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  • 24.11.2017
  • von Emine Babac und Wolfgang Henrich

Hausgeburt: Kreißsaal oder Wohnzimmer

von Emine Babac und Wolfgang Henrich

Emine Babac ist freiberufliche Hebamme. Zurzeit lebt sie in London. Foto: promo

Die Hausgeburt ist umstritten. Zwei Experten vertreten ihre Standpunkte in einem Pro und Contra.

PRO

Das Thema der Sicherheit hat in der Geburtshilfe immer oberste Priorität. Wenn es um Hausgeburten geht, wird Sicherheit kontrovers und, selbst in der Wissenschaft, sehr emotional diskutiert. Sind Hausgeburten gefährlich und eine Frau, die sich eine Hausgeburt wünscht, mutig oder gar verantwortungslos? Die Antwort ist klar und deutlich: Nein! Eine Hausgeburt kann mindestens ebenso sicher sein, wie eine Geburt im Krankenhaus. Sie ist allerdings meist mit weniger Interventionen verbunden. Frauen, die eine Hausgeburt planen, haben eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit, normal zu gebären. Die Kaiserschnitt-Rate ist wesentlich geringer.

Warum also hat die Hausgeburtshilfe so einen schlechten Ruf? Bei einer Hausgeburt ist mal ein Kind gestorben. Bei einer anderen ist das Kind behindert zur Welt gekommen. Solche und ähnliche Schreckensmeldungen werden immer wieder gern publiziert, weil sie sich gut verkaufen. Fakt ist: Die Zahl der Kinder, die unter der Geburt versterben oder Behinderungen erleiden, sind bei Klinik- und Hausgeburten sehr ähnlich. Die Frau, deren Kind allerdings in der Klinik verstorben ist, landet nicht in den Nachrichten. Immerhin hat doch jeder dort sein Möglichstes getan, um dieses Kind zu „retten“.

Warum allerdings gehen wir davon aus, dass Hebammen bei Hausgeburten Babys einfach sterben lassen und Mütter unverantwortlich sind? Was spricht für manche Frauen für eine Hausgeburt und gegen eine Klinikgeburt?

Bei einem normalen Schwangerschaftsverlauf ist es sehr wahrscheinlich, dass auch die Geburt normal verlaufen wird. Notfälle sind bei Hausgeburten nur äußerst selten und kündigen sich zumeist mit Warnsignalen an, ab denen man noch korrigierend eingreifen kann. Sie passieren nur in den extremsten Ausnahmefällen ohne Vorwarnung und verlaufen plötzlich fatal. Die Wahrscheinlichkeit, an einem Autounfall zu sterben, ist höher. Dennoch fahren wir mit unseren Kindern tagtäglich Auto und sperren sie nicht in einen Hochsicherheitstrakt.

Frauen, die eine Hausgeburt erlebt haben, sind zufriedener

Was sind die Vorteile einer Hausgeburt? Es sind weniger Interventionen nötig, wie etwa das Anlegen eines Zugangs über die Venen, Eröffnung der Fruchtblase oder Dammschnitte, die oft Folgeinterventionen notwendig machen und damit die Gesundheit von Mutter und/oder Kind beeinträchtigen können. Das gewohnte Umfeld der Mutter hilft ihr meist, sich zu entspannen. Entspannung sorgt für einen ausbalancierten Hormonhaushalt, der die Ausschüttung von Stresshormonen unterdrückt. Somit kann die Geburt besser funktionieren und Frau kann besser mit den Wehen umgehen. Sie braucht seltener Schmerzmittel, kann sich freier bewegen, was nicht zuletzt dazu beiträgt, dass das Kind „einfacher“ geboren werden kann.

Und schließlich ist der Punkt Zufriedenheit der Mutter nicht zu unterschätzen. Frauen, die eine Hausgeburt erlebt haben, sind meist wesentlich zufriedener mit ihrer Geburt. Ihre mentale Gesundheit ist daher weniger gefährdet als bei einer Klinikgeburt.

Bei Kindern, deren Mütter nach der Geburt an Wochenbettdepressionen oder Posttraumatischem-Stress-Syndrom litten, wurden schwerste gesundheitliche und persönliche Entwicklungseinschränkungen bis hin zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und zukünftiger Drogensucht sowie Verhaltensauffälligkeiten und Lernschwierigkeiten diagnostiziert. Vor diesem Hintergrund muss man anerkennen, dass die Erfahrung der Mutter bei und nach der Geburt auch den weiteren Lebensweg ihrer Kinder beeinflussen kann.

Und wo kann es einer Mutter besser gehen und wo kann sie geborgener gebären als in ihrem eigenen Zuhause - vorausgesetzt, dass das der Ort ist, an dem sie sich am sichersten fühlt und dass sie dort gut und respektvoll betreut wird.

Emine Babac ist freiberufliche Hebamme. Zurzeit lebt sie in London

CONTRA

Verantwortungsvolle Eltern achten nach der Geburt akribisch auf den sicheren Kindersitz, biologisch erzeugte Nahrungsmittel und auf schadstofffreie Kleidungsstücke. In gleicher Weise besteht in unserer Gesellschaft ein hohes Sicherheitsbedürfnis bei medizinischen Behandlungen, und gesetzliche Bestimmungen fordern deshalb dafür hohe Qualitäts- und Ausbildungsstandards. Da verwundert es, wenn eine Hausgeburt alleine oder in Begleitung einer frisch examinierten Hebamme nach dreijähriger Ausbildungszeit gesetzlich erlaubt ist.

Viele außerklinisch begonnene Geburten enden in einer Klinik. In den Niederlanden - früher eine Hochburg der Hausgeburtshilfe - wurden fast 50 Prozent der bei einer Hausgeburt Erstgebärenden in eine Klinik verlegt. In Deutschland soll die Verlegungsrate bis zu einem Drittel betragen. Zu den häufigsten Verlegungsgründen zählen ein sehr langer Geburtsverlauf oder die unerwartet starken Schmerzen mit dem Wunsch nach einer Periduralanästhesie (PDA).

Durch den Transport von Schwangeren während der Geburt entstehen unweigerlich Verzögerungen der erforderlichen Maßnahmen. Dabei ergab sich, dass die verlegten Schwangeren eine höhere Rate operativer Geburten aufwiesen als Frauen, die sich von Anfang an für eine Klinikgeburt entschieden. Hinzu kommen ernste psychologische Probleme bei den Müttern, die während der Geburt verlegt werden müssen. Laut einer holländischen Studie war bei 17 Prozent der verlegten Frauen nach drei Jahren das Psychotrauma so hoch, dass eine Therapie erforderlich war - beispielsweise weil sie bei schlechten Herztönen um ihr Kind fürchteten oder sich plötzlich starke Blutungen eingestellt haben.

In der britischen "Homebirth Study" von 2011 wurden die Risiken für die Kinder nach einem Transport in eine Klinik untersucht. Dabei lagen die Todesfälle bei 13 Prozent, Hirnschädigungen bei 46 Prozent.

Es ist unverständlich, dass die Risiken als akzeptabel beurteilt werden

Eltern, die sich für eine Hausgeburt entscheiden, kennen diese Fakten entweder nicht oder sie stellen ihr Recht auf Selbstbestimmung des Geburtsortes über das Interesse des ungeborenen Kindes, in einem Umfeld mit maximaler medizinischer Sicherheit geboren zu werden. Da mit den Geburtswehen aus dem Ungeborenen im medizinischen und ethischen Sinne eine Person wird, stellt sich die Frage, inwieweit das Ungeborene ein Recht darauf hat, in Sicherheit geboren zu werden. Die Fachzeitschrift Lancet hat den Konflikt, der sich aus den unterschiedlichen Interessen der Schwangeren und des Kindes ergibt, zusammengefasst: "Frauen haben das Recht zu wählen, wo sie gebären, aber sie haben nicht das Recht, ihr Kind in Gefahr zu bringen."

Unwissenschaftlich sind Vergleichsstudien zwischen Haus- und Klinikgeburten, wenn notwendige Klinikinterventionen nach abgebrochener Hausgeburt der Klinikstatistik zugeordnet werden. Vaginal-operative Entbindungen oder Kaiserschnitte werden nun mal nicht zu Hause durchgeführt.

Hausgeburten scheinen kostengünstiger. Nimmt man aber die Kosten einer abgebrochenen Hausgeburt, Transportkosten und Klinik- und poststationäre Behandlungskosten durch Geburtsschäden dazu, wird offensichtlich, dass es keine ökonomischen Argumente für die Hausgeburt gibt. Im Gegenteil, ein überlebendes Kind mit schweren Hirnschäden kostet Millionen.

In westlichen Ländern werden Hausgeburten von der Gesundheitspolitik akzeptiert und bezahlt. Es ist unverständlich, dass die Risiken als akzeptabel beurteilt werden und die Gesetzgebung vermeidbare Sterblichkeit und Gesundheitsschäden zugunsten einer romantisch verklärenden Ideologie duldet. Gesetze zur Vermeidung der Kindeswohlgefährdung sind längst überfällig, denn nichts ist kostbarer als unsere Kinder.

Wolfgang Henrich ist Direktor der Klink für Geburtsmedizin an der Charité.

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