17.07.2018, 27°C
  • 18.06.2018
  • von Boris Buchholz, Laura Hofmann, Ingo Salmen, Maria Kotsev, Gerd Appenzeller, André Görke, Christian Hönicke, Sigrid Kneist, Thomas Loy, Cay Dobberke, Corinna von Bodisco

23. Fête de la Musique: Umsonst und draußen: Ganz Berlin musiziert am Donnerstag

von Boris Buchholz, Laura Hofmann, Ingo Salmen, Maria Kotsev, Gerd Appenzeller, André Görke, Christian Hönicke, Sigrid Kneist, Thomas Loy, Cay Dobberke, Corinna von Bodisco

Zwischen 16 und 22 Uhr kann am 21. Juni jeder Musik auf der Straße machen. Foto: Kai Bienert

An mehr als 120 Orten steigt am Donnerstag die Fête de la Musique. Wohin soll man nur gehen? Unsere Empfehlungen aus den Bezirken.

Steglitz-Zehlendorf

„Viele Bands haben schöne Namen, aber ihre Musik ist eher bescheiden“, sagt Stephan Fuchs von der Band Hasenscheisse. „Bei uns ist das eher andersherum“.

Seit die beiden Bandgründer Christian Näthe und Matthias Mengert vor einem ihrer ersten Auftritte auf einer Wiese die letzten Gitarrengriffe übten und dabei in Hasenkötteln saßen, klebt der Name förmlich an ihnen. 20 Jahre ist das nun schon her.

Der Musik der jetzt fünfköpfigen Hasentruppe schadet das nicht – im Gegenteil. Frech, bissig, systemkritisch und schwer in Genre-Schubladen zu stecken, machen ihre Songs, dass man mitwippt und ins Nachdenken kommt. Sie selbst bezeichnen ihre Stilrichtung als „Liedermaching“. Besser würde aber Chanson-Rock-Pop-Ska-Polka-Comedy-Walzer-Bossa- Folk passen.

Der Fête-Auftritt am Donnerstag um 16 Uhr in der Schwartzschen Villa, Grunewaldstraße 55, sei übrigens ein „Novum in der Bandgeschichte“: Es ist der erste Auftritt von Hasenscheisse im Bezirk. Boris Buchholz

Mitte

Berlin hat einen Funk-, einen Fernseh- und einen Eiffelturm. Letzterer steht in Wedding, und zwar im ehemaligen Kulturzentrum der französischen Alliierten in der Müllerstraße 74, heute bekannt als Centre Français de Berlin.

Das Team um Geschäftsführer Florian Fangmann feiert die Fête seit gut zehn Jahren, und auch in diesem Jahr treten hier, auf der Open-Air-Bühne unter dem Eiffelturm, sieben Künstler beziehungsweise Bands auf. Das Programm reicht von französischem Pop (Denis Rivet, 16 Uhr), elektronischen Chansons (Billie, 16.30 Uhr) bis hin zu Afrobeats (Papa Africa, 17.15 Uhr) und Reggae (Beatsafari, 21 Uhr).

Als Leiter eines europäischen Kulturzentrums ist es für Fangmann eine Selbstverständlichkeit, dieses Festival zu feiern: „Wir möchten als Ort des europäischen Kulturerbes eine Fête mit Bands aus ganz Europa organisieren.“

Aber für manche ist Kultur derzeit Nebensache – zeitgleich mit der Fête misst sich die französische Nationalmannschaft um 17 Uhr mit den Peruanern. Keine Sorge: Das Spiel der Bleus wird drinnen übertragen, im City Kino Wedding. Laura Hofmann

Marzahn-Hellersdorf

Tapper Glue – klingt nach Südstaaten-Original, ist aber ein berlinernder Köpenicker. „Det jeht richtig zur Sache“, verspricht er, als er über die Fête de la Musique in Marzahn-Hellersdorf redet.

Tapper Glue, 49 Jahre alt, war früher immer bei Oma und Opa in Biesdorf zu Besuch, nun kehrt er zurück, um bei der Fête um 18 Uhr auf dem Balzerplatz aufzutreten. Lieder schreibt er erst seit einigen Jahren. „Jetzt muss det raus, die ganzen Sachen“, sagt er.

Tapper Glue & The Glues machen Singer-Songwriter-Folk-Funk-Reggae-Latin-Bluegrass-Country. Und das fasst ziemlich gut zusammen, was die Fête auch im Osten der Stadt ausmacht: musikalische Vielfalt. Neben Tapper Glue gibt es im Bezirk Metal, Punkrock, Grunge und Sambatrommler zu hören.

Der Jugendklub „Die Klinke“ in der Marzahner Bruno-Baum-Straße 56 setzt einen Akzent auf Singer-Songwriter und Rock. Von sommerlich leicht bis hart zum Abtanzen reicht das Spektrum im Jugendzentrum „Betonia“ in der Wittenberger Straße 78 – mit zwei Nachwuchshelden: Die DJs Zwaar und Paule legen Elektro auf. Ingo Salmen

Neukölln

Früher legte er selbst als DJ auf, heute lässt Felix von Ploetz anderen Künstlern den Vortritt. Er ist Sozialpädagoge und Gemeindemanager der Martin-Luther-Kirchengemeinde in der Fuldastraße 50. Dieses Jahr lädt er Künstler aus Brasilien, Mexiko, Köln und Berlin in den Kirchsaal.

Von Ploetz initiierte den Fête-Standort Fuldastraße vor zwei Jahren vor allem aus Spaß. Er freut sich darüber, wenn die Fête jungen Menschen zeigt, dass Kirche auch weltoffen und jung sein kann – und wenn sich diese anschließend in der Gemeinschaft engagieren.

Das Engagement könne man dringend gebrauchen, denn die Fête wäre ohne Freiwillige nicht realisierbar. „Das ist schwieriger als man denkt“, sagt von Ploetz. Hier gelingt es gut: Die Fête, die Musik und der Spaß, den man hat, sind Teil des Profils der Martin-Luther-Kirche. Maria Kotsev

Reinickendorf

Das Landhaus Schupke hat einen wunderschönen Garten und eine schnuckelige Bühne. Ganz zentral, nicht weit vom U-Bahnhof Rathaus Reinickendorf gelegen, hält der Bus 120 direkt vor Hausnummer 66 der Straße Alt-Wittenau. Am Donnerstag ab 16 Uhr ist die Bühne für alle da, die spontan mitsingen, mitspielen und die Musik genießen wollen.

Auch die Abgeordnete Bettina König (SPD) begeistert sich für die Fête: In ihrem Bürgerbüro in der Amendestraße 104 tritt ab 18 Uhr „Daniel spielt Gitarre“ auf.

Und das Jazz-Trio Berlins Finest spielt in der Besetzung Sängerin, E-Piano und Kontrabass zwischen 18 und 21 Uhr zu Erdbeerbowle, Grillbuffet und hoffentlich viel Sonne auf der Außenterrasse des Café Aline, Alt-Reinickendorf 29. Gerd Appenzeller


"Faites de la musique!" - Musiziert!, heißt es auch von Spandau bis Kreuzberg

Spandau

Altstadt Spandau, Seitengasse, Jüdenstraße. Links vom Kopfsteinpflaster das Café Lutetia, rechts die Bühne im Biergarten unter Kastanien. Herrlich entspannter Ort, ein Klassiker.

„Das Lutetia war schon früher ein Studententreff. Wir sind ja nicht nur Kneipe, nicht nur Café. Wir bieten auch Cocktails, Tapas, Craft-Bier“, sagt Lars Smolik, 47 Jahre, seit zehn Jahren einer der Chefs. „Voriges Jahr kamen 400 Leute, war richtig gut – ohne Bühne, ohne Lichtshow, einfach Musik. Mega chillig. Eine Band spielt Oldtime Skiffle, eine Punkrock, eine Elektro-Deutschpop.“ Los geht’s hier um 17 Uhr.

Die zweite Spandauer Bühne ist ums Eck: direkt am Rathaus. Da spielt die musikbetonte Martin-Buber-Schule und feiert ihr 50-jähriges Bestehen, gemeinsam mit der Kneipe Plan B. Noch so ein Klassiker in Spandau. André Görke

Pankow

Hier ist die Fête de la Musique ein bisschen kuscheliger als anderswo in der Stadt. „Wir achten besonders auf Familienfreundlichkeit“, sagt Annette Kempe, die Leiterin der Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtung Schabracke in Pankow. Seit fünf Jahren gibt es hier zur Fête statt schräger Beats oder harter Riffs betont entspannte Klänge.

Man kann Picknickdecken mitbringen und der Musik lauschen, während die Kinder im Garten herumtollen oder von Betreuern mit Spielen und Spielzeugen versorgt werden. Ab 16.30 Uhr treten sechs Bands auf und bringen Bossa nova, Electronica, Folk und Gypsy mit. „Da ist für jeden etwas dabei“, verspricht Kempe.

Das Gebäude der Schabracke ist übrigens das einzige Haus, das von der einstigen „Ersten Pankower Nervenheilanstalt“ übrig geblieben ist. Ende 2004 wurde es unter seinem heutigen Namen als bezirkliche Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtung eröffnet. So richtig weiß auch Kempe nicht mehr, woher der Name der Einrichtung stammt, „vermutlich von der alten Baracke, die mal da stand, wo jetzt der Bolzplatz ist“. Christian Hönicke

Tempelhof-Schöneberg

Der Posaunist Jörg Vollerthun ist durch Zufall zu seinem Instrument gekommen. Er war in ein Mädchen verliebt, das in einem Bläserchor spielte. Als er sie von einer Probe abholte, sagte der Bandleiter zu ihm, er habe „so schöne lange Arme“ und solle doch mitspielen. Der Weg zum Musiker nahm noch einen Umweg über eine Maurerausbildung, der sich dann nach einer harten Vorbereitung für die Aufnahmeprüfung ein Studium für Jazzposaune anschloss.

„Nach vier Stunden auf der Bühne bin ich wirklich k. o., aber unglaublich glücklich darüber, Menschen musikalisch erreicht zu haben“, sagt Vollerthun über seine Erfahrungen bei der Fête de la Musique.

Er spielt am Breslauer Platz in Friedenau mit seinem Ensemble German Trombone Vibratio (20 Uhr) und dirigiert die Schülerband Kermits (17 Uhr) sowie die Big Band Firefrogs (18 Uhr). Sigrid Kneist

Treptow-Köpenick

„Dufte Sache“, sagt Martina Ritthaler, Chefin der Fleischerei Backs in Adlershof. Zum dritten Mal wird ihr Fachgeschäft in der Dörpfeldstraße 13 zur Konzertbühne. Also nicht direkt der Laden, sondern der Arbeitshof dahinter, wo eigentlich nur zwei Autos Platz haben.

Die Bands wissen schon, dass es eng wird, aber dafür gibt’s Original-Grillfleisch von Backs für den Hunger zwischendurch. Die Tastenteufel, eine Akkordeongruppe aus Storkow, spielen ab 16 Uhr, danach Blendend, ein Berliner Poptrio, das sich 2011 gegründet hat und Clubsound zwischen House und Funk mit deutschen Texten produziert.

„Tolle Songs“, sagt Frau Ritthaler. Mehr muss man nicht sagen. Im letzten Jahr kamen 200 Leute, diesmal werden es vielleicht noch mehr. Immerhin feiert Backs das 110. Firmenjubiläum. Thomas Loy

Charlottenburg-Wilmersdorf

Pangea nennen Wissenschaftler den urzeitlichen Superkontinent, auf dem die großen Landmassen eine Einheit bildeten. Im Pangea-Haus, in der Trautenaustraße 5 im Güntzelkiez, symbolisiert der Name die „interkulturelle, kontinentübergreifende Begegnungsstätte“.

Das zeigt sich im Fête-Programm: türkisch-deutscher Rap von Fürkan um 16 Uhr, Afro-Chansons von Gérard Nguanji um 17 Uhr, Elektro-Reggae von Seph and the Streets um 18 Uhr, „Nato Beat“ von der Balkan Kombo um 19 Uhr sowie „Iranian Fusion Rock“ vom Ansan Ensemble um 20 Uhr. Außerdem gibt es ein Integrationsquiz mit dem Motto „Wie deutsch bist du?“.

Im Pangea haben Migrationsberatungen und Bildungseinrichtungen ihren Sitz, ein deutsch-iranischer Fernsehsender, der deutsche Zentralrat der Serben und der Verband Griechischer Gemeinden. Ende 2017 kam im Erdgeschoss das Café Pangea hinzu.

In den nächsten Jahren wird das frühere Volkshochschulgebäude saniert und das Café mit einer neu gestalteten Fläche „in den Kiez geöffnet“, kündigt der bezirkliche Integrationsbeauftragte Leon Friedel an. Das kann man jetzt schon feiern. Cay Dobberke

Friedrichshain-Kreuzberg

Vor der „größten Bühne im Kiez“ tanzend die Musik zelebrieren, miteinander essen und Cocktails schlürfen: Die Fürbringerstraße im Gneisenaukiez verwandelt sich dieses Jahr schon zum fünften Mal in eine große Musikfete.

Veranstalter ist der Verein „Miteinander ohne Grenzen“, kurz Mog61, unterstützt von den Wirten der Kneipe „Unter-Rock“. Trotz des kiezigen Flairs ist die Mog61-Fête kein reines Nachbarschaftsfest: „Jeder ist willkommen“, sagt die Organisatorin Marie Hoepfner. Im letzten Jahr kamen 2000 Gäste.

Der größte Unterschied zu Frankreich? „Was im Rahmen der Fête stattfindet, ist von Lizenzgebühren befreit“, erklärt die Französin. Dagegen fallen hierzulande immer noch Gema-Gebühren an.

Gleichwohl bleibt Mog61 dem Motto „Faites de la musique“ (Macht Musik!) treu, mit sechs Bands die Pop, Soul und Space Rock spielen. Insbesondere für weniger bekannte Musiker will die Kiezbühne da sein. Corinna von Bodisco

Und jetzt alle zusammen - der European Sing Along

Um Punkt 19 Uhr sollen dann am Donnerstag beim „European Sing Along“ zeitgleich in hunderten europäischen Städten Europas drei Lieder gesungen werden: „Ode an die Freude“, John Lennons „Imagine“ und „Don’t Look Back in Anger“ von Oasis. Damit soll an die friedliche Vision Europas erinnert werden – keine schlechte Idee in Zeiten wie diesen.

Alle sind eingeladen mitzumachen, ob an U-Bahnhöfen, Cafés oder ganz klassisch auf einer der zahlreichen Fête-Bühnen.

Das ganze Programm der Fête online: www.fetedelamusique.de

Social Media

Umfrage

Die Einengung der Zeppelinstraße in Potsdam hat im Zuge der Dieseldebatte bundesweit Interesse geweckt. Ist die Maßnahme nötig, um ein Dieselfahrverbot in Potsdam zu verhindern? Stimmen Sie ab!