17.08.2018, 31°C
  • 12.08.2018
  • von Constanze Nauhaus

Fotokunst: Künstlerin verlegt Berlin ans Meer

von Constanze Nauhaus

Vorne der Strand und hinten die Stadt: Eins von Gaia Marturanos Motiven. Bild: Gaia Marturano

Adria am Alex: Die Fotografin Gaia Marturano schert sich nicht um Geografie und zeichnet Berlin mit italienischem Strand. Daraus sind fabelhafte Postkarten entstanden.

"Nein, das ist doch die Spree!“, klärt ein älterer Vermutlich- nicht-Berliner seine Frau auf. „Wirklich?“, fragt sie zweifelnd, in den Händen diese tolle Postkarte, die sie gerade auf dem Flohmarkt am Arkonaplatz entdeckt hat: Ein äußerst breiter Kiesstrand mit Schirmchen und Liegestühlen, davor tief türkisfarbenes Wasser, Kinder spielen in den Wellen, ein Tretboot. Dahinter: Fernsehturm, Park Inn, Dom, Alex. Klar, muss ja die Spree sein.

Schön wär's, denkt sich Gaia Marturano, die auf der anderen Seite des Standes steht, sie lächelt, sagt aber nichts. Die Postkarte ist von ihr, eine Fotomontage aus ihrer Berlin-am-Meer-Reihe. Auf einer anderen klettern Urlauber über Meeresfelsen direkt vor dem Brandenburger Tor, einmal setzt sie den Palast der Republik an den italienischen Strand. Marturanos Karten im Stil überkolorierter Postkarten aus den Achtzigern sind absolute Hingucker, von Berlin-Touristen gern als Postkarte in die Heimat geschickt, von urlaubsreifen Berlinern als Druck übers Sofa gehängt.

„Mich haben diese alten italienischen Urlaubs-Postkarten immer fasziniert“, erklärt die 37-jährige Fotografin aus Italien ihre Inspirationsquelle. „Das ist so eine bestimmte Art von Motiv aus den Achtzigern, wie man es von den Großeltern kennt: In der Mitte das fette Ferienhaus oder das Riesenhotel, früher Synonym für modernen, komfortablen Urlaub.“ Heute würde man das Motiv von der anderen Seite zeigen, den Strand im Fokus, so wenig Beton wie möglich.

Diese alten Karten, die auch mal Autobahnen oder Raststätten abbilden - im Stil den DDR-Motiven ähnlich, die sozialistische Harmonie etwa im Plattenviertel von Halle-Neustadt zeigen – findet Marturano heute noch in kleinen italienischen Urlaubsdörfern in den Tabakläden am Bahnhof – hinter den Glitzerkarten aus den Neunzigern. Oft verschickte sie diese Karten aus Spaß an Freunde, datierte sie auf '81 und dachte sich fiktive Absender aus.

Ein bisschen montiert Marturano in ihren Collagen auch ihren eigenen Lebenslauf, als Kind eines Toskaners und einer Österreicherin wächst sie zweisprachig auf, fühlt sich in beiden Kulturen zuhause. „Auch wenn ich Italien mehr als Heimat empfinde als Deutschland, fühle ich mich der deutschen Kultur doch nahe“, sagt sie, deren Urgroßmutter Berlinerin war. In Mailand, wo sie aufwächst, besucht sie die deutsche Schule und arbeitet dann als Fotojournalistin. Vor acht Jahren kam sie nach Berlin, arbeitet hier als Fotografin.

Mit zwei Identitäten arbeitet sie auch als Künstlerin: Neben den heiteren Fotomontagen macht Marturano auch „ernstere“ Bilder: Eines zeigt die Eberswalder Straße im Winter, voller Schnee, menschenleer. „Da denken viele, es sei eine Montage – so viel Schnee gibt es in Berlin ja nicht mehr.“ Diese realistischen Arbeiten stellt sie unter ihrem Klarnamen aus, etwa in der Galerie Westphal in Grunewald. Mit ihrer ersten Montage vor einigen Jahren entstand ihr Künstlername: Sie zeigte einen tieforangenen Sonnenuntergang hinter dem Fernsehturm, davor setzte Marturano ein Kamel. Auf anderen Motiven dieser Tierlandschafts-Reihe fliegen Flamingos über den Mauerpark, weidet eine Kuh auf der dortigen Karaoke- Bühne. „Das ist doch ein klarer Bezug“, kommentierte ein Freund. Auch wenn nie ganz deutlich wurde, welcher Bezug denn so klar sei - das Pseudonym stand, ihre Postkarten und Drucke verkauft Marturano seitdem als „Klara Bezug“.

Politische und kritische Motive macht sie auch

Die ersten Karten brachte sie in Läden in ihrem damaligen Kreuzberger Kiez, die sie mit Begeisterung ins Sortiment aufnahmen. „Nach zwei Tagen hatte ich die Druckkosten wieder drin“, erzählt Marturano, und die Läden bestellten immer nach. So entstehen bis heute immer neue Montagen, mittlerweile verkauft sie ihre mehr als 50 Motive als Postkarten und Drucke über einen Online-Shop sowie in vielen Läden in der Stadt. Aktuell arbeitet sie an einer Reihe, die auch politische Kritik äußert: Da sieht man etwa die herrlichen Häuserfronten Venedigs an einem Swimmingpool, in dem Plastikflaschen schwimmen, dahinter einen riesigen Kreuzfahrtdampfer, davor ein kleines Boot mit einer Fahne: „No grandi navi!“ - Keine Riesenschiffe!, eine venezianische Initiative, die gegen den Massentourismus kämpft, der der Stadt massiv zusetzt.

Mit der Geschichte Berlins hingegen verbindet sie eine bestimmte Art von Nostalgie – auch wenn sie das Unwort „Ostalgie“ nicht benutzen will, wird doch klar, dass es genau darum geht: Wenn sie auf dem Arkonaplatz verkauft, kriegen vor allem Ossis angesichts des Palastes der Republik am Strand feuchte Augen, erzählt sie. Aber auch Zugezogene hätten manchmal einen nostalgischen Blick auf die Stadt, verklärten eine Vergangenheit, die so vielleicht nie stattgefunden hat. Dieses Gefühl ironisiert die Fotografin in ihren Montagen auf liebevolle Weise, verarbeitet dieses Zuviel an Gefühl mit einem Zuviel an Farbe und Kitsch. Und wer darin die Spree sehen will – warum nicht.

Gaia Marturanos Postkarten können bestellt werden unter: www.klarabezug.com.

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