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  • 11.08.2017
  • von Bastian Benrath

Alte Bahnhöfe in Brandenburg: Wohnen, wo andere aussteigen

von Bastian Benrath

Bahnhofsvorsteher. Thomas Wittstock vor seinem Bahnhofsgebäude in Falkenberg/Mark. Bereits seit Längerem verkauft die Bahn sukzessive Bahnhofsgebäude, die sie für den laufenden Betrieb nicht mehr braucht. Foto: Patrick Pleul/dpa

Bereits seit Längerem verkauft die Bahn ihre Bahnhofsgebäude, die sie für den laufenden Betrieb nicht mehr braucht. Thomas Wittstock ist in einen alten Bahnhof in Brandenburg gezogen.

Falkenberg/Mark - Grauer Pferdeschwanz, Lachfalten, offenes Karohemd: Thomas Wittstock ist äußerlich nicht unbedingt das, was man sich unter einem typischen Immobilienunternehmer vorstellt. Trotzdem ist der 63-Jährige einer – mit besonderen Immobilien: Wittstock kauft Bahnhöfe. An einem Sommertag steht er auf dem Bahnsteig vor dem Bahnhof, in den er selbst eingezogen ist. Er liegt in Falkenberg/Mark, im Oderbruch, nordöstlich von Berlin. Das Empfangsgebäude ist eines von inzwischen neun ehemaligen Bahnimmobilien, die Wittstock in den vergangenen Jahren gekauft hat.

Wittstock tut an den Gebäuden, was nötig ist, und vermietet sie weiter. Mit den Mieteinnahmen finanziert er den Kauf. „Ich hab’ gesehen: Die lassen sich amortisieren“, sagt er. In vier bis fünf Jahren sei der Kaufpreis abbezahlt. „Die Gebäude sind so, dass man sie mit relativ geringem Aufwand auch für heutige Verhältnisse vermieten kann“, sagt er. „Zumindest, wenn man nicht zwei linke Hände hat.“

Bereits seit Längerem verkauft die Bahn ihre Bahnhofsgebäude, die sie für den laufenden Betrieb nicht mehr braucht. Mehr als 2100 Empfangsgebäude haben seit 1999 den Besitzer gewechselt. Käufer sind Privatleute, Unternehmen und Kommunen. Die neue Nutzung hängt vom Käufer ab: In  Bad Saarow (Oder-Spree) sitzt im alten Bahnhof heute das Standesamt, in Bad Wilsnack (Prignitz) die Touristen-Information und ein Bistro. Andere alte Bahnhofsgebäude in ganz Deutschland werden etwa als Groß-WG, Veranstaltungsbühne oder Atelier genutzt – wie der Bahnhof von Thomas Wittstock in Falkenberg. Seine Lebensgefährtin Ariane Boss ist Künstlerin und hat ihren Arbeitsplatz im Erdgeschoss des alten Stellwerks eingerichtet.

Auf die Idee, in alte Bahnhöfe zu investieren, kam Wittstock zufällig, als er nach einem neuen Wohn- und Arbeitsraum für sie suchte. Er habe festgestellt, dass sich gerade in Ostdeutschland viele alte Bahnhöfe günstig kaufen ließen. Erst kaufte er einen Block mit Bahnbeamten-Wohnungen, dann kamen Empfangsgebäude hinzu. „Wir haben das eine gesucht und das andere gefunden“, sagt er. Auf dem Gelände des Falkenberger Bahnhofs wohnen mit allen Untermietern inzwischen zwei Dutzend Menschen.

Züge halten immer am Bahnsteig in Falkenberg, zweimal stündlich kommt die Regionalbahn. Aber die meisten Empfangsgebäude, welche die Bahn heute verkauft, stammen aus dem Dampflokzeitalter. Wo es früher Stationsvorsteher, Schalterbeamte und Gepäckabfertiger brauchte, reichen heute an ländlichen Haltepunkten ein Bahnsteig und ein Fahrkartenautomat. Die Gebäude aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert sind zu groß und für den Bahnbetrieb überflüssig.

In Falkenberg ersetzt jetzt ein Wartehäuschen „Marke Bushaltestelle“ – so Wittstock – das Empfangsgebäude. Der Bahnbetrieb läuft vor seiner Tür weiter. Der Lärm der Züge stört ihn nicht. „Die meisten Leute wohnen doch an einer Straße, wo es den ganzen Tag tost.“ Die regelmäßige Regionalbahn gebe dem Leben hingegen einen Rhythmus: „Der Zug um halb elf ist unser Gute-Nacht-Zug – wenn der da war, kann man getrost ins Bett gehen.“ Darüber, was die Bahn mit dem Verkauf der alten Bahnhöfe verdient, hüllt sich das Unternehmen in Schweigen. Besonders viel ist es wohl nicht. Fokus bei den Verkäufen sei es, wirtschaftliche und andere Risiken für die Bahn zu reduzieren, so ein Sprecher. Heißt im Klartext: Die Bahn will verhindern, dass die nicht mehr benötigten Gebäude sie weiter Geld kosten. (dpa)

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