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  • 05.04.2018
  • von Susanne Vieth-Entus

Erstklässler ohne Deutschkenntnisse: Kitapflicht wird in Berlin weitgehend ignoriert

von Susanne Vieth-Entus

Wäscheklammern mit den Namen von Kita-Kindern Foto: dpa/Uwe Zucchi

Berliner Kinder mit Sprachproblemen müssen in die Kita. Doch die Pflicht wird kaum umgesetzt, Kinder werden ohne Deutschkenntnisse eingeschult. Die CDU spricht von "Staatsversagen".

Sie bereiten den Grundschulen die größten Probleme und haben die schlechtesten Chancen auf eine erfolgreiche Schullaufbahn: Kinder, die ohne Deutschkenntnisse eingeschult werden. Nun stellt sich heraus, dass die eigens für diese Gruppe eingeführte 18-monatige Kitapflicht nicht umgesetzt wird: Fast 90 Prozent der betroffenen Kinder bleiben bis zur Einschulung zu Hause. Dies belegen aktuelle Zahlen der Senatsverwaltung für Bildung, die dem Tagesspiegel vorliegen.

Welche Rolle spielt der Kitaplatzmangel?

Demnach geht es um eine Gruppe von rund 2000 Familien, die angeschrieben wurden, weil ihre Kinder keine Kita besuchen. Nur 650 dieser Kinder nahmen am verpflichtenden Sprachtest teil, den 470 nicht bestanden. Von diesen 470 landeten aber nur 50 in der Kita. Ob die anderen Eltern sich den Aufforderungen der Schul- und Jugendämter entzogen oder ob die Ämter mangels personeller Kapazitäten oder mangels Kitaplätze nichts ausrichten konnten, ist unklar. Auch über etwaige Bußgelder in diesem Zusammenhang fehlt eine berlinweite Übersicht. Unklar blieb ebenso, wie mit den 1350 Kindern verfahren wird, die noch nicht einmal zum Sprachkurs erschienen waren.

„Das Problem wird von unserer Seite immer wieder thematisiert“, hieß es am Mittwoch aus der Bildungsverwaltung: „Sprache ist der Schlüssel zur Bildung und damit für Chancengleichheit und Teilhabe. Gerade Kinder mit Sprachförderbedarf müssen eine Kita besuchen können. Es ist völlig inakzeptabel, wenn dies nicht geschieht“, sagte Bildungs- und Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD). Es handele sich um eine „eindeutige gesetzliche Verpflichtung“. Dieser müssten die Ämter und „natürlich auch die Eltern“ nachkommen: „Die Bezirke können Bußgelder verhängen, wenn Eltern sich sträuben“, betonte Scheeres. Sie verwies zudem auf eine bereits erfolgte Änderung des Kitagesetzes. Demnach könnten die Bezirke mit den Kita-Eigenbetrieben Vereinbarungen schließen, damit sie ein Erstzugriffsrecht auf eine bestimmte Anzahl von Plätzen haben.

"Nicht immer die Schuld auf die Bezirke schieben"

„Die Senatorin soll endlich zugeben, dass wir ein Problem haben und nicht immer die Schuld auf die Bezirke schieben“, ärgerte sich die jugendpolitische Sprecherin der Linkspartei, Katrin Seidel. Ihre Amtskollegin von der SPD, Melanie Kühnemann, sagte, dass sie aus ihrer Erfahrung als Lehrerin wisse, dass die betreffenden Kinder, die ohne Deutschkenntnisse in die Schule kämen, diese Defizite „nicht mehr aufholen können“.

Die CDU-Bildungspolitikerin Hildegard Bentele sprach am Mittwoch von „Staatsversagen“. Sie erinnerte daran, dass die Kitapflicht für diese Kinder extra von 15 auf 25 Stunden pro Woche und von zwölf auf 18 Monate ausgedehnt wurde. Falls die Anwendung des Gesetzes am Kitamangel scheitere, müssten die Kinder eben nachmittags in Grundschulen gefördert werden: „Die Schulen haben ein Interesse daran, dass die Kinder mit besseren Sprachkenntnissen eingeschult werden“, argumentiert Bentele, die sich für die Wiedereinführung der Vorklassen stark macht. Es könne nicht sein, dass „diese Kinder durch den Rost fallen".

Oberste Priorität: Mehr Geld für Erzieher

Marianne Burkert-Eulitz von den Grünen erinnerte daran, dass ihre Fraktion damals bei der Einführung gegen die "Kitapflicht durch die Hintertür" war. Aber sie betont, es gehe nicht an, dass ein Gesetz einfach nicht umgesetzt werde. Im Hinblick darauf, dass der Mangel an Kitaplätzen die Unterbringung der zu fördernden Kinder zusätzlich erschwert, sagte Burkert-Eulitz, die oberste Priorität müsse jetzt die bessere Bezahlung der Erzieherkräfte haben.

Die meisten Nicht-Kita-Kinder in Neukölln

Das Problem, dass die bestehende Kitapflicht für diese Risikogruppe nicht umgesetzt wird, ist nicht neu: Schon im Vorjahr landete kaum ein Nicht-Kita-Kind mit festgestelltem Förderbedarf in der Kita. Zudem steigt unter den Kindern, die keine Kita besuchen, der Anteil jener, die kein Deutsch können. Diese Tendenz betrifft alle Bezirke, wobei dieses Jahr aus Steglitz-Zehlendorf kein Kind dabei war. Auch in Charlottenburg-Wilmersdorf spielt das Problem kaum eine Rolle. Die meisten Nicht-Kita-Kinder gibt es in Neukölln gefolgt von Spandau, Reinickendorf, Mitte und Tempelhof-Schöneberg.

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