefeiert, samt Kranzniederlegung am Denkmal der Gedenkstätte Berliner Mauer, Bernauer Str. 4. Um 12 Uhr folgt eine Gedenkveranstaltung an der Peter-Fechter-Gedenkstele, Zimmerstr. 27 in Kreuzberg.

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