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  • 14.06.2018
  • von Karl Grünberg

Axel Mierwaldt (Geb. 1950): Der Anker im Kiez

von Karl Grünberg

Elisabeth-Friedhof an der Prinzenallee in Berlin-Wedding. Foto: Doris Spiekermann-Klaas TSP

Zwei Stammgästen hat er aus ihrem Alkoholismus herausgeholfen. Und das als Kneipenwirt. Der Nachruf auf einen, der immer da war.

Wenn er morgens die Stühle rausstellte, den Tresen wischte, dem Koch zunickte, die neue Kellnerin einwies und noch einmal kontrollierte, ob seine Kneipe bereit war für den Tag, warteten draußen schon die Gäste. Sie warteten darauf, dass er die Türen öffnete und sie grüßte. Mit Axel den Morgen zu beginnen, sich von ihm Kaffee bringen zu lassen, war ein Ritual, eine feste Größe geworden. Axel, der Anker im Kiez, immer da, immer aufmerksam. Dabei machte er nichts Außergewöhnliches, war nicht besonders freundlich oder lustig, konnte nicht singen oder die Menschen mit Anekdoten unterhalten. Nein, Axel war einfach Axel, und das bedeutete vielen Menschen eine Menge.

Axel hatte einen Lieblingsplatz in seiner Kneipe. Von hier aus konnte er am besten das Treiben am Savignyplatz beobachten und gleichzeitig mit den Zahlen hantieren, die Papiere ordnen, die Bilanzen machen, die Einnahmen kontrollieren, die Ein- und Ausgänge vermerken. Axel hatte Spaß daran, auf Kante zu fahren, den Vorrat so einzuschätzen, dass der Nachschub erst kam, wenn das letzte Fass angebrochen und die letzte Kiste Wein geöffnet war. Die anderen mochte das wahnsinnig machen, doch Axel blieb cool.

Was fühlte er? Wen liebte er? Privatsphäre

Wenn Axel also da an seinem Lieblingstisch saß, setzten sich die Leute zu ihm und fingen an zu erzählen, von ihren Sorgen, von Freuden und der Familie, vom Tag und vom Wetter. Axel nickte, brummte, hörte zu. Manchmal sagte er was dazu, gab einen Rat, aber oft auch nicht, denn Axel war ein leiser Mensch, was die Leute mochten. Bei Axel fühlten sie sich aufgehoben und angenommen. Er hatte immer ein paar Patienten, so nannten sie die Menschen, die seine Hilfe besonders brauchten. Manchmal war es das Geld oder seine Schulter. Zwei von ihnen hatte er aus ihrem Alkoholismus herausgeholfen. Und das als Kneipenwirt. Wenn sich welche stritten, schlichtete er mit leiser Stimme, aber bestimmt. Als Chef gab er keine Befehle, sondern erklärte das, was anlag, leise und ruhig.

Schweigsam war er nicht. Man konnte mit ihm diskutieren, philosophieren, über Fußball, über Schach sprechen. Nur von sich selbst erzählte er eigentlich nie etwas. Was fühlte er? Wen liebte er? Was wollte er vom Leben? Privatsphäre. Ja, wenn man jetzt bohren würde, Lebensschnipsel zusammentragen und kombinieren, dann könnte man herausfinden, dass er geliebt hatte und geliebt wurde. Doch das ging zu Lebzeiten niemanden etwas an, also auch nicht danach.

Wenn er am Nachmittag seine Schicht beendete, tat er das wortlos, hob nur kurz die Hand zum Gruß oder sandte ein Nicken in die Runde und war weg. Axel machte um sich kein Aufheben, Axel war Axel, und der „Zwiebelfisch“ war sein Zuhause. Mehr eine Institution als eine Kneipe, ein Symbol des alten Berliner Westens, von elf Uhr morgens bis sechs Uhr in der Früh geöffnet, jede Tageszeit hat ihre eigenen Gäste, Regeln und Gesetze. Hier kennt man sich, hier geht man hin, um zu schauen, wer sonst noch da ist. Axel schmiss die Tagschicht und Hartmut die Nacht.

Auf dem Herrenklo brach ein Rohr, er blieb cool

Überhaupt: Axel und Hartmut. Beim Skat hatten sie sich kennengelernt. 1972 war das. Der schlanke, drahtige Axel mit Oberlippenbart saß in einer Kneipe und spielte. Hartmut setzte sich dazu. Er dachte, er hätte das Spiel verstanden und wäre eigentlich ganz gut darin gewesen, doch Axel war viel besser. Ob Schach oder Karten, irgendwie gewann Axel immer. Zahlen, Logik, alles vorausberechnen, da war er in seinem Element. Dazu kam seine Coolness. Mitte der 70er, Axel und Hartmut arbeiteten noch in einer anderen Kneipe, es war 19 Uhr, der Laden rappelvoll, 60 Gäste oder mehr. Da brach auf dem Herrenklo ein Rohr.

Hartmut: Du, wir müssen zumachen.

Axel: Quatsch. Wir machen weiter.

Die Herren mussten einfach raus, um sich zu erleichtern. Vom Nachbarn ließen sie sich alle halbe Stunde kaltes Wasser zum Gläserspülen bringen. Hatte Axel schnell organisiert.

Dann, halb zehn, fiel die Kühlung aus, es gab nur noch warmes Bier.

Hartmut: Axel, wir müssen schließen.

Axel: Nein, wir machen weiter.

Und sie machten weiter, dann eben mit warmem Bier. Es war der Abend mit dem zweithöchsten Umsatz im Jahr.

Hartmut nahm ihn bei sich auf

Axels Eltern waren Gärtner, er hatte einen Bruder, er studierte BWL, arbeitete mal in einer Bank, dann als Prokurist und als Fußbodenverleger und in Kneipen. Er spielte Fußball bei „Rapide Wedding“ und in diversen Thekenmannschaften. Er schwamm und spielte Squash.

1982 suchte er dringend eine neue Bleibe, und Hartmut nahm ihn bei sich auf. Seitdem wohnten sie zusammen, teilten sich den Kühlschrank, die Dusche und das Klo. Lebten Seite an Seite, doch über wirklich Privates sprachen sie nicht. Das gab’s bei Axel einfach nicht, und das musste Hartmut akzeptieren.

Axel hatte eine Tasche, blau-weiß, eine Strandtasche. Darin waren ein Bleistift für die Rätsel in der Zeitung, der Radiergummi, das Schachspiel und ein paar Kartenspiele, ein Schachmagazin. War Axel mit seiner Tagesschicht fertig, zog er um ins „Stübchen“, eine andere Kneipe. Dort hatte er seinen Tisch, an dem saß er dann, holte seine Sachen aus der Tasche, die Leute kamen und spielten mit ihm.

Axel erkrankte an Leukämie, schwerste Variante

Einmal im Jahr nahm er seine Tasche, packte noch sein Handtuch dazu, ein paar Notwendigkeiten und machte sich auf nach Naxos. Sechs Wochen in der Sonne, ein Zimmer in einer Pension, wo genau, wusste natürlich keiner. Auch hier hatte er einen Tisch, von dem aus er das Treiben beobachten konnte, die Leute, das Meer und den Strand, auch hier spielte er Schach, hatte keine Verpflichtungen, aber vielleicht eine Frau. Doch das wissen wir natürlich nicht.

Axel erkrankte an Leukämie, schwerste Variante. Er machte eine Chemotherapie, er ging zur Kur. Als klar war, dass es nichts brachte, war das für ihn in Ordnung. Nimmt man an; natürlich sprach er mit niemandem so richtig drüber. Ging er nicht zum Arzt, ging er weiter in den „Zwiebelfisch“, machte noch das letzte Mal die Unterlagen für die Steuer fertig. Dann wurden seine Schritte kürzer, er aß und trank nichts mehr, und schließlich starb er.

Viele waren überrascht, wussten ja nicht, wie es um ihn gestanden hatte. Als die hartgesottenen Müllmänner hörten, dass der Axel nicht mehr ist, hatten sie Tränen in den Augen. Niemand hatte mitbekommen, dass sie sich überhaupt kannten, dass sie überhaupt miteinander gesprochen hatten, doch das hatten sie, und ihre Tränen waren echt.

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