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  • 11.11.2017
  • von Andreas Conrad

Kulinarisches Brauchtum: Martin, der heilige Vegetarier

von Andreas Conrad

Schlechte Zeiten für Gänse. Die meisten enden als Martins- oder Weihnachtsbraten. Foto: Matthias Bein/dpa

Verschmähte Sankt Martin Fleisch? Tierschützer glauben dies und erheben Einwände gegen Gänsebraten. Eine Glosse

Der große Tierfreund Bernhard Grzimek – nicht der mit der Steinlaus, der echte! – hat nie ein Geheimnis darum gemacht, dass er kein Vegetarier war. „Ich esse Fleisch und Wurst“, so liest man es etwa in seinem Klassiker „Serengeti darf nicht sterben“. Man könnte ihn also als Gewährsmann dafür ansehen, dass die Liebe zum Tier wie zum Steak einander nicht grundsätzlich ausschließen. Was umgekehrt nicht bedeutet, dass ein „hilfsbereiter und barmherziger Mann, der sich sehr für Tiere eingesetzt hat“, zwingend Vegetarier ist, folglich eine Martinsgans nie anrühren würde.

Ja, jetzt geht es ihnen an den Kragen. Sie sind wochenlang gemästet worden, unter gewiss oft fragwürdigen, alles andere als artgerechten Bedingungen. Vom Martinstag, also heute an kommen sie auf den Teller, denn wie man gerade in Berlin weiß: „Ne jut jebratne Jans...“ – na, Sie kennen das.

„Sankt Martin würde sich sicherlich im Grabe umdrehen"

Zurück zu dem barmherzigen Tierfreund, zum Heiligen Martin also, der sich angeblich, um nicht Bischof von Tours werden zu müssen, in einem Gänsestall versteckt hatte, leider vergeblich, ihr Geschnatter hat ihn verraten. Schon möglich, dass der knusprig-braune Brauch dank dieser historischen Panne zustande kam, und er wäre um so verwerflicher, sollte es sich bei dem Heiligen um einen Vegetarier gehandelt haben.

Der Berliner Verein Deutsches Tierschutzbüro aber vermutet genau dies, stützt sich dabei auf Martins bekanntermaßen asketische Lebensführung, während Fleisch „früher als Zeichen für Herrschaft und Reichtum“ gegolten habe. Zudem habe Martin „Schutz bei seinen Freunden, den Gänsen“ gesucht.

Und dann erst die haarsträubenden Mastbedingungen – für den Vereinsvorsitzenden Jan Peifer bleibt nur ein Schluss: „Sankt Martin würde sich sicherlich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, dass anlässlich des Tages seiner Heiligsprechung Gänsefleisch gegessen wird.“

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