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  • 12.05.2018
  • von Marion Kaufmann

Mathe-Abitur in Brandenburg: Unreif trotz Reifeprüfung?

von Marion Kaufmann

Nicht anspruchsvoll genug. Das Matheabitur war in Brandenburg immer wieder von Pannen geprägt. Trotz gelobter Verbesserungen sei das Niveau bei den Prüfungen in diesem Jahr wieder zu niedrig gewesen, sagt der Mathematiker Helmut Assing. Foto: Holger Hollemann/dpa

Ein Mathematik-Experte aus Potsdam erhebt schwere Vorwürfe: Das Abitur in Brandenburg sei viel zu leicht.

Potsdam - Mit seinem Mathematik-Abitur hat Brandenburg immer wieder Ärger. Nach der Panne mit Nachholprüfung im Vorjahr und möglicherweise geklauten Aufgaben in diesem Jahr erhebt ein Potsdamer Mathe-Experte schwere Vorwürfe gegen das Bildungsministerium: Die Aufgaben, die die Abiturienten am 2. Mai lösen mussten, seien unter Niveau gewesen und verstießen damit gegen die Bestimmungen der Kultusministerkonferenz.

„In Wahrheit verfügt nicht ein Schüler in Brandenburg, der 2018 sein Abitur beenden wird, über eine gehobene Ausbildung in Mathematik“, die ihn für ein MINT-Studium (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) solider befähigen würde, schreibt Helmut Assing, emeritierter Professor für mittelalterliche Geschichte und habilitiert im Fachgebiet mathematische Logik, in einem Brief an die Vorsitzende des Bildungsausschusses im Landtag, Gerrit Große (Linke). Das schriftliche Matheabitur realisiere das vom Bildungsministerium vorgegebene erhöhte Anforderungsniveau „in mehrfacher Hinsicht nicht“, heißt es in dem Schreiben, das den PNN vorliegt. Auch direkt an Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) hat Assing sich gewandt.

Permanenter Niveauverfall zu Lasten der Schüler

Es ist nicht das erste Mal, dass der inzwischen 85 Jahre alte Assing, der früher an der Universität Potsdam lehrte, harsche Kritik an der Qualität des Brandenburger Abiturs übt. Seit sechs Jahren analysiert er die Prüfungsaufgaben – und konstatiert einen permanenten Niveauverfall zu Lasten der Schüler. Bestmögliche Bildung, die einem das Rüstzeug für ein Studium gebe, sehe anders aus, meint der Mathematiker.

Auch die Aufgaben des Pannen-Abis 2017 hat Assing unter die Lupe genommen. Auf 104 Seiten legte er dar, warum das Brandenburger Abitur aus seiner Sicht nicht mehr viel wert sei. Im Vorjahr beschwerten sich zahlreiche Schüler und Lehrer in Brandenburg, dass die Aufgaben beim zentralen Matheabitur im Land zu schwierig gewesen seien. Außerdem soll in den Aufgaben teilweise Stoff abgefragt worden sein, auf den die Schüler im Unterricht nicht oder nicht ausreichend vorbereitet worden waren. Konkret geht es um eine Aufgabe, bei der die Schüler mit natürlichen Logarithmen rechnen mussten, eigentlich Bestandteil des Rahmenlehrplans.

Ernsts Amtsvorgänger Günter Baaske (SPD) räumte schließlich Versäumnisse im Unterricht an einigen Schulen ein. 2600 Brandenburger Schüler hatten daraufhin die Prüfung wiederholt. „Letztlich hatten mit ihrem Protest die Gegner höherer Schulanforderungen gesiegt“, konstatiert Assing. Für die Schüler nur kurzfristig ein Vorteil, meint der Rentner, der nach seiner Pensionierung jahrelang Nachhilfeunterricht erteilt hat. Brandenburg sonne sich in immer besseren Abiturnoten. Die Zahl der Abiturienten mit einem 1,0er-Abschluss steigt von Jahr zu Jahr, deren Quote hat sich innerhalb von zehn Jahren verdreifacht. Das liege aber, so argumentiert der Mathematiker, nicht an den immer besser werdenden Schülern, sondern vielmehr daran, dass ihnen weniger abverlangt werde.

"Brandenburg nutzt jede Möglichkeit, am Niveau erleichternd zu drehen“

Die Panne 2017, so damals Assings Hoffnung, könne dazu führen, dass Brandenburg in der Bildungspolitik umsteuert und das Aufgabenniveau – bei entsprechender Vorbereitung durch die Lehrer – wieder anhebt. Tatsächlich war die Zahl der Unterrichtsstunden in Mathematik nach dem Chaos-Abi in diesem Schuljahr um eine auf fünf Wochenstunden erhöht worden.

Trotzdem, stellt Assing nun bei der Analyse des kürzlich geschriebenen Abiturs fest, sei das eigentlich vorgeschriebene erhöhte Anforderungsniveau bei der Aufgabenstellung wieder nicht zum Tragen gekommen. Der Professor beruft sich in seiner Beurteilung auf den Beschluss der Kultusministerkonferenz zu Abi-Bildungsstandards im Fach Mathematik vom 18. Oktober 2012, den Brandenburg unterschrieben hat.

Darin heißt es als verbindliche Zielvorgabe: Von den drei Anforderungsbereichen I, II und III seien bei einem Prüfungsfach auf erhöhtem Niveau die gehobeneren Anforderungsbereiche II und III stärker zu akzentuieren. Aber nur in der ersten Abituraufgabe, die Anfang Mai vorgelegt werden sollte, war laut Assing Stufe III stärker vertreten als Stufe I.

Assing stellt heraus: Diese Aufgabe sei die einzige gewesen, die über Berlin hinaus mit anderen Ländern abgesprochen war, so dass Brandenburg keine freie Hand für Niveausenkung besaß. „Doch selbst hier wird durch einen unvorhergesehenen Zwischenfall deutlich, dass Brandenburg jede Möglichkeit nutzte, am Niveau erleichternd zu drehen“, schreibt er an den Bildungsausschuss. Wie berichtet, wurde nach einem Einbruch in ein Gymnasium in Niedersachen auch in Brandenburg vorsorglich eine Teilaufgabe ausgetauscht, da nicht ausgeschlossen werden konnte, dass Prüfungsaufgaben vorzeitig bekannt geworden seien.

Der Landtag befasst sich mit der Angelegenheit

Die Ersatzaufgabe führte zu „gemäßigteren Proportionen“ bei den Anforderungsbereichen. Die ursprüngliche Aufgabe, sagt Assing, war also leichter. „Man darf deshalb getrost den Wahrscheinlichkeitsschluss wagen, dass Brandenburg die Stufe I noch mehr begünstigt hätte, wenn das Land von Anfang an alle Aufgaben allein konzipiert hätte“, resümiert der Logiker.

Das Bildungsministerium äußert sich nicht zu den Vorwürfen. Assing habe sich nicht nur an den Bildungs- sondern auch an den Petitionsausschuss gewandt, so Sprecher Ralph Kotsch: „Damit ist jetzt der Landtag mit der Angelegenheit befasst. Der Petitionsausschuss wird Herrn Assing antworten.“ Das Ministerium arbeite dem Landtag aber zu.

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HINTERGRUND: 11 000 Abiturienten

Im Land Brandenburg haben in diesem Jahr knapp 11 000 Schüler die schriftlichen Abiturprüfungen abgelegt. Damit treten fast 800 Abiturienten mehr als im Vorjahr für die Abschlussprüfungen zur Hochschulreife an, wie der Sprecher des Bildungsministeriums, Ralph Kotsch, am Donnerstag mitteilte. Die schriftlichen Prüfungen starteten am 20. April mit den Tests in Englisch. Die letzte Prüfung wurde vergangenen Dienstag geschrieben. Ab 15. Mai laufen die mündlichen Prüfungen.

Abi-Zeugnisse gibt es bis spätestens Ende Juni.

Brandenburg nutzt in den Fächern Mathematik, Englisch und Deutsch einen Aufgabenpool, der mit sieben weiteren Bundesländern entwickelt wurde. Die Prüfungen in diesen Fächern laufen in den acht Bundesländern jeweils am selben Tag.

Im Vorjahr erreichten 233 Brandenburger beim Abitur die Abschlussnote 1,0 – ein Rekordwert. Damit erhielten die Bestnote rund 2,4 Prozent aller 9656 Prüflinge. 

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