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  • 04.08.2017
  • von Michael Billig

Schmutzige Deals: Der nächste Müllrausch

von Michael Billig

Abfallerbe. In Brandenburg existieren aktuell 120 illegale Deponien und Abfalllager. Viele stammen aus der Blütezeit der Müllmafia in den 2000er Jahren. Und manche Müllschieber schlagen immer wieder zu. Foto: Michael Billig

Eigentümer von Sand- und Kiesgruben in Brandenburg wollen ihre ausgebeuteten Lagerstätten wieder auffüllen – mit Müll. Unter den Betreibern der Deponien sind dubiose Unternehmer. Ihre illegalen Hinterlassenschaften belasten bis heute Land, Leute und die Umwelt. Dennoch dürfen sie neue Müllberge errichten.

In Alt Golm, rund 80 Kilometer südöstlich von Berlin, ist es bald so weit. An einem Tag im Mai spielt die Bergkapelle aus dem nahegelegenen Rüdersdorf das Steigerlied und Frits Hendriks sticht mit einem Spaten in den märkischen Sand. Hendriks ist der Deponiemacher von Alt Golm, einem Ortsteil der Gemeinde Rietz Neuendorf im Landkreis Landkreis Oder-Spree. Der 66-Jährige hat dafür gesorgt, dass aus der Kiesgrube vor dem Dorf eine Deponie werden darf.

Hendriks ist Geschäftsführer eines Unternehmens, das sich auf derlei spezialisiert hat. Er hat die Deponie geplant, hat Anträge an Behörden formuliert und Genehmigungen eingeholt. Und vor allem hat er alle von sich und von dem Vorhaben überzeugt. Selten geht heutzutage ein Deponieprojekt so geräuschlos über die Bühne. Anderswo gehen Bürger auf die Barrikaden. In Alt Golm gibt es keine Widerstände. Mit dem symbolischen ersten Spatenstich, den traditionell schwarz uniformierten Musikanten und rund 40 geladenen Gästen aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung feiert Hendriks den Baubeginn.

Eine Studie sieht die Kapazitäten für Deponien in Brandenburg am Ende

Alt Golm ist erst der Anfang. Bauwirtschaft und Industrie brauchen mehr Platz für ihren Müll, wie das Landesamt für Umwelt festgestellt hat. Die bestehenden Deponiekapazitäten in Brandenburg sollen einer Studie zufolge schon im nächsten Jahr erschöpft sein. Auch in anderen Regionen Deutschlands mangelt es an Endlagern für Schutt von Baustellen und Asche aus Kraftwerken und Müllverbrennungsanlagen, für Schlacke aus Stahlwerken, Sande aus Gießereien und Schlamm aus Klärwerken. Der Wirtschaft drohen weitere Wege und höhere Kosten für die Entsorgung ihrer Abfälle.

Die Meab, die Entsorgungsgesellschaft der Länder Berlin und Brandenburg, wirkt dem Engpass bereits entgegen. Sie vergrößert ihre Deponie in Schöneiche. Auch andere Deponiebetreiber bauen aus. Zu den Erweiterungen kommen neue Standorte in Tagebaulöchern. Zurzeit befinden sich allein in Brandenburg rund ein Dutzend Deponieprojekte in Planung. Es geht um viele Millionen Tonnen Müll – und um viel Geld.

Männer im Hintergrund erhoffen sich doppelten Gewinn

Nächstes Jahr soll der erste von insgesamt drei Bauabschnitten in Alt Golm fertig sein. Dann können die Mülltransporte anrollen. Dann rollt auch der Euro. Allerdings weniger für Deponiemacher Hendriks. Die, die mit dem Betrieb der Deponie Kasse machen wollen, nehmen keinen Spaten in die Hand. Bei dem Festakt in der Grube stehen sie ein paar Schritte entfernt, sehen der Zeremonie zu. Sie bleiben wie schon über die gesamte Planungszeit im Hintergrund, überlassen Hendriks den offiziellen Teil. Zwar sind es ihre 1,6 Millionen Euro, die bislang in das Deponieprojekt geflossen sind. Ihnen gehört der Tagebau, einer war sogar mal Geschäftsführer von Hendriks’ Planungsfirma, die den Bauantrag für die Deponie gestellt hat, und ist dort nun Prokurist. Frits Hendriks aber führt die Geschäfte. Es ist seine Unterschrift, die unter den Antragsunterlagen steht. Sein Name ist sauber. Ihrer ist es nicht.

Hartmut und Bernd Kiesewetter sind seit der Wende im Abfallgeschäft tätig. Aus einem kleinen Transportunternehmen haben die beiden Brüder einen mittelständischen Entsorgungsbetrieb gemacht. Container und Lastwagen mit der Aufschrift „Kiesewetter“ gehören zur Mark wie der Sand und die Seen. Seit 2004 beuten die Kiesewetters auch den Kiessandtagebau Alt Golm aus. Doch mit Sand und Kies lässt sich nicht so viel Geld verdienen wie mit Abfall. Ein Tagebaubetreiber darf zwar das Loch, das er in den brandenburgischen Boden reißt, befüllen, aber lediglich mit harmlosen Bauschutt, und auch nur so viel wie zur Herstellung des ursprünglichen Landschaftsbildes nötig. Auch das ist nicht das ganz große Geschäft.

Dunkles Bündnis von Kies-Fürsten und Müll-Baronen

Das erhoffen sich nun die Kiesewetters von einer richtigen Deponie. Mit Müll sollen ihre Lastwagen künftig in die Grube fahren, mit Kies wieder heraus. „Doppelten Gewinn“ verspricht sich Hartmut Kiesewetter, wie er in einem Gespräch am Rande des Spatenstichs erzählt.

Mit Müll richtig viel Kies gescheffelt haben Grubenbetreiber Mitte bis Ende der 2000er Jahre. Damals gingen Kies-Fürsten und Müll-Barone ein dunkles Bündnis ein und betrieben in den Tagebauen des Landes schwarze Deponien. Fast zwei Millionen Tonnen Haushaltsreste, Baustellenabfälle und Industriemüll wurden in den Gruben Brandenburgs verscharrt – von Unternehmern wie den Kiesewetters.

Die Brüder beschmutzten damals nicht nur ihren Namen. Wo ihre Lastwagen abkippten, ist heute der Boden kontaminiert und das Grundwasser gefährdet.

Müllsünden der Kiesewetters sind heute Altlasten einer illegalen Deponie 

Die eigene Grube verschonten sie. Hartmut und Bernd Kiesewetter verschoben ihren Dreck anderthalb Autostunden nach Südwesten Richtung Jüterbog zur Kiesgrube Markendorf. Dort wurde alles verscharrt: Verpackungsmüll aus dem Gelben Sack, benutzte Windeln aus Pflegeeinrichten, öl- und teerhaltige Abfälle, asbesthaltige Dämmstoffe, mit Quecksilber und Polychlorierten Biphenylen (PCB) belasteter Abbruch. Im Sommer 2007 flog der illegale Deponiebetrieb auf. Seither modert der giftige Dreck vor sich hin. Mindestens 400 Lkw-Ladungen stammen von den Kiesewetters.

Auf diese Müllsünde angesprochen reagiert Hartmut Kiesewetter ruhig und gelassen. „Das war alles nur Bauschutt“, behauptet er heute. Doch Bauschutt hätte in die eigene Grube gekonnt. „Es war billig“, begründet er die Lieferungen ins rund 100 Kilometer entfernte Markendorf. Die Kiesewetters haben dort 40 bis 70 Euro pro Tonne bezahlt, wie der Abfallmakler, der damals den Deal zwischen ihnen und den Betreibern der illegalen Deponie eingefädelt hatte, später im Verhör mit der Polizei aussagte. Die rund 9 000 Tonnen, die sie insgesamt in das Dreckloch schütteten, sollen die Kiesewetters rund eine halbe Million Euro gekostet haben. Das ist nicht billig. Das ist teuer. Es sei denn, es hat sich bei den verklappten Materialien um Stoffe gehandelt, deren legale Entsorgung noch viel kostspieliger gewesen wäre: zum Beispiel um gefährlichen Abfall.

Amtsgericht Luckenwalde: „Beihilfe zum unerlaubten Umgang mit gefährlichem Abfall“

Das Amtsgericht Luckenwalde sah genau das als erwiesen an und verurteilte sowohl Hartmut als auch Bernd Kiesewetter im Oktober 2010 wegen „Beihilfe zum unerlaubten Umgang mit gefährlichem Abfall“ zu einer Freiheitsstrafe von neun Monaten. Die Strafen wurden zur Bewährung ausgesetzt. Damit blieben die Brüder zwar auf freiem Fuß. Mit einen Antrag für eine Deponie brauchten sie allerdings nicht mehr beim Landesamt für Umwelt, der zuständigen Genehmigungsbehörde, auflaufen.

Wer in Deutschland eine Deponie errichten und betreiben will, muss eine weiße Weste haben. Laut dem Kreislaufwirtschaftsgesetz darf eine Genehmigung nur dann erteilt werden, „wenn keine Tatsachen bekannt sind, aus denen sich Bedenken gegen die Zuverlässigkeit des Betreibers ergeben“.

Weitere vorbelastete Unternehmer drängen in das Millionen-Geschäft

Die Kiesewetters sind nicht die einzigen vorbelasteten Unternehmer, die jetzt ins Millionen-Geschäft mit den Deponien einsteigen. Auch Götz Eckert mit seiner Firma BZR will ein Loch in einen Müllberg verwandeln. Dieses Mal legal. Bis 2007 versuchte er es ohne die nötige Erlaubnis, verklappte rund 20 000 Tonnen in der Kiesgrube Fresdorfer Heide bei Michendorf (Potsdam–Mittelmark) – und wurde erwischt. Auch er wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Die Behörden erwirkten daraufhin seine Ablösung als Geschäftsführer. Ein anderer übernahm. Der Plan, die Grube in eine Deponie umzufunktionieren, aber blieb. Und auch der Mann hinter diesem Plan verschwand nicht einfach. „Ich baue in der Fresdorfer Heide die modernste Deponie Deutschlands“, soll Eckert im November 2015 auf einer öffentlichen Versammlung zu besorgten Bürgern gesagt haben.

Heute will er sich nicht mehr öffentlich äußern. Weder auf einer Versammlung noch gegenüber Journalisten. „Wir beantworten zurzeit keine Fragen“, heißt es aus dem Unternehmen. Götz Eckert schweigt. Das Sagen im Unternehmen hat er aber immer noch. Dafür spricht seine Rolle als Gesellschafter der BZR. Alleiniger Gesellschafter ist zwar nicht er persönlich, sondern eine Firma aus Berlin. Doch die gehört zu hundert Prozent seiner Familie. Zusammen mit zwei seiner Angehörigen hält er alle Anteile an dieser Gesellschaft und somit auch an der BZR, die die Deponie im Tagebau Fresdorfer Heide plant.

120 illegale Deponien und Abfalllager in Brandenburg

Zu seinem verschachtelten Firmenimperium zählt weiterhin die G. Eckert Umweltservice GmbH in Berlin, bei der er offiziell Geschäftsführer ist – zusammen mit einem anderen Geschäftsführer, einem Entsorgungsunternehmer aus Bernau, der wiederum mit einer anderen Firma bei den Behörden unter besonderer Beobachtung stehen dürfte: Die Achtundachtzigste Vermögensverwaltung GmbH, wie sich dessen Firma nennt, steht auf einer Liste von Unternehmen, die illegale Abfalllager betreiben oder betrieben haben. Diese Liste wurde vor etwa einem Jahr vom Umweltministerium des Landes Brandenburg veröffentlicht.

Nach PNN-Informationen existieren in Brandenburg aktuell 120 illegale Deponien und Abfalllager. Manche Müllschieber schlagen immer wieder zu. Sie lassen sich auch von Geldbußen und der Androhung von Gefängnis nicht abschrecken. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Behörden es mit schwarzen Schafen zu tun bekommen, ist hoch. Zwar prüfen sie, wem sie den Betrieb eines Tagebaus, einer Recyclinganlage oder einer Deponie erlauben und wem nicht. Sie suchen etwa im Führungszeugnis der Antragssteller und im Gewerbezentralregister nach Verfehlungen. Nur wenn sie da nichts finden, erteilen sie eine Genehmigung. Doch diese Überprüfung hat blinde Flecken. So werden die, die das große Müllrad drehen, die Chefs und Strippenzieher, oftmals gar nicht von den Behörden erfasst.

Schmutzige Deals: Belastete Hintermänner haben leichtes Spiel

Geschäftsführer und Betriebsleiter in einer Firma werden durchleuchtet, nicht aber die Hintermänner. Der Geschäftsführer der Kiesgrube Markendorf, in die auch die Kiesewetters illegal Müll verfrachteten, fungierte als Strohmann. Er war nur auf dem Papier der Chef. Die wahren Bosse waren der Grubenbesitzer und ein Entsorgungsunternehmer aus Berlin. Sie gaben die Kommandos und machten das Geld. Faktisch führten sie die Geschäfte. Er führte den Radlader.

„Es stand nichts im Gewerbezentralregister“, ist die Antwort einer Mitarbeiterin des brandenburgischen Umweltamtes auf die Frage, ob Frits Hendriks von der Behörde überprüft wurde. Hätte sich der Deponiemacher von Alt Golm etwas zu Schulden kommen lassen und wäre er dafür strafrechtlich zur Verantwortung gezogen worden, es stünde in diesem Register. Doch er wurde nicht belangt. Hendriks sagt selbst: „Wer einmal aufgefallen ist, für den ist das das Aus.“ Offenbar ist der Mann noch niemanden aufgefallen. Auch das zeichnet ihn aus: Nicht aufzufallen – mit dem sachlich-seriösen Auftreten eines Hochschullehrers.

Brandenburgs größtes und gefährlichstes illegales Abfalllager unter freiem Himmel

Hendriks kommt ursprünglich gar nicht aus der Abfallwirtschaft. Der 66-Jährige entstammt der Wissenschaft, war Mitte der 1990er Jahre sogar Professor für Geologie an der Technischen Universität Berlin. Als Forscher befasste er sich mit Tongestein. „Ton wird genutzt für die Abdeckung von Deponien. So bin ich in das Geschäft gekommen. Deswegen hat man mich geholt“, erzählt er über seinen Wechsel vom Hochschul- zum Deponiebetrieb.

Vor Alt Golm war Hendriks als Abfallmakler tätig, hat Müll zwischen Produzenten und Entsorgern vermittelt wie ein Immobilienmakler Wohnungen zwischen Eigentümern und Mietern.

Und davor? Frits Hendriks ist nicht der Saubermann, den er gibt und für den ihn die Behörden halten. Seine Müllsünde liegt nur etwas weiter zurück. Doch sie liegt noch da: rund 80 000 Tonnen Plastikmüll und anderer Dreck, darunter krebserregende Materialien wie Mineralwolle und Asbest. Brandenburgs größtes und gefährlichstes illegales Abfalllager unter freiem Himmel. Seit 14 Jahren befindet es sich in dem kleinen Ort Vogelsdorf im Landkreis Märkisch-Oderland, kurz hinter der Ostgrenze Berlins. „Diese Anlage hatte sich sukzessive zu einer reinen Anlage zur planlosen Ablagerung von Abfällen entwickelt“, heißt es in Akten des Landesamtes für Umwelt.

Auf einer Liste mit insgesamt 45 schwarzen Halden, die die Behörde nach ihrem Gefahrenpotenzial erstellt hat, steht Vogelsdorf ganz oben. Betreiber dieser Anlage war von 1999 bis 2003 ein Firma, in der Frits Hendriks erst Mitgesellschafter, ab 2001 auch Geschäftsführer war.

Eine verräterische Unterschrift

Heute weist er jegliche Verantwortung von sich. „Der Anlagenbetrieb unterlag nicht meiner Kontrolle“, sagt er. Doch in den Akten steht sein Name, die gleiche Unterschrift wie unter den Antragsunterlagen für die Deponie in Alt Golm. Nur damals ging es um ein Entsorgungskonzept, um Vereinbarungen, die gebrochen wurden. Statt Müll zu entsorgen, schaffte Hendriks’ Firma noch mehr heran. 2001 brannte das Lager. Als die Behörden eine finanzielle Absicherung für den Betrieb forderten, stellt er diesen ohne Vorwarnung ein.

Seine Firma ging damals über Nacht Bankrott. Von ihr war nichts mehr zu holen, außer den tausenden Tonnen Müll. Doch die will bis heute niemand haben.

Die Entsorgung würde einem Gutachten zufolge, erstellt für die Landesbehörden, bis zu zwölf Millionen Euro kosten. Da sich weder Frits Hendriks noch jemand anderes dafür verantwortlich fühlt und schon gar nicht so viel Geld bezahlen will, rottet die gefährliche Hinterlassenschaft des Professors weiter unter der Sonne Brandenburgs vor sich hin.

Diese Recherche wurde durch den Verein „Netzwerk-Recherche“ und mit einem Stipendium der gemeinnützigen Olin gGmbH gefördert.

Der Autor betreibt das Blog muellrausch.de

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