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  • 03.01.2018
  • von Marion Kaufmann

Debatte nach tragischen Silvester-Unfällen: Kommunale Knallerei als Alternative

von Marion Kaufmann

Möglich, dass bei allen schlimmen Silvester-Unfällen in Brandenburg illegale Böller im Spiel waren. Foto: Sven Hoppe/dpa

Nach den tragischen Unfällen mit Feuerwerkskörpern zum Jahreswechsel wird in Brandenburg über eine Einschränkung privater Pyroshows und über härtere Sanktionen für den Kauf illegaler Polenböller debattiert.

Potsdam - „Zerfetzte Hände, abgerissene Finger“ – aus ihrer Zeit als Notärztin kennt Ursula Nonnemacher die schlimmen Folgen mancher Silvesterknallerei. „Da haben sich jedes Jahr dramatische Szenen in der Notaufnahme abgespielt“, sagt die innen- und kommunalpolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion in Brandenburg. Einmal habe sie einen Jugendlichen versorgen müssen, dem ein selbst gebauter Böller im Schoß explodiert sei. Dass nach den drei tragischen Böllerunfällen mit zwei Toten am Neujahrstag in Brandenburg nun über strengere Regeln beim Zünden von Feuerwerk gesprochen werde, begrüße sie deshalb sehr.

In den Zentren einiger Städten sind private Feuerwerke bereits verboten

„Die Diskussion ist angebracht“, sagt Nonnemacher. Ein grundsätzliches Böllerverbot wolle sie aber zunächst nicht fordern. Kommunen sollten vielmehr darüber nachdenken, ein zentrales Silvesterfeuerwerk zu veranstalten – um so private Pyroshows überflüssig zu machen. In Thüringen und Niedersachsen haben Kommunen mit einer Altstadt wie beispielsweise Weimar, Rudolfstadt oder Lüneburg das Abbrennen von Raketen in bestimmter Gebieten untersagt. Hintergrund ist dabei aber weniger der Schutz der Zuschauer als die Sorge um historische Gebäude.

Für Berlin hat der Linkspolitiker Hakan Tas schon vor den Unfällen in Brandenburg ein Böllerverbot gefordert. Er sagte dieser Zeitung, in der Innenstadt sollte man die Pyrotechnik auf genehmigte Shows unter professioneller Anleitung beschränken. Im Rest der Stadt sollten nur bestimmte Flächen für die Knallerei freigegeben werden. Ab 2020 sollte dann ein generelles Verbot gelten, so Tas.

Sein Brandenburger Parteikollege Hans-Jürgen Scharfenberg hält ein generelles Böllerverbot hingegen für „unrealistisch“. „Es gibt bereits rechtliche Vorschriften, die müssen eingehalten, Verstöße konsequent verfolgt werden“, sagt der innenpolitische Sprecher der Linksfraktion. Das Abbrennen von Silvesterfeuerwerk sei in Deutschland aber eine „tief verwurzelte Tradition“, für ein Knallerverbot würde sich aus seiner Sicht deshalb keine Mehrheit finden lassen.

Waren bei allen schlimmen Silvester-Unfällen illegale Böller im Spiel?

Die Unglücksfälle der Silvesternacht machten auf tragische Weise deutlich, „dass die Verwendung von sogenannten Polenböllern und selbstgebauten Sprengkörpern aus gutem Grund verboten ist“, sagt der parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Fraktion, Jan Redmann, den PNN. Es müssten Wege gefunden werden, dieses Verbot noch konsequenter durchzusetzen. „Den Ruf nach einem allgemeinen Feuerwerksverbot halte ich dagegen für kontraproduktiv“, so Redmann. „Es würde vermutlich das Interesse an illegalen Böllern sogar noch steigen.“

Bei allen schlimmen Unfällen in der Silvesternacht waren womöglich illegale Sprengkörper im Spiel. Nach dem Tod eines 19-Jährigen in Kleinmachnow (Potsdam-Mittelmark) ermittelt nun die Staatsanwaltschaft Potsdam wegen des Verdachts der Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion gegen eine männliche Person aus der 20-köpfigen Gruppe, die bei dem Unglück vor Ort war. „Die Ermittlungen sind aber erst am Anfang“, so Sprecherin Sigrid Komor. Ob der 19-Jährige den Sprengkörper, der ihn tödlich verletzte, selbst zündete oder ein anderer, sei noch unklar. Die Vernehmung der Zeugen könne einige Zeit in Anspruch nehmen, da diese womöglich unter Schock stünden.

Wachsendes Problem: Zoll hat vor dieser Silvesternacht doppelt so viele illegale Böller und Raketen beschlagnahmt wie im Vorjahr

Der zweite tödliche Silvesterunfall hatte sich wie berichtet in Gusow (Märkisch-Oderland) ereignet. Ein 35-Jähriger zündete im Garten eines Freundes Feuerwerk, das aus ungeklärter Ursache explodierte. Geprüft wird auch hier, ob eine illegale Rakete zum Einsatz kam, die von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) nicht zugelassen war.

In Flecken Zechlin (Ostprignitz-Ruppin) zog sich ein Elfjähriger schwere Gesichtsverletzungen zu, als er aus einer Gruppe heraus mit einem Polenböller beworfen wurde. Nach Angaben des Hauptzollamtes Frankfurt (Oder) nimmt das Problem mit illegalen Raketen ohne EU-Kennzeichnung aus Osteuropa zu. An der deutsch-polnischen Grenze haben die Zöllner 2017 rund 9,5 Tonnen verbotene Sprengkörper beschlagnahmt - fast doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. Die oft in China produzierten, in Polen verkauften Böller haben eine wesentlich höhere Sprengkraft als kontrollierte Ware. Wer mit illegalen Krachern erwischt wird, muss mit einer hohen Geldstrafe rechnen: laut Gesetz sind bis zu 50 000 Euro möglich.

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