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  • 07.12.2017
  • von Robert Ide

Porträt: In seinen vielen Schichten

von Robert Ide

Ein Jahr, fünf Wochen, vier Stunden. Findet Andrej Holm es schade, nicht mehr im Amt zu sein – als Vorkämpfer einer sozialeren Mieterstadt? „Mal so, mal so.“ Foto: Christian Ditsch/Imago

„Ich habe damals unglücklich agiert“, sagt er, „manchmal auch einfach blöd.“ Berlins Kurzzeit-Staatssekretär Andrej Holm blickt ein Jahr nach der Debatte um seine Stasi-Tätigkeit zurück – und auf sich. Mit anderen Augen.

Wie er da so ankommt, gedrungen, mit einem schweren Gang, sieht es aus, als trage hier einer des eigenen Last. Wie er dann so anfängt zu sprechen, mit heller, bedächtiger Stimme, mit kurzen und längeren Pausen der Nachdenklichkeit, könnte man denken: Vielleicht breitet sich hier Vorsicht innerlich bis ins Äußerste aus. Aber der erste Eindruck täuscht bei Andrej Holm. Diesmal ist das ganz gut.

Ein Jahr nach seinem Amtsantritt als Fünf-Wochen-Staatssekretär einer neuen Berliner Landesregierung, zwölf Jahre nach einem falsch ausgefüllten Fragebogen an der Humboldt-Universität zu seiner jugendlichen Stasi-Tätigkeit, der ihn Glaubwürdigkeit und letztlich sein politisches Amt kostete, ein nichtöffentliches Leben nach dieser öffentlichen Eruption und vier Stunden nach Beginn eines nachdenklichen Gesprächs über Zwischenzeit und Zwischentöne sagt Andrej Holm knapp und klar: „Im Großen und Ganzen geht es mir ganz gut.“ Und verschwindet flink, fast beschwingt auf den Straßen seiner Stadt. Die hatte sich im letzten Winter noch fast verschluckt an seiner Person und seiner Art, mit der eigenen Biografie, dem ihm verliehenen Amt und mit der Öffentlichkeit umzugehen.

Nun verschluckt die Stadt, in der an diesem Abend dieses beginnenden Winters gerade die Dämmerung einsetzt, ihn, den Stadtsoziologen und Stadtbürger Andrej Holm. Und am Ende des Tages geht die Welt nicht unter.

Danach. Manchmal kann das ein neues Davor sein. Was muss dazwischen passieren?

Von der Seele geschrieben

Andrej Holm hat sich ein Buch von der Seele geschrieben, es erscheint in diesen Tagen in einem kleinen Wiener Verlag. Der Titel klingt, als sporne er sich selbst an: „Kommen. Gehen. Bleiben.“ Holm blättert darin in Gesprächsform mit einem befreundeten Journalisten noch einmal seine Biografie auf, in ihren vielen Schichten und mit vielen unglaublichen Geschichten. „Ich wollte, dass von mir nicht nur ein Bild hängenbleibt: Das ist doch der gescheiterte Staatssekretär aus der 150-prozentigen Stasi-Familie, der mit Hilfe der SED-Nachfolgepartei Karriere machen wollte.“

Während er darin so erzählt, von seiner Sozialisation in einer linientreuen sozialistischen Familie, in der Zwischentöne zumindest mal gedacht wurden; von seinem Ausbruch nach dem Umbruch in die autonome Ost-Berliner Hausbesetzerszene, der ihm ein Ermittlungsverfahren wegen Linksterrorismus und eine ungerechtfertigte Haftzeit einbrachte; von seiner Arbeit als Anti-Gentrifizierungs-Wissenschaftler, mit der er sich selbst zum Sprachrohr der Berliner Mieterinitiativen erhob – während sich Holm also selbst offenlegt, Schicht für Schicht aus seiner Sicht, fällt vor allem eines auf: Die Larmoyanz ist weg. Oder nur noch auf wenigen Buchseiten zu finden. Dabei hatte er sie vor einem Jahr noch auf öffentlichen Bühnen vor sich hergetragen, dazu die angebliche oder womögliche Naivität, mit der er die Untiefen in seiner Biografie und seinen eigenen unklaren Umgang damit wegzurelativieren versuchte, diese Ummäntelung seiner selbst. Eine Spur davon ist noch da, etwa wenn Holm zum „typischen Diskursverlauf“ in Stasi-Debatten schreibt: „Es geht in der Regel weniger um eine differenzierte Aufarbeitung von Geschichte als um eine dämonisierende Stigmatisierung.“ Oder, auf sich bezogen: „Es ist mir und auch anderen nicht gelungen, die Berichterstattung als Stimmungsmache zu dekonstruieren und ihr eine andere Erzählung entgegenzusetzen.“

Viele sahen in Berichterstattung Komplott

Die Berichterstattung über den Fall Holm, auch sie gehört zu dieser Geschichte. Nicht wenige von Holms Unterstützern, die für seinen Verbleib zumindest im Uni-Amt sogar das Sozialwissenschaftliche Institut der Humboldt-Universität besetzt hatten, meinten damals in der Diskussion um Holms Befähigung als Berliner Spitzenpolitiker eine Art Komplott von Immobilienwirtschaft, Medien und konservativer West-Berliner Politikkaste auszumachen. Insbesondere dem Tagesspiegel wurde eine Kampagne vorgeworfen. Weil hier zuerst und intensiv die Frage thematisiert wurde, ob Holm als Staatssekretär glaubwürdig und als Personalverantwortlicher in der Verwaltung tragbar ist. Er selbst hatte schließlich 2005 in einem Fragebogen zur Anstellung an der Universität seine einstige hauptamtliche Stasi-Tätigkeit wahrheitswidrig verneint. Stattdessen deklarierte er sie als Wehrdienst bei einem Stasi-Wachregiment – und begründete dies alles nach intensiven Nachfragen und weiteren Recherchen damit, nicht genau gewusst zu haben, wo und wie er seine Offizierslaufbahn als Jugendlicher inmitten der Wendezeit begonnen hatte.

In sozialen Netzwerken und auf öffentlichen Veranstaltungen wurde der Tagesspiegel (und auch der Autor dieser Zeilen) heftig für seine Berichterstattung angegriffen. Auch in seinem Buch kann sich Holm nicht entsagen, einmal von einer „öffentlichen Kampagne gegen mich“ zu sprechen.

Nun, im persönlichen Gespräch ein Jahr später im Café „Gorki Park“ in Mitte, drehen sich die ersten Stunden genau um diese Schichten der Wahrnehmung. Wie hat die Öffentlichkeit, die politische, die mediale, die engagierte und die akut interessierte Öffentlichkeit, damals Holm wahrgenommen? Am Ende wohl eher als unehrlich. Und wie hat Holm diese Öffentlichkeit wahrgenommen? Am Ende wohl eher als unerbittlich.

In die Ecke gedrängt gefühlt

Auch weil viele Medien inzwischen über viele Kanäle über den gesamten Tag verteilt berichten, erst recht bei einer ungelösten Personalie mit historischer und aktueller politischer Sprengkraft: Morgen-Newsletter, Tagesrecherchen, Onlinekommentare, Hintergrundberichte, Liveblogs, Reportagen von Abendveranstaltungen, Social-Media-Debatten. „Wenn einen das selbst betrifft, dann bekommt man das Gefühl, alle zwei Stunden mehr in die Ecke gedrängt zu werden, eben einer Kampagne ausgesetzt zu sein.“

Dass Holm selbst viele Fragen offen ließ, die immer neue Nachfragen hervorriefen, gesteht er heute zu. Dass Medien (und auch der Autor dieser Zeilen) sich manchmal bei der Bewertung anderer auch an ihren eigenen Geprägtheiten orientieren, ist ihm zuzugestehen.

Andrej Holm macht eine Pause der Nachdenklichkeit. Er bestellt sich noch einen russischen Tee hier im Café am umtosten Rosenthaler Platz, in dem noch stolz der rote Stern leuchtet, ironisch natürlich, eine der letzten Enklaven voller oller Lampen und schrammeliger Musik. Mit Spuren des Wendewahnsinns trotzt der Ort der grassierenden Immobilienspekulation und Glattsanierung. Hier trotzt auch Andrej Holm der Versuchung, das Alte zu überhöhen. In seiner Rücktrittserklärung vor einem Jahr hieß es noch: „Nur selten standen sich veröffentlichte Meinung und Stimmung in der Stadtgesellschaft so konträr gegenüber.“ Jetzt sagt er: „Mein Rücktritt zeigt ziemlich genau, dass sich trotz einer starken Unterstützung von Mieter- und Kiezinitiativen viele in der Stadtgesellschaft nicht von mir als Staatssekretär vertreten lassen wollten.“

Heute stärkeres Verständnis

Mit bedächtiger Stimme erklärt Holm seine heutige Sicht auf die damalige Debatte über seinen einstigen Umgang mit seiner früheren Vergangenheit. Holm sagt also: „Es gibt bei mir heute ein stärkeres Verständnis dafür, dass persönliche Glaubwürdigkeit nicht nur am öffentlichen Umgang mit der eigenen Biografie gemessen wird, sondern auch an der formalen Korrektheit eines Fragebogens. Gerade wenn es um Stasi geht, gerade in einer einst geteilten Stadt wie Berlin. Ich habe damals, auch unter dem politischen Druck und unter dem Zeitdruck der Debatte, sicherlich unglücklich agiert, manchmal auch einfach blöd.“ Der partei- und amtlose Stadtbürger Andrej Holm müsste das nicht mehr sagen. Er sagt es aber.

Davor. Dazwischen. Danach. Gesehen aus anderen Augen hinter den gleichen Brillengläsern. Das schaut hier, in diesem alten Café, nicht gleich wie Augenwischerei in eigener Sache aus. Sondern wirkt fast wie ein neuer Blick von Andrej Holm auf sich selbst. Was also ist Dazwischen passiert? „Groll ist nicht meine Perspektive“, sagt er.

Die Mieterinitiativen haben ihn wieder in ihren Kreis eingeschlossen, auf Demos und Foren redet er unverdrossen gegen die Kapitalisierung des Wohnungsmarkts an. Diese kleine Rolle scheint ihm mehr zu liegen als seine kurze große, womöglich auch deshalb, weil nun auch das Publikum wieder ein kleineres geworden ist. Auch sein Umfeld wird wohl erleichtert sein, nicht mehr mit dem vor aller Augen verunsicherten Sohn, Mann und Vater konfrontiert zu werden. Holms Eltern – die Mutter überzeugte DDR-Journalistin, der Vater hauptamtlicher Stasi- Überwacher, die einst den 14-jährigen Andrej eine Verpflichtungserklärung für die DDR-Geheimdienstpolizei unterschrieben ließen – hatten ihrem Sohn vom Amt als Staatssekretär abgerate, von Anfang an. Womöglich aus Scham, womöglich aus der Vorahnung, wie danach das Davor zum Vorschein kommt.

Nicht ins Schneckenhaus

Findet er es schade, nicht mehr im Amt zu sein – als selbst ernannter und amtlich berufener Vorkämpfer einer sozialeren Mieterstadt? Diesmal zögert Holm nicht: „Mal so, mal so.“ Es klingt nicht danach, als halte er ein neues Amt im Licht der Öffentlichkeit für erstrebenswert. Vielleicht ist ihm das einfach zu hell. Es macht aber auch nicht den Anschein, als ziehe sich einer schmollend ins Schneckenhaus der Selbstgewissheit zurück. Womöglich ist Holm einsichtiger geworden, weil er einfach pragmatisch ist, wohl auch harmoniebedürftig. Oder er kann sich einfach gut anpassen.

Der Fall Holm war eine Debatte mit vielen Schichten, so wie der 47 Jahre alte Holm selbst schon ein Leben mit vielen Schichten gelebt hat. Ein Quereinsteiger, Auf- und Absteiger, seit einem Jahr eher ein Aussteiger. Kann man in so einem turbulenten Leben eigentlich bei sich bleiben? „Man wird nicht unbefangener“, sagt Andrej Holm ganz unbefangen.

Er hat wieder zu tun. Ende 2018 darf er an die Uni zurückkehren – die hatte seine Kündigung wegen seiner Falschangaben in eine Abmahnung umgewandelt, nach seiner öffentlichen Entschuldigung. Bis dahin berät Holm die Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus; von den Honoraren kann er mit seiner Familie leben.

Fehlstart für Lompscher

In einem Beraterkreis hat Holm auch wieder mit Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher zu tun. Sie hatte mit seiner Berufung selbst einen Fehlstart hingelegt, den sie noch nicht durch neue Akzente auf dem traditionellen SPD-Baugrund der Stadt vergessen machen konnte. Auch die rot-rot-grüne Koalition wartet ein Jahr nach Amtsantritt auf große Erfolge. Angetreten als Modellprojekt für den Bund, zerstritt sich das Dreierbündnis über Holm beinahe bis zur sofortigen Wiederauflösung – und bis heute ringen die Spitzen untereinander, wer im rot-rot-grünen Rathaus das Sagen hat.

Neben diesen politischen Fingerzeigen in die Gegenwart hat die Debatte um Holm eine vielschichtige gegenwärtige Dimension. Denn es ging eben nicht nur um die Stasi-Vergangenheit eines Jugendlichen, sondern um seinen Umgang damit als Erwachsener, dann als Politiker, und eben den Umgang der Öffentlichkeit mit einem solchen Umgang. In einer Stadt, in der viele Menschen genau mit solchen Fragen in ihren eigenen Biografien umgehen müssen und in der DDR-Opfer um Gehör und Gespür für ihre Leiden kämpfen. 27 Jahre sind eigentlich keine lange Zwischenzeit.

Was ist da ein politisch verlorenes Jahr? Ein Dazwischen.

Am Ende die schmerzhafte Niederlage

Holm tröstet das nur teilweise. „Es war keine freudvolle Erfahrung und am Ende natürlich eine schmerzhafte Niederlage“, bilanziert er. „Aber ja, diese Debatte wird bleiben.“ Und, nun ja, „inzwischen grüßen mich zumindest die Koalitionäre im Abgeordnetenhaus wieder freundlich.“ Nach fünf intensiven Wochen im öffentlichen Meinungskampf und auf der politischen Bühne wirft Andrej Holm einen Blick auf sich mit anderen eigenen Augen, wenn auch erst nachträglich. Aber immerhin nicht besonders nachtragend. „Ich hatte die Chance, den Fuß in der Tür zu haben. Jetzt stehe ich wieder draußen. Aber immerhin ist die Tür noch geöffnet.“

Andrej Holm steht auf, zahlt seinen Tee und geht zur Tür. Fünf Wochen. Ein Jahr. Vier Stunden. Und am Ende des Tages geht die Welt nicht unter.

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