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  • 07.12.2017
  • von Anett Kirchner

Berlin-Dahlem: Die spinnen, die Dahlemer!

von Anett Kirchner

Brigitte Flößner-Hofmann (vorn links) hat die Web- und Spinngruppe gegründet. Foto: Anett Kirchner

Auf der Domäne Dahlem wird altes Handwerk gepflegt. Jedes Produkt ist ein Unikat. Und als Weihnachtsgeschenk gut geeignet.

"Wir spinnen, das stimmt, aber bei uns kommt wenigstens am Ende ein Faden heraus.“ Alle lachen. Es ist ein entspanntes Lachen. Die Frauen der Web- und Spinngruppe auf der Domäne Dahlem kennen das schon und nehmen es mit Humor. Beim Thema Spinnen kommt man unweigerlich zu der anderen Bedeutung.

Doch von Herumspinnerei keine Spur. Hier läuft alles in geordneten Bahnen. Jeweils dienstags entstehen in der Werkstatt der ehrenamtlichen Weber- und Spinnerinnen beispielsweise Teppiche, Handtücher, Kissen, Tischdecken, Schals, Topflappen, Puppen und so weiter - jedes Stück ein Unikat, von Hand gefertigt, sicher auch ein schönes Weihnachtsgeschenk.

Die Produkte, die die Weber- und Spinnerinnen in ihrer Werkstatt anfertigen, werden verkauft. Zwischen 3000 und 5000 Euro kommen im Jahr zusammen. Davon finanzieren sie ihre Materialkosten, die Überschüsse werden jeweils der Domäne Dahlem als Spende zur Verfügung gestellt.

Am beliebtesten ist Schaf "Pünktchen"

Am liebsten mag Antonie Portz die Wolle von „Pünktchen“, weil diese wunderschön weich sei. Pünktchen ist ein Schaf und lebt auf der Domäne Dahlem. Seinen Namen bekam es, weil es einen kleinen schwarzen Punkt unterm linken Auge trägt. Wolle zu verspinnen, wie es fachlich korrekt heißt, ist gar nicht so einfach und braucht Übung, erklärt Antonie Portz. Seit 25 Jahren gehört sie inzwischen zu der Gruppe.

Am Spinnrad fühlt sie sich wohl. „Es beruhigt, ist fast wie Meditation“, sagt sie. Aber keineswegs einschläfernd, denn man müsse ständig hinschauen, irgendetwas bewege sich immer - entweder das Rad, die Spule, die Wolle oder die Fäden. Sie holt ein Büschel frisch geschorene Schafwolle hervor: „Ich spinne sie am liebsten ungewaschen, weil das Fett noch drin ist.“ Und sich dadurch der Faden, oder richtig gesagt das Garn, viel besser zwirnen, also verdrehen lasse. Gewaschen werde die gesponnene Wolle dann hinterher.

Aber wie entsteht eigentlich das Garn? Die Fasern der Wolle werden beim Spinnen zwischen den Fingern so lange gezogen und gedreht, bis sich ein fester Faden bildet. Weil dieses Garn durch das Verdrehen einen Drall bekommt und sich so nicht weben oder stricken lässt, muss es später noch mindestens 24 Stunden auf einer sogenannten Haspel gespannt werden. Erst danach kann es losgehen. Nicht alle Fäden, die hier in der Handarbeitsstube nachher verarbeitet werden, sind selbst gesponnen und nicht alle sind aus Wolle. Die meisten Garne werden hinzugekauft, aus Viskose zum Beispiel, bunt oder glitzernd, damit Farbe und Elastizität in die Stoffe kommt.

Fünfzehn Frauen zwischen 45 und 88 Jahren gehören zur festen Gruppe der Weber- und Spinnerinnen auf dem Gelände der Domäne Dahlem. Sie haben ihre Werkstatt neben den anderen historischen Werkstätten eingerichtet, der Töpferei, der Schmiede, Möbelrestaurierung und Vergolder-Werkstatt.

Seit 41 Jahren aktiv

Gründerin der Gruppe ist Brigitte Flößner-Hofmann, die obendrein auch Mitbegründerin des seit 1976 bestehenden Fördervereins „Freunde der Domäne Dahlem“ ist. Die 88-Jährige lebt seit 1954 in Berlin, ursprünglich kommt sie aus dem Erzgebirge. Klöppeln, Häkeln, Stricken, Spinnen und Weben - das lernte sie in der Kindheit und brachte diese Tradition aus ihrer Heimat mit nach Berlin.

„Wir Erzgebirgler können mit Fäden umgehen“, sagt Brigitte Flößner-Hofmann, strafft ihre Schultern, hält den Kopf ein wenig schief und lacht fröhlich. Sie wirkt jetzt 20 Jahre jünger. Das Ehrenamt macht ihr sichtlich Freude - und noch mehr, sie möchte etwas vermitteln, hat gewissermaßen eine Mission: Altes Wissen darf nicht verloren gehen. Denn Spinnen und Weben zählen zu den ältesten Handwerkstechniken der Menschheit.

So begann Brigitte Flößner-Hofmann vor vierzig Jahren, diese Gruppe aufzubauen. Als Grundschullehrerin lagen ihr speziell die Kinder am Herzen. „Wir hatten in West-Berlin ja eine besondere Situation, weil wir eingemauert waren.“ Milch, Fleisch, Brot gab es im Supermarkt: aber woher kamen diese Produkte? Das wollte sie „ihren Kindern“, wie sie sie damals liebevoll nannte, zeigen. Also entwickelte sie das Projekt „Vom Schaf zum Produkt“.

Die Kinder gingen - der Verein blieb

Mit den Jahren wurden die Kinder groß und gingen andere Wege. Eltern, Bekannte, Anwohner kamen aber weiterhin zu ihr. So ergab es sich, dass aus einem Angebot für Kinder ein Angebot für Erwachsene wurde und es bis heute blieb. Regelmäßig kommen Gäste in die Handarbeitsstube, wie auch an diesem Dienstag eine Dame mittleren Alters. Sie schaut den Weberinnen bei der Arbeit zu, will etwas von deren Erfahrungen mitnehmen.

Antonie Portz etwa webt gerade einen Schal. Dabei muss sie zuerst die „Kette“ an den Webkamm und Webrahmen aufziehen. Diese Kettfäden bilden den Träger des Stoffes. Im rechten Winkel werden später abwechselnd - je nach Muster - die sogenannten Schussfäden von einer Webkante zur anderen eingezogen. Mit der Zeit entsteht ein Stoff.

Wie lange das dauert? Brigitte Flößner-Hofmann mag die Frage nicht. Denn heutzutage habe niemand mehr Zeit. „Dinge, die Mühe machen, brauchen aber Zeit“, erklärt sie. Und eine Arbeit, die erfülle, bringe zudem Freude. Trotz der rasanten technischen Entwicklung unserer Zeit schaue sie hoffnungsvoll in die Zukunft. „Ich beobachte vorsichtig, dass die Menschen, die zu uns kommen, das alte Handwerk wieder schätzen.“

Es sei doch erstaunlich, dass sich das Grundprinzip des Webens bis heute nicht verändert habe. Einen Faden rauf, einen Faden runter: fertig.

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