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  • 13.06.2018
  • von Constanze Nauhaus

Wohnungsbau in Berlin: "Viele Kleingärtner leben im Vorgestern"

von Constanze Nauhaus

Wieso sind Kleingärten in der Bau- und nicht etwa in der Kulturverwaltung angesiedelt? Das fragt Kleingartenforscher Neumann. Foto: dpa/ Soeren Stache

Klaus Neumann, Kleingartenforscher der Beuth-Hochschule, nimmt Stellung zur aktuellen Bebauungsdebatte. Sollten die Kleingärten neuen Wohnungen weichen?

Herr Neumann, Berlin wächst und wächst. Aber eine Lösung für die Wohnungsnot hat niemand, oder?

Das Problem ist, dass die Debatte zu sehr von Partikularinteressen gelenkt wird, jeder argumentiert nur für sich. Zu sagen „Wir wollen nicht bebaut werden, weil wir Kleingärten sind“ ist aus der Egozentrik des Kleingärtners heraus richtig, aber nicht aus der Position, dass eine Stadt mit ganz vielen unterschiedlichen Ansprüchen auskommen muss.

Der Investor Arne Piepgras sagte jüngst, auf den 3000 Hektar Berliner Parzellen könnte man 400.000 Wohnungen bauen.

Damit hat Piepgras zumindest eine Debatte angestoßen. Denn sein Grundanliegen – dass sich die Stadt endlich mal bemüht, Dinge in den Griff zu kriegen – ist ja richtig. Nun sind Reaktionen gefragt.

Wie sollten die Kleingärtner reagieren?

Indem sie mehr Argumente in die öffentliche Debatte werfen als nur ihre Relevanz für das Klima. Die haben sie natürlich, das Insektensterben in der Stadt kann überhaupt nur durch Kleingärten verhindert werden, das sind die artenreichsten, ökologisch vielfältigsten Flächen. Noch wichtiger aber ist der soziale Aspekt: Nirgendwo wird etwa der Altersvereinsamung so effizient entgegengewirkt wie im Kleingarten, dazu gibt es Studien. In der Laube verbringen die Menschen mehr Zeit als in der Kirchengemeinde oder im Sportverein. Oder die Integration: Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund liegt unter den Laubenpiepern bei 17 Prozent, gesamtgesellschaftlich nur bei knapp 10 Prozent.

Außerdem sind Kleingärten eine Gegenbewegung zur Digitalisierung. Nirgendwo lernen Kinder Biologie oder Chemie besser als in einem Garten, jede Schule sollte mit einer Anlage kooperieren. Und was wir in Berlin etwa im Görlitzer Park mit viel Geld versuchen, um der Vermüllung, Verwahrlosung und Unsicherheit in öffentlichen Parks entgegenzuwirken, gibt es in Kleingartenanlagen gratis: Es sind die sichersten und saubersten städtischen Freiräume, das hat eine schwedische Kriminalitätsstatistik gerade wieder bestätigt.

Wieso haben Kleingärten trotzdem so ein schlechtes Image?

Das negative Image resultiert aus der Vergangenheit. In Zeiten der Armen- und Rot-Kreuz-Gärten waren Laubenkolonien noch etwas für Arme und Kranke, heute werden Kleingärten oft als Hort des piefigen, spießigen, privatistischen Kleinbürgers abgetan.

Viele Kleingärtner leben das leider auch genau so.

Ja, das muss man ihnen auch vorwerfen, viele Kleingärtner leben im Vorgestern. Aber die 30er Jahre, in denen Widerständler sich in Parzellen verstecken mussten, sind vorbei. Viele Kleingartenanlagen öffnen sich zwar mittlerweile, sind regelrechte Parkanlagen mit Sitzbänken, Wegen, Angeboten für ältere Menschen, Sprach- und Integrationskursen für Neuberliner. Aber der Druck wird weiter wachsen. Man muss der Debatte aktiv begegnen, andere Flächen ins Gespräch bringen.

Zum Beispiel?

Absurderweise soll in Zehlendorf gerade eine Parkanlage am Dahlemer Weg gerodet und dann bebaut werden, während leere, asphaltierte Flächen wie am Platz des 4. Juli in Lichterfelde leer bleiben. Oder Brachflächen, wo drei Mal im Jahr Hüpfburgen aufgestellt werden. So lange man solche Flächen freihält und Kleingärten und Parkanlagen bebaut, hört jedes Verständnis in der Kommunikation zwischen Bürgern und Politik auf.

Was sollte die Politik tun?

Wieso sind Kleingärten in der Bau- und nicht etwa in der Kulturverwaltung angesiedelt? Schließlich sind sie ein Stück deutscher Kultur. Dann würde nämlich die Bebauungsdebatte überhaupt nicht geführt. Es fordert ja auch niemand, eine der drei Opern abzureißen, um dort Wohnungen zu bauen. Überhaupt sollten Kleingärten ein Schwerpunktthema des Regierenden Bürgermeisters werden. Oder ins Weltkulturerbe aufgenommen werden.

Klaus Neumann ist Landschaftsarchitekt und emeritierter Professor an der Beuth-Hochschule. Dort beschäftigte er sich unter anderem mit Kleingärten und Urban Gardening

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