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  • 15.02.2018
  • von Nicola Kuhn

Koloniale Raubkunst: Berlins verfluchte Schätze

von Nicola Kuhn

Der Gedenkkopf einer Königinmutter, erbeutet im 16. Jahrhundert aus dem Königreich Benin (Nigeria). Foto: Staatliche Museen zu Berlin/David von Becker

Es wurde betrogen, gestohlen, gemordet – an vielen Kunstwerken in Berliner Museen klebt Blut. Forscher müssen sich fragen: Dürfen sie noch hierbleiben?

Stolz steht das Haupt der Königinmutter in der Vitrine. Vom Licht der Galeriefenster des Bode-Museums umspielt, wirkt sie größer, mächtiger als sie mit ihren 51 Zentimetern vom Sockel bis zur Spitze ihrer gewölbten Krone tatsächlich ist. Vermutlich stellt die Büste Idia dar, die Mutter von Oba Isgle, einem Herrscher des Königreichs Benin im 16. Jahrhundert.

Die Monarchin aus Afrika steht inmitten der italienischen Renaissance: zur Überraschung der Besucher, von denen die wenigsten wissen, welche Tragödie sich mit dem Kunstwerk verbindet. Vis-à-vis von ihr befindet sich das marmorne „Bildnis einer jungen Dame“ von da Settignano.

Die beiden Büsten bilden ein Paar in der Ausstellung „Unvergleichlich: Kunst aus Afrika im Bode-Museum“. Es ist ein Vorspiel für das Humboldt Forum, das Ende 2019 im wieder errichteten Stadtschloss eröffnet. Der Bund finanziert den 600 Millionen Euro teuren Bau.

Mit dem Ethnologischen Museum zieht außerdem das Museum für Asiatische Kunst ein, das Stadtmuseum wird eine Berlin-Ausstellung, die Humboldt-Universität ein Wissenslabor präsentieren. Damit die Schätze der Museen, die Anfang 2016 für den Umzug von Dahlem nach Mitte schließen mussten, nicht in Vergessenheit geraten, sind ihre Highlights bis dahin verteilt in anderen Museen der Stadt zu sehen.

Die koloniale Geschichte holt das Museum ein

Die Ausstellung im Bode-Museum ist zugleich ein Probelauf, wie das Ethnologische Museum seine heiklen Stücke im Humboldt Forum zu präsentieren, mit dem kolonialen Erbe umzugehen gedenkt. Größter Streitpunkt sind die sogenannten Benin-Bronzen, Gedenkköpfe aus Messing, dazu Reliefplatten und Figurengruppen, geschnitztes Elfenbein. Zu Hunderten wurden sie von britischen Truppen 1897 bei der Plünderung des Palastes vom Königreich Benin erbeutet und nach London gebracht, wo sie im Handel landeten.

Auch Idia, die Königinmutter aus dem Bode-Museum, gehört dazu. Museen kauften die Raubkunst, ein Großteil ging nach Berlin. Wie kompliziert die Hintergründe sind, welche Ansprüche eigentlich bestehen, davon erfährt der Besucher wenig. Nur knapp wird auf der Texttafel angerissen, dass die Schöne aus Benin einst einen Gedenkaltar im königlichen Palast schmückte und 1901 im Auktionshaus J.C. Stevens ersteigert wurde. Der Katalog wird erst auf den hinteren Seiten ausführlicher.

Umso näher die Eröffnung des Humboldt Forums rückt, umso dringlicher wird eine Neuausrichtung der Ethnologischen Sammlungen gefordert. Nicht nur Experten hinterfragen die einst mit Besitzerstolz gezeigten Schätze, deren Großteil vor über 100 Jahren erworben wurde. Woher stammen die Federmasken, Perlenthrone, Flechtkörbe? Wie gelangten sie ins Museum? War Gewalt im Spiel? Und: Gehören sie dann noch uns?

Macrons aufsehenerregender Vorschlag

Berlin will mit dem Humboldt Forum so etwas wie ein Kompass sein für das globale Miteinander. Seine Kapitäne befinden sich allerdings auf hoher See, seit der französische Präsident Macron im November 2017 in Burkina Faso eine aufsehenerregende Rede hielt, in der er die Rückgabe afrikanischer Kunst innerhalb von fünf Jahren ankündigte.

Die französischen Museen sichten nun ihre Bestände. Mit einem einzigen Auftritt stellte Macron in Aussicht, was Jahrzehnte undenkbar schien, ja von den Herkunftsländern so rigoros nie gefordert wurde. Für die europäischen Museen ändert das die Sicht auf ihr Gut. Wenn Frankreich den ersten Schritt tut, müsste das auch Konsequenzen haben für die anderen einstigen Kolonialmächte Europas, für England, Deutschland, Belgien.

Wenige Wochen später erreichte Angela Merkel ein offener Brief von über 40 Initiativgruppen, darunter Amnesty-Gruppen, das Eine-Welt-Netz, die Darfur-Hilfe, die von der Bundeskanzlerin einen ähnlichen Vorstoß wie von Macron forderten. Deutschland komme in dieser Situation eine Schlüsselrolle zu, heißt es darin.

In der Hauptstadt Berlin fand 1884/85 die berüchtigte Afrika- und Kongo-Konferenz statt, bei der die Aufteilung des Kontinents unter den Kolonialmächten ausgehandelt wurde – „die Voraussetzung für die systematische Aneignung von afrikanischen Kulturobjekten und sterblichen Überresten“.

Zu den Unterzeichnern gehört auch Christian Kopp vom Verein Berlin Postkolonial. „Man kann jetzt nicht schweigen zu Macron“, sagt er verärgert darüber, dass die erste Reaktion der Museen darin besteht, eine internationale Konferenz bilden zu wollen, um die nächsten Schritte gemeinsam zu beraten. „Das ist doch wieder eine Kolonialstrategie“, sagt Kopp. „Man setzt sich zusammen und plant, wie mit Afrika umgegangen werden soll.“

"Ich will wissen, wie viel Blut von einem Kunstwerk tropft"

Ein Vorbeben zu dieser Debatte hatte man in Berlin bereits im Sommer 2017 erlebt. Die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy trat aus dem internationalen Beratergremium des Humboldt Forums aus mit dem Vorwurf, es werde nicht genug getan für Provenienzforschung: die Klärung, woher ein Stück kommt.

„Ich will wissen, wie viel Blut von einem Kunstwerk tropft“, erklärte die Berliner Wissenschaftlerin. Viele Kuratoren am Ethnologischen Museum empfanden diese Kritik als überzogen. Die Provenienzforschung steht am Beginn der Arbeit zu jedem Objekt.

Doch die Museen kommen nicht hinterher. Noch immer lagern in den Dahlemer Depots zigtausende Stücke, deren Herkunft ungeklärt ist, darunter rund 50 Kisten, die nach dem Mauerfall 1991/92 aus Leipzig nach Berlin rücküberführt wurden und deren Inhalt bislang nicht identifiziert ist. Das Ethnologische Museum hütet 500 000 Objekte.

„Man soll nicht so tun, als wäre alles zusammengeklaut“, verteidigt Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und zusammen mit Neil MacGregor sowie Horst Bredekamp Gründungsintendant des Humboldt Forums, die Bestände. Er fordert vom Bund mehr Geld für Recherchen, für gemeinsame Forschungsprojekte mit den Herkunftsländern.

In Dahlem ließen sich über Jahrzehnte die Südseeboote, Totempfähle, Gemeinschaftshäuser fast sorglos genießen. Das Museum lieferte die Storys zu den exotischen Exponaten, der koloniale Hintergrund spielte eine untergeordnete Rolle.

Das Interesse der Ethnologen an der materiellen Kultur ist erst in den letzten Jahren wieder erwacht, nachdem lange die Feldforschung dominierte, beschreibt Felicity Bodenstein, die an der Technischen Universität zu Benin-Bronzen arbeitet, die Veränderungen in ihrem Fach. Die massenhaften Erwerbungen aus kolonialer Zeit verloren ihren wissenschaftlichen Stellenwert.

Heute versuchen die Museen die Zusammenhänge neu herzustellen, damit sich auch die Menschen der Herkunftsländer in den Ausstellungen wiederfinden. Der respektvolle Umgang wird auch im Humboldt Forum neu eingeübt, wozu gehört, die Ausstellungen zusammen zu konzipieren.

Im Vergleich zu Frankreich und England gibt die kürzlich von Paris nach Berlin gewechselte Ethnologin den deutschen Kollegen sogar gute Noten in Provenienzforschung: „In Deutschland gibt es eine größere Sensibilität durch die NS-Geschichte.“ Für das Humboldt Forum aber drängt die Zeit. Der Fluch, der auf Berlins Schätzen lastet, soll sich bis zur Eröffnung verflüchtigt haben.


Geraubt: Die Amulettschale

Woher? Südlicher Teil des heutigen Tansania

Wer war der Vorbesitzer? Hassan bin Omari, Sklavenhändler und Warlord

Von wem erworben? Leutnant Hans Glauning

Wann nach Berlin gekommen? 1896.

Es war ihr dann doch etwas unheimlich, als die mysteriöse Inschrift endlich übersetzt war. Paola Ivanov ist die Kuratorin der Afrika-Sammlung des Ethnologischen Museums und als solche zuständig für eine Metallschale aus dem tansanischen Kilwa. Sie wusste, dass die Schale einst dem Sklaven- und Elfenbeinhändler Hassan bin Omari gehört hatte, der von deutschen Truppen 1895 gehängt wurde.

Was es damit auf sich hatte, wusste sie nicht. In der Eingangskarteikarte des Museums hatte noch gestanden „Gongartiges Musikinstrument aus Messing mit anscheinend sinnlosen Zauberformeln in arabischer Schrift“.

Nun fanden muslimische Gelehrte heraus, dass es sich bei der Inschrift um eine Koransure handelt. Sie lautet: „(Doch) die große Masse wird geschlagen werden, und sie werden den Rücken kehren (und fliehen). Die Stunde (des Gerichts) ist die Zeit, die ihnen gesetzt ist. Und die Stunde (des Gerichts) ist noch unheilvoller und bitterer.“

Mehr als 100 Jahre lag die Schale vergessen im Depot des Berliner Museums. Paola Ivanov hat sie zufällig entdeckt, weil sie auf der Suche nach Beispielen für internationale Handelsbeziehungen mit Ostafrika war. Genauer: nach importierten Waffen – und so auf das „Kriegsblech“ gestoßen war. Produziert wurde die Schale vermutlich in Indien.

"Rassistisches Stereotyp"

„Afrika war nie isoliert in Zeit und Raum. Das ist ein rassistisches Stereotyp“, sagt die Ethnologin. Zusammen mit anderen Beutestücken aus den Mavuji-Höhlen, wo sich der mächtige Händler bin Omari mit seinen Truppen zuletzt vergeblich zu verstecken suchte, war die Schale nach Berlin abtransportiert worden. Zuvor hatten die deutschen Truppen noch seine umliegenden Dörfer niedergebrannt.

Die einem Fluch ähnelnden Koranverse hatten bin Omari nicht schützen können. Doch nun sind sie wieder in der Welt.

Ivanovs Interesse jedenfalls war geweckt, und aus der Schale wurde ein hoch kompliziertes Stück Provenienzforschung. Die Fortschritte werden im Projekt „Tansania/Deutschland: Geteilte Objektgeschichten?“ dokumentiert, an dem auch Wissenschaftler der Universität Daressalaam beteiligt sind.

Mit ihrer Kollegin Lili Reyels machte sich Ivanov dafür auf den Weg nach Tansania, um mit Forschern, Ortsbewohnern, sogar einer Ururururenkelin bin Omaris zu sprechen. In Kilwa stießen sie auf einen Ort namens „Mangobaum des Henkers“, genau dort, wo bin Omari gehängt worden war. Bin Omari hatte sich gegen den Vormarsch der Deutschen gewehrt, weil er um seine eigenen Karawanenrouten fürchtete. Dass er neben Elfenbein auch mit Sklaven handelte, diente Gouverneur Hermann von Wissmann als Vorwand für sein Todesurteil.

Heute steht dort ein Denkmal, das ihm und seinen Gefolgsleuten sowie den Opfern des Maji-Maji-Krieges gewidmet ist, der mit 300 000 Toten als einer größten Kolonialkriege auf dem Kontinent gilt. Zusammen mit tansanischen Künstlern und Mitarbeitern des Museum of Tanzania entwickelten Ivanov und Reyels vor Ort eine Ausstellung über die gemeinsame unheilvolle Geschichte. Im Humboldt Forum soll sie ihre Fortsetzung finden. Der Austausch fängt gerade erst an.


Geplündert: Die Grabbeigabe

Woher? Chenega-Island im Südwesten Alaskas

Vorbesitzer? Chugach, Einwohner der Region Kenai-Halbinsel und Prince William Sund

Von wem erworben? Johan Adrian Jacobsen

Wann nach Berlin gekommen? 1884.

Johan Adrian Jacobsen war wahrlich kein Wissenschaftler. Eher selbst ernannter Kapitän, ein Abenteurer. Aber einer mit offiziellem Auftrag: Adolf Bastian, Gründungsdirektor des Königlichen Museums für Völkerkunde, schickte den gebürtigen Norweger zwischen 1882 und 1884 an die Nordwestküste Amerikas, um dort Objekte von indigenen Kulturen für Berlin einzusammeln.

Und Jacobsen nahm mit, was er kriegen konnte. Plünderte sogar. Denn die Indianer und ihre Kultur, dachte man damals noch, seien ja ohnehin dem Untergang geweiht. Zumindest ihre Artefakte sollten in den europäischen Museen überleben.

Monika Zessnik, Kuratorin der Nordamerika-Sammlung, hat seine Methode analysiert. „Jacobsen hat auf Masse gesammelt“, sagt sie. Unter seinem Namen werden in den Eingangsbüchern mehr als 7000 Nummern geführt.

Die meisten Objekte mag der Haudegen gekauft haben, vermittelt durch Missionare und Handelsvertreter. Doch in seinem 1884 auf Deutsch erschienenen Reisebericht steht auch anderes. Darin brüstet er sich damit, wie er sich Grabbeigaben von der Chenega-Insel und dem heute unbekannten Ort Sanrada aneignete: indem er die Gräber aufbrach und plünderte, darunter drei Masken, eine Kinderwiege und ein Holz-Idol.

Die Masken wirken, als wären sie Helmträger. Unter dem tief über die Nase gezogenen Schutz fallen die schrägen Münder auf. Das könnte Trauer bedeuten, vermutet Monika Zessnik und legt das in der Mitte gebrochene Stück vorsichtig zurück in den Karton.

Keine genehmigte archäologische Grabung

Der Fall liegt klar, die Grabbeigaben sind Diebesgut. Oder, wie es die Preußenstiftung in ihrer Mitteilung Ende 2017 etwas umständlicher formulierte: Sie stammen aus keiner genehmigten archäologischen Grabung.

Erstmals in der Geschichte der Stiftung erklärte sie sich bereit, auf Bitten von Nachfahren Objekte aus den Ethnologischen Sammlungen zu restituieren. Im Jahr 2000 wurde zwar das 15 Kilo schwere Fragment einer steinernen Vogelskulptur aus Simbabwe als Dauerleihgabe zurückgegeben, doch nicht weil es unrechtmäßig erworben wurde, sondern weil es ein Wappentier des Landes ist.

Damals war es eine freundliche Geste, heute ist es ein offizieller Akt. 2015 hatte eine Delegation der Chugach Alaska Corporation erstmals Kontakt mit dem Museum aufgenommen. Die Vertreter der Native People der Chugach-Region befanden sich auf Europareise zu den verschiedenen Museen, um eine 3-D-Ausstellung ihrer verloren gegangenen Kultgegenstände zu erarbeiten. Dabei stießen sie auf die Raubstücke von Johan Adrian Jacobsen.

Zwei Jahre später, im Frühjahr 2017, lag die formelle Anfrage vor, im Dezember stimmte der Stiftungsrat zu. Diese Woche haben per Skype erste Gespräche darüber begonnen, wie die Übergabe der insgesamt neun Objekte erfolgen soll.

„Die Restitution ist kein Schlussstrich, sondern der Beginn einer Kooperation“, sagt Monika Zessnik. Ab Frühsommer werden die 200 Chugach-Objekte für das virtuelle Museum in Alaska eingescannt. Die Kuratorin schlägt vor, dass die Chugach-Präsentation – nachdem sie auf der Wechselausstellungsfläche im Humboldt Forum zu sehen war – auch in Alaska gezeigt werden könnte.

Gut möglich, dass es nicht die letzten Kunstgegenstände sind, die sich der Stamm der Chugach zurückholt. Seit der Ölkatastrophe vor mehr als 25 Jahren an der Küste Alaskas, dem Untergang des Tankers „Exxon Valdez“, besitzt die Chugach Alaska Corporation genügend Geld aus Wiedergutmachungszahlungen, um sich auf die Suche nach Kulturobjekten in Europa zu machen und sie in ihrer Heimat wieder in Erinnerung zu rufen.


Gekauft: Das Kriegertuch

Woher? Naga-Land im Nordosten Indiens

Wer waren die Vorbesitzer? Ao Naga, Volksgruppe im Nordosten von Naga-Land

Von wem erworben? Otto Ehrenfried Ehlers

Wann nach Berlin gekommen? 1896.

Wie viel für das Kriegertuch aus Naga-Land im Nordosten Indiens gezahlt wurde, ist nicht bekannt. Man darf aber annehmen: viel zu wenig. Auch von wem genau es stammt, lässt sich nicht mehr sagen. Die Eingangsbücher des Ethnologischen Museums verraten nur, dass es über den Forschungsreisenden Otto Ehrenfried Ehlers 1896 in die Berliner Sammlungen gelangte.

Vermutlich hat es der deutsche Forscher von dem britischen Teeplantagenbesitzer S. E. Peal übernommen, der gute Kontakte zum Bergvolk der Naga unterhalten haben soll, einer Minderheit, deren  Mitglieder in Dorfgemeinschaften zusammenlebten. Von dem Briten stammt noch so manch anderes Objekt in den Dahlemer Depots, Helme, Körbe, Ohrgehänge, die er im Auftrag der Museumsleute erwarb.

Trotzdem ist es merkwürdig, dass sich der ursprüngliche Besitzer von einem so prestigeträchtigen Zeremonialobjekt wie dem Kriegergewand getrennt haben soll. Schließlich erhielten dieses „Männertuch“, als das es heute eher neutral in der Online-Datenbank der Preußenstiftung geführt wird, nur erfolgreiche Kopfgeldjäger.

Zumindest aber muss man an einer solchen Jagd teilgenommen haben, glaubt der Ethnologe Roland Platz, der das 170 mal 145 Zentimeter große tiefblaue Baumwoll-Textil ins Zentrum seiner Präsentation über die Naga rücken will.

"Den kolonialen Hintergrund müssen wir mitdenken"

„Wir können ausschließen, dass es geraubt wurde“, sagt Platz, der Leiter der Sammlung Süd /Südostasien des Museums ist. „Den kolonialen Hintergrund aber müssen wir mitdenken.“ Als das Tuch den Naga Ende des 19. Jahrhunderts abgekauft wurde, lag die gewaltsame Unterwerfung durch die Briten zwar schon ein paar Jahrzehnte zurück, doch die Kolonialherrschaft endete erst 1947. Platz vermutet, dass das Tuch von einer christianisierten Familie stammt, die dem bei rituellen Tänzen getragenen Gewand keinen großen Wert mehr beimaß.

Über das aus Kaurischnecken gebildete Muster lässt sich ebenfalls nur spekulieren. Das Tuch wurde vermutlich so über die Schulter geschlagen, dass die Ecke mit der Darstellung einer kleinen menschlichen Figur vorne zu sehen war und die darunter befestigten Federn des heute fast ausgestorbenen Nashornvogels, der für die Naga besondere Bedeutung besaß, auf der Brust des Trägers lagen.

Das Berliner Kriegertuch der Naga ist ein Prachtstück seiner Art, in der Region gibt es heute keine mehr. Noch entwickelt Platz die Präsentation im Humboldt Forum – zusammen mit einer Fotokünstlerin und Wissenschaftlerin aus der Region als Co-Kuratorin.

Das Thema Kopfgeldjagd soll kleingehalten werden, den Berliner Ethnologen interessiert viel mehr, welche Bedeutung das Tuch aktuell für die Naga besitzt. Der ungebrochene Widerstandsgeist der Minderheit, die nunmehr gegen den indischen Staat opponiert, fasziniert ihn.

Als zwei Stammesvertreter ihn besuchten, war aber keine Rede davon, dass das Tuch zurückgegeben werden soll. Die beiden Naga freuten sich, das Stück in Berlin sicher zu wissen. Über die Art der Präsentation wollen sie jetzt allerdings mitreden.


Getauscht: Der Jaguarschemel

Woher? Mauakúnya, Venezuela

Vorbesitzer? Ye’kwana, indigener Volksstamm im Amazonsgebiet

Von wem erworben? Theodor Koch-Grünberg

Wann nach Berlin gekommen? 1914.

Der Jaguarschemel liegt schwer im Arm. Andrea Scholz nimmt ihn vorsichtig aus dem Regal der Südamerika-Abteilung im Dahlemer Depot. Gut zehn Kilogramm mögen es sein, die der gerade einmal 23 Zentimeter hohe und 66 Zentimeter breite Hocker aus dem besonders harten Tropenholz wiegt.

Wie zum Sprung bereit hat die Raubkatze ihre Vorder- und Hinterbeine gekrümmt, der Kopf ist nur grob abstrahiert dargestellt. Zu erkennen ist das Tier trotzdem. Einem Schamanen der Ye’kwana aus dem Amazonasgebiet im Süden Venezuelas hat er einstmals gehört. Der Sage nach konnte er sich in einen Jaguar verwandeln, wenn er darauf saß, und so die bösen Geister vertreiben, die die Dorfgemeinschaft bedrohten.

Der Schemel war ein Symbol der Macht des Schamanen. Ging dieses hohe Amt etwa aus Altersgründen auf den Nächsten im Stamm über, verlor auch das rituelle Möbel seine besondere Bedeutung. Jeder Geistheiler erhielt seinen eigenen hölzernen Sitz, der nur ihm gehörte und allein von ihm bei Ritualen benutzt werden durfte. Ein Tauschgeschäft Anfang des 20. Jahrhunderts brachte ihn nach Berlin.

Kein gewöhnliches Museumsstück

Der Berliner Jaguarschemel besitzt auch ein Jahrhundert später noch eine gewisse Macht. So unverstellt und gut sichtbar, wie ihn die Ethnologin Andrea Scholz in Händen hält und vorsichtig auf einem Tisch zwischen all den Schränken im Dahlemer Depot absetzt, wird er für die künftigen Besucher des Humboldt Forums nicht mehr zu sehen sein.

In Zusammenarbeit mit Vertretern der Ye’kwana hat die Wissenschaftlerin eine ungewöhnliche Präsentationsform erarbeitet, die den Schemel vor direkten Blicken schützen soll. Er wird nur noch vage hinter einer Folie zu erkennen sein, denn den Ye’kwana widerstrebt es, das frühere Kultobjekt wie ein gewöhnliches Museumsstück vorzuführen.

Im Gegenzug sprachen die Stammesvertreter erstaunlich offen darüber, wie sich aus ihrer Sicht der mystische Wandel des Schamanen in einen Jaguar erklären lässt und wollen dies dem Publikum nun näherbringen.

Der indigene Regisseur Saúl Kuyujani López wird dafür mit den Ye’kwana einen Film drehen, sogar Interviews führen mit einem direkten Nachfolger des Schamanen, von dem der Schemel stammt. Um den spirituellen Prozess anschaulich zu machen, werden sich die Genres mischen, soll ein Mix aus Dokumentations- und Animationsfilm entstehen.

"Beziehungsstiftendes Moment"

„Wir wollen Handlungsräume schaffen. Die Sammlung lässt sich nutzen als beziehungsstiftendes Moment“, sagt Andrea Scholz. Neben der Vitrine mit dem „verborgenen“ Schemel wird außerdem ein ausgestopfter Jaguar aus dem Naturkundemuseum aufgestellt, ein Tribut an die von Gründungsintendant Neil MacGregor gewünschte Einbeziehung der verschiedenen Sammlungen in der Stadt – auch wenn diese überdeutliche Anspielung der Kuratorin eigentlich nicht behagt.

Dass man heute noch den Vorbesitzer des Hockers kennt und deshalb mit seinem Nachfolger Kontakt aufnehmen kann, ist eine Ausnahme und dem Reisebericht von Theodor Koch-Grünberg zu verdanken. Er besuchte 1912 das Gebiet der Ye’kwana und hielt seine Erinnerungen fünf Jahre später unter dem Titel „Vom Roroima zum Orinoko“ fest.

Darin beschreibt er auch seinen Besuch im Dorf Mauakúnya, wo er sich länger aufhielt und „dem alten Zauberarzt“ begegnete. Und wie er an dessen Sitz kam: „Er macht mir seinen Abschiedsbesuch, verkauft mir für eine Schere seinen großen Jaguarschemel und für Schrot ein dickes Bündel Tabak und fährt mit seiner ganzen Familie unter Tuten auf einer Meerschnecke flußabwärts zu seiner Wohnung am oberen Ventuari.“


Geschenkt? Der Fächer des Oba

Woher? Königreich Benin im heutigen Nigeria

Wer war der Vorbesitzer? Oba Ovonramwen, 1888 bis 1897 Herrscher im Königreich Benin

Von wem erworben? Max von Stefenelli

Wann nach Berlin gekommen? 1908.

Wofür genau der Fächer verwendet wurde, wissen sie noch nicht. Ob er nun ein Ritualobjekt war oder ein persönliches Requisit? Sicher ist aber, dass er Oba Ovonramwen gehörte, dem einstigen Herrscher des Königreichs Benin. Denn das Leopardenfell, mit dem der Wedel überzogen ist, galt als Zeichen des Oba, ihm allein war die Verwendung vorbehalten.

Jonathan Fine hofft bis zur Eröffnung des Humboldt Forums noch mehr über den Fächer herauszufinden, der dort in der Afrika-Abteilung zu sehen sein wird. Für den Kurator des Ethnologischen Museums ist das mit roten Filzmotiven – zwei sechszackige Sterne und zwei Tiersymbole – geschmückte Stück vor allem ein Beleg, dass die Geschichte Benins sehr viel komplexer ist als häufig dargestellt. Und keineswegs mit der brutalen Eroberung des Königreichs durch die Briten im Jahr 1897 endet.

Damals plünderten englische Kolonialsoldaten im Zuge einer „Strafexpedition“ das Königshaus und ermordeten Hunderte  Männer und Frauen. Als Kriegsbeute ließen sie Elfenbein, Messingplatten und -köpfe mitgehen, mehr als 2000 Stück. Von London aus gelangten sie in den internationalen Handel.

Allein Felix von Luschan, Direktor der Afrika-Abteilung des Berliner Völkerkundemuseums, ersteigerte auf einer Auktion in London rund 600 Objekte. Unter den Museen begann ein regelrechter Wettstreit insbesondere um die herrschaftlichen Gedenkköpfe, die einst im königlichen Palast von Benin auf Altaren gestanden hatten. Zur Erinnerung an einen verstorbenen König.

Zerstörung eines Königreichs

Die sogenannten Benin-Bronzen – wo auch immer sie heute in den Museen stehen – sind also meist Raubkunst. Sie repräsentieren nicht nur eine Hochkultur, sondern zugleich das Unrecht, das den Menschen damals widerfuhr, die Zerstörung eines jahrhundertealten Königreichs.

Doch Jonathan Fine möchte die Geschichte weitererzählen. Sie setzt sich auch nach der Kolonialisierung durch die Briten fort. Der Leopardenfächer und einige andere Objekte wurden vom abgesetzten Oba, der im Exil weiter Hof hielt, selbst veräußert, 1904 oder 1905 dem deutschen Sammler Max von Stefenelli womöglich geschenkt. Der lieferte sie drei Jahre später beim Berliner Ethnologischen Museum ab, mit dem er ohnehin Geschäfte machte. Mehr als 160 Objekte kaufte das Museum ihm laut Bestandskatalog ab.

Besonders ist der Fall des Fächers in Jonathan Fines Augen vor allem, weil sich später ein Austausch mit dem Oba entwickelte. Direktor von Luschan bat seinen Mittelsmann Stefenelli, ein Interview mit dem Herrscher zu führen, um Auskunft über einzelne Objekte zu erhalten.

Stefenelli schickte sogar einen Bericht zurück nach Berlin, doch im Museum ist der heute nicht mehr aufzufinden. Fine hofft nun, dass er eines Tages wieder auftaucht – wie so manches in den vergangenen Jahren.

„Der Fächer wirft ein anderes Licht auf die Geschichte“, sagt Fine. „Der Oba schien offensichtlich an der Interpretation der Objekte und deren Geschichte interessiert gewesen zu sein.“ Für ihn demonstriert der Fächer, wie der Herrscher versuchte, mit seinen ihm verbliebenen Schätzen weiterhin selbstbestimmt umzugehen.

Der Fächer jedenfalls bleibt in Berlin. Dass Fine deswegen kolonialistisches Denken vorgeworfen wird, kränkt ihn als Sprecher der Provenienzforschungsgruppe, zu der neun Kuratoren, Museologen, Restauratoren gehören. Die Debatte um eine Rückgabe sei eher eine innereuropäische Diskussion, meint er. Und dass die afrikanischen Partner mal wieder zu wenig einbezogen würden.

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