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  • 13.02.2018
  • von Tatjana Wulfert

Brigitte Opialla (Geb. 1931)

von Tatjana Wulfert

„Ich möchte das Besondere. Das ist mir schön“.

Stille im Studio. Günther Jauch stellt die Millionenfrage: „Auf welchen Namen wird Schillers Glocke am Ende des Gedichtes getauft? A: Harmonia, B: Borussia, C: Concordia, D: Victoria.“ Der Kandidat guckt konzentriert auf den Bildschirm vor sich, er beginnt zu reden, irgendetwas. Harmonia? Victoria? Er weiß es nicht. In diesem Moment klingelt es an einer Berliner Wohnungstür. Ein Zwölfjähriger öffnet. „Oma“, ruft er fiebrig in den Hausflur, „weißt du, wie die Glocke bei Schiller heißt?“ Oma, noch nicht einen Fuß über der Schwelle, streicht sich eine blondierte Locke aus dem Gesicht und sagt: „Na Concordia. Warum fragst du, mein Junge?“

Concordia, die Eintracht. Eintracht zwischen den Menschen zu stiften, gehörte nicht zu ihren ausgeprägtesten Talenten. Dass jedoch das Wort Concordia in Strophe 18, im Vers 394 der Ballade auftaucht, hätte sie mit Leichtigkeit hinzufügen können. Selbstverständlich war sie imstande, das gesamte „Lied von der Glocke“ fehlerfrei herzusagen, wie Bürgers „Lenore“ und Goethes „Zauberlehrling“ sowieso. Ein Minimum an Bildung ist doch wohl zu erwarten. Lücken in der Bildung tadelte sie. Was amüsant sein konnte. Fiel der Tadel aber auf ihre vier Kinder, was nicht nur sporadisch vorkam, amüsierten die sich weniger. Zwietracht entstand dann unter ihnen, denn Brigitte verstand es vortrefflich, die Kenntnisse des einen mit denen des anderen zu vergleichen, was naturgemäß zu Schieflagen führte.

Doch wussten die Kinder auch, wie sehr ihre Mutter sich ein Kulturleben gewünscht hatte, wie lange sie dieses Kulturleben nicht hatte führen können. Vor dem Krieg war sie eine kleine Prinzessin gewesen, behütet, betucht. Der Vater Architekt und Besitzer einer Kiesgrube. Im Haus im märkischen Müncheberg gab es Kühlschrank und Telefon, vom Hof der Großeltern Erdbeeren, Spargel und fette Gänse. Während des Krieges die Flucht, nach dem Krieg der Vater in Gefangenschaft, die Mutter 1946 tot. Ohne Eltern, ohne die Wärme, ohne das sanfte Drängen zur Entfaltung. Immerhin, hungern wie die meisten, musste sie nicht, der Hof der Großeltern warf genug ab. Doch ihre Sehnsucht nach einem flirrenden Bohèmeleben und nach Intellektualität wuchs. In einem Schrank der Großmutter fand sie blauen, samtenen Stoff und machte sich mit dem Bündel auf den Weg nach Berlin, 50 Kilometer zu Fuß, um sich einen Glockenrock schneidern zu lassen, einen Rock, der empor wirbelt, wenn man sich dreht, den Schauspielerinnen tragen auf Filmpremieren. Schauspielerin werden, davon träumte sie, wie Zarah Leander oder Tilla Durieux. Mit 17 verließ sie Müncheberg.

Und lief ins Theater, in die Oper, zu Vorträgen. Über Kant und Hegel etwa, gehalten von Herrn Opialla, 32 Jahre älter, aber so enorm gebildet. Mit ihm konnte man im „Faust“ schwelgen. Das, was da erzählt wurde, war ihnen wohl vertraut, er der ergraute Heinrich, sie das kindliche Gretchen. Wenn auch ihre Geschichte nicht ganz so tragisch endete. Sie wurde schwanger, ein erstes, ein zweites, drittes, viertes Mal. Der Schauspielertraum war damit passé.

Die kleine, bürgerliche Familienexistenz hat sich Brigitte nie erträumt. Dann starb Herr Opialla, und sie war eine junge Witwe mit kaum einem Pfennig. Als sie einmal dem Postboten öffnete, fragte der: „Ist deine Mutti zu Hause?“ Da fuhr sie ihn an: „Ich habe schon vier Kinder!“

Doch vergrub sie sich nicht in Fatalismus, sondern begann ein neues Leben, ein zweites. Sie wurde Krankenschwester, dann Medizinisch Technische Assistentin, dann Pharmareferentin. Was ihr auf eine verkleinerte Weise die lang vermisste Bühne bot: in eine Arztpraxis schreiten im adretten Kostüm, tipptopp frisiert, einen schönen guten Tag, Herr Doktor, ihre Patienten waren zufrieden mit dem letzten Medikament, ausgezeichnet, ja, der Puccini gestern, außerordentlich gelungen, der Rodolfo, sein hohes C, imponierend, eine Tasse Tee, sehr gern.

Wenn sie von der Arbeit kam, nahm sie ein Bad, machte sich die Haare, wählte ein Kleid aus dem sieben Meter langen Schrank, die passenden Schuhe unter den 100 Paaren, die farblich abgestimmte Handtasche von den 60, schwang sich in ihren BMW und rauschte in die Deutsche Oper. Sie ging die Kontaktanzeigen der „Zeit“ durch, Herren mit einem „von“ im oder einem „Prof.“ vor dem Namen erregten ihre Aufmerksamkeit in besonderem Maße, sie schrieb einen Brief, legte ein Foto bei, erhielt stets Antwort und ging auf die eine oder andere gern ein. Sie hörte Schumann und Bach. Kaufte sachkundig Porzellan, Teppiche und Schmuck und kommentierte ihre Erwerbungen mit den Worten: „Ich möchte das Besondere. Das ist mir schön.“ Sie schrieb sich an der Senioren-Uni der FU für Altertumsforschung ein und nahm an einer Ausgrabungsexkursion durch Mesopotamien teil.

Es gibt ein Foto von Brigitte, darauf sitzt sie, Mitte 60, irgendwo in der vorderasiatischen Wüste, in einem kirschroten Kleid, die blonden Locken sorgfältig gelegt, inmitten einer Runde syrischer Männer, die Männer wenden ihr ihre Gesichter zu, und sie schaut schön und stolz zurück.

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