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  • 05.04.2018
  • von Marius Buhl

Heinz Beinert (Geb. 1929): Immer politisierend, immer dagegen

von Marius Buhl

Landeseigener Friedhof Biesdorf an der Straße Alt-Biesdorf. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Er hätte einen Wahlkreis haben können, sichere Nummer. Aber sicheren Nummern misstraute Heinz Beinert. Ein Nachruf.

Mund halten? War nie eine Option. Dabei haben sie ihn darum gebeten, die Frau und die Tochter: Micky, dieses Mal nur, still sein bitte und einfach weiterfahren. An der Grenze nach West-Berlin war das, Transitverkehr. Der DDR-Grenzer winkte den Wagen rechts ran, Micky kurbelte das Fenster runter, Hallo allerseits, er zeigte auf ein Schild am Straßenrand. Dort stand: „Die DDR ist ein Hort des Friedens und der Freiheit.“ Also Micky zum Grenzer: Das Schild gefällt mir. Aber schreiben Sie noch drunter: Durchgehend geöffnet!

Micky Beinert. Eigentlich Heinz, aber so nannte ihn keiner. Warum Micky? Weiß niemand mehr, aber es passte: 1,58 Meter groß, in Kreuzberg geboren, immer politisierend, immer dagegen, meist lächelnd.

1943, er war 14 und Lehrling an einer Tankstelle am Hackeschen Markt. Ein Gestapo-Transporter fuhr auf den Hof, brauchte Gas. Haben Sie welches? Mickys Meister sagte Nein, dabei hatte er noch Flaschen im Lager. Warum?, fragte Micky später. Für die nicht, sagte der Meister. So lernte Micky Widerstand.

Zwei Jahre später, der Kanonendonner über Berlin war gerade verstummt, überall Trümmer, Staub, Angst, die Kameraden tot, nur keinem Rotarmisten in die Hände fallen. Einer packte Micky, ein baumlanger Kerl. Nahm ihm das Gewehr von der Schulter, sagte: Kleiner Kamerad, geh nach Hause zu Mutter, Krieg kaputt. So lernte Micky Großmut.

War das ein Querulant?

Aufbegehren und verzeihen. Wer beides kann, strebt nach Gerechtigkeit. Micky Beinert bis an sein Lebensende.

Nach dem Krieg ging er nach Aachen. Ein Freund hatte geschrieben, dass man da Geld verdienen konnte, wenn auch nicht viel. Er trug Steinkohle ab – und fand, dass alle hier mehr Geld verdienen müssten. Was er selbstverständlich auch laut sagte. Die Zechenleitung drohte, ihn zu entlassen.

In der SPD war er da schon. Nun trat er den Falken bei, der sozialistischen Jugend Deutschlands. Später, in Köln, wurde er bei denen Jugendsekretär. Wenn du was ändern willst, fang mit den Jungen an; die sind die Zukunft. In den späten 50ern fuhr er mit ihnen in die KZ-Gedenkstätten von Auschwitz und Struthof. Organisierte Zeltlager mit 2000 Jugendlichen in der westdeutschen Pampa. Beherbergte einen Widerstandskämpfer des algerischen Unabhängigkeitskriegs und demonstrierte Ostern 1961 gegen die atomare Aufrüstung. Gegen die USA war er sowieso. Er plakatierte gegen den Irakkrieg, da war er über 60.

Anti-Stalinismus, Anti-Imperialismus, Anti-Revisionismus … War das ein Querulant? Es näherte sich ihm ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes und beklagte sich, Micky Beinert politisch nicht einordnen zu können, offensichtlich stehe er, obwohl SPD-Mitglied, in Opposition zur aktuellen Parteilinie. Ein Moskowiter sei er aber auch nicht. Sind Sie vielleicht eine Art Nationalkommunist? Mir können Sie vertrauen, ich bin auch Sozialist. Darauf Micky Beinert: Vielleicht eine Art Nationalsozialist? Ein Witz, der den braven Verfassungsschützer etwas überforderte.

Der Sohn Willy Brandts war ein Weggefährte

Es gibt diesen Satz, er wird mal Winston Churchill, mal George Clemenceau zugeschrieben: Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn. Ein paar Tage vor seinem 40. Geburtstag fuhr Micky mit Rudi Dutschke nach Wanne-Eickel, wo Dutschke mit Johannes Rau von der SPD auf einer Bühne diskutieren sollte. Rau war ihnen natürlich entschieden zu konservativ. Weil Dutschke in seinen Bergarbeiterklamotten aber arg schmuddelig aussah, lieh Micky ihm seinen blauen Anzug. Dutschke schlug sich bestens, der Anzug strahlte. Micky notierte: Nur meine Falken-Kollegen schauten mich ob meiner Kleidung komisch an.

Peter Brandt, der Sohn Willy Brandts, war ein Weggefährte. Gefragt, wofür sie beide eigentlich stehen, sprach Brandt von einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Demokratischer Sozialismus, nannte Micky Beinert das. Sie waren in den späten 60ern beide im Netzwerk aktiv, der Vierten Internationale, und bezeichneten sich als Trotzkisten. Auch Hans-Jürgen Wischnewski war dabei, der später als Sonderbeauftragter Helmut Schmidts Karriere machen sollte und Micky einmal ein Bundestagsmandat vermachen wollte. Ich hätte einen Wahlkreis für dich, sichere Nummer, sagte Wischnewski. Sicheren Nummern misstraute Micky Beinert und lehnte ab.

Er ging stattdessen nach Berlin und wurde Presse- und Bildungsreferent beim Landesjugendring, Redakteur bei der Jugendzeitschrift „Blickpunkt“, Mitarbeiter der Berliner Senatsverwaltung für Familie, Jugend und Sport. Eine CDU-Politikerin sagte, dass sie nicht wisse, ob es gut sei, dass Micky diese Stelle bekomme: Da könnten Sie wirklich was bewegen… Er gründete den JugendKulturService und leitete ihn 17 Jahre lang als ehrenamtlicher Geschäftsführer, da war er schon in Rente. Die Förderung der Besuche in den Berliner Kinder- und Jugendtheatern lag ihm dabei besonders am Herzen. Er überlegte lange, ob er das Bundesverdienstkreuz für sein ehrenamtliches Engagement akzeptieren sollte – und nahm es an im Namen des Teams.

Er war ein anstrengender aber guter Vater

Ein paar Jahre vor seinem Tod schrieb er ein Word-Dokument, „stationen seines Lebens.doc“. Am Ende steht da: „Als ich die vielen Seiten noch mal durchgelesen hatte, fiel mir auf, dass die Leserin und der Leser – falls es überhaupt gelesen wird – auf den Gedanken kommen könnten, dass mein Leben ausschließlich aus Beruf und Politik bestand. Nein, so war das nicht. Ich habe 1955 geheiratet, 1956 kam unsere Tochter Monika zu Welt, mit ihr und ihren zwei Kindern, Felix und Laura Luise, habe ich ständigen Kontakt.“

Tochter Monika erinnert sich an einen Vater, mit dem Spazierengehen unmöglich war. Er hatte es immer eilig und rannte voraus. Er würde am liebsten mit dem Auto zur Toilette, damit’s schneller geht, sagte ihre Mutter. Ein etwas anstrengender Vater, aber ein guter. Als der Lehrer anrief, weil Monika im Unterricht heimlich die St.Pauli-Nachrichten gelesen hatte, sollte er seine Tochter zurechtweisen. Er sagte: Na und?

So gelassen war er nicht in jeder Hinsicht. Als ihn mal ein Springer-Mitarbeiter zum Whisky ins 17. Stockwerk des Springer-Hochhauses einlud mit den Worten: Wir haben uns doch lange genug bekriegt, lehnte Micky Beinert ab. Er sagte, er leide an Höhenangst.

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