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  • 11.05.2018
  • von Sandra Dassler

Freikörperkultur in Brandenburg: Die Prignitz bekommt einen Nacktwanderweg

von Sandra Dassler

Luftige Herrenrunde mit verdeckender Wanderkarte. Foto: pa/dpa/Matthias Bein

Nordöstlich von Berlin soll Brandenburgs erster Nacktwanderweg entstehen - es wäre der dritte seine Art in Deutschland. Die meisten Besucher kommen aus Berlin.

„Willst Du keine Nackten sehen, darfst Du hier nicht weitergehen.“ So warnt ein Schild am „Harzer Naturistenstieg“. Für Analphabeten weist sicherheitshalber zusätzlich noch das Bildnis eines nackten Pärchens darauf hin, dass hier ein offizieller FKK-Wanderweg beginnt.

Einen solchen soll es nun auch bald in der Prignitz geben. Er wäre der erste Nacktwanderweg in Brandenburg und der dritte in Deutschland, neben dem „Naturistenstieg“ im Harz und dem „Undeloher Naturistenweg“ in der Lüneburger Heide.

Was manche für einen geschmacklosen Scherz halten, ist für andere eine wunderbare Sache. „Man atmet ja mit der Haut, spürt jeden Windhauch am Körper, die Sonne, den Regen - man wird einfach eins mit der Natur ohne störende Kleidung“, sagt Bernd Johannes Schaffrath.

Der 61-Jährige wurde in Niedersachsen geboren, lebte lange in Berlin und lernte nach dem Mauerfall seine Frau Petra kennen. Die stammt aus der DDR, genauer gesagt: aus Nauen und wuchs mit FKK (Freikörperkultur) auf. „Wir sind immer nackt baden gegangen“, erzählt sie: „Vater, Mutter, Geschwister – das war völlig normal.“

"Illegal tun das bereits viele"

So nahm sie Bernd eines Tages mit an den Tonsee bei Zeesen, wo alle nackt badeten. Ihr neuer Lebensgefährte schloss irgendeine Wette mit ihrem Sohn ab, worüber weiß er nicht mehr – nur, dass er sie verlor. „Der Preis war die Badehose, ich habe sie ausgezogen und in einen Baum geworfen“, erzählt Bernd Schaffrath: „Da hängt sie wahrscheinlich heute noch, denn ich war total begeistert und habe seither nur noch nackt gebadet.“

Und nicht nur das. Schaffrath beschäftigte sich intensiver mit der Naturisten-Bewegung und irgendwann stieß er dabei auf die Nacktwanderer. „Illegal tun das bereits viele Menschen“, sagt er: „Aber es gibt auch viele, die gern ohne Kleidung wandern würden, sich das aber nur trauen, wenn es offiziell ist.“ Deshalb begann Schaffrath mit seiner Frau, selbst Nacktwanderungen zu organisieren, der Zulauf war groß.

„Die meisten kamen aus Berlin oder Hamburg“, sagt Schaffrath: „Und so langsam begannen wir zu überlegen, warum wir mit ihnen jedes Mal in den Harz oder in die Heide reisen sollten. Pritzwalk, meine Heimatstadt, liegt genau zwischen Hamburg und Berlin, es gibt dort wunderbare Natur und die Region setzt auf Tourismus.“

Der Wanderweg ist Schaffrath zu kurz

Schaffrath versuchte zunächst, die Stadt Pritzwalk für seine Idee zu gewinnen. Die war auch nicht abgeneigt, es mal mit „Nudic Walking“ zu versuchen – zumal das sachsen-anhaltinische Wippra mit dem „Naturistenstieg“ durchaus Zuwächse bei Hotelübernachtungen und anderen touristischen Einrichtungen erzielte. Denn Naturisten kommen oft in Gruppen und interessieren sich für Land und Leute.

Pritzwalks Bürgermeister konnte sich drei verschiedene Standorte vorstellen – allerdings wurde auch schnell klar, dass die Länge des offiziellen Nacktwanderwegs auf dem Pritzwalker Stadtgebiet auf fünf, maximal sechs Kilometer begrenzt bleiben müsste.

Doch das ist Schaffrath zu wenig. „Wegen einer Wanderung von fünf Kilometern kommt doch keiner von Hamburg oder aus Berlin“, sagt er, und hat sich einen neuen Verbündeten gesucht: den Geschäftsführer des Prignitzer Tourismusverbandes, Mike Laskewitz. „Das würde wahrscheinlich sehr gut in unser neues Konzept ’Wanderbare Prignitz’ passen“, sagte er dem Tagesspiegel, „als eine von mehreren Komponenten natürlich“.

Natürlich müsse man in den kommenden Wochen nochmal sehr genau eventuelle Bedenken prüfen und den Bedarf analysieren, aber spätestens im Herbst könnte eine Entscheidung fallen, sagt Laskewitz: „Wir werden uns Verbündete wie die Schaffraths suchen und neben den touristischen auch die gesundheitsfördernden Aspekte berücksichtigen.“

"Die meisten stutzen kurz"

Über Details will der Tourismusverbandschef noch nicht sprechen, klar sei aber, dass sich niemand durch die Initiative gestört fühlen dürfe. Das hatte vor einigen Jahren einen bei Trebbin am Rande des Flämings geplanten Nacktwanderweg verhindert.

Die Pläne für einen neuen Anlauf in der Prignitz sollen im Herbst dieses Jahres auf einer Versammlung des Prignitzer Tourismusverbandes diskutiert werden. „Dann könnten wir Deutschlands dritten FKK-Wanderweg vielleicht schon Pfingsten 2019 eröffnen“, freut sich Bernd Johannes Schaffrath: „Wo genau steht noch nicht fest. Aber den Pilgern in Bad Wilsnack werden wir natürlich nicht in die Quere kommen, obwohl inzwischen sogar auf dem Jakobsweg in Spanien nackt gepilgert wird.“ Das ist allerdings genauso wenig legal, wie in Kroatien Tennis zu spielen oder in Norwegen Ski zu fahren – splitternackt bis auf die Schuhe.

Kleidungsträger, die Nacktwanderern begegnen, nehmen das übrigens fast immer gelassen, sagt Bernd Johannes Schaffrath: „Die meisten stutzen kurz, schmunzeln dann, grüßen freundlich und gehen weiter.“ Dennoch würden auch vor dem offiziellen Prignitzer Nacktbadeweg Schilder aufgestellt, die vor den nackten Tatsachen warnen. Das sei ja wohl ebenfalls ganz natürlich.

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